Ein Bodycheck für die Gesundheit

Gesundheit ist in – auch für Unternehmen. Die haben es mit stetig älter werdenden Mitarbeitern zu tun, um deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter man sich kümmern muss. Immer beliebter werden dabei Gesundheits-Checks. Nach der Studie „Gesundheitsmanagement 2010“ von EuPD Research bietet knapp die Hälfte der 150 befragten vornehmlich größeren Unternehmen in Deutschland ihren Führungskräften diese Art von Gesundheitsvorsorge an, womit laut Timo Henssler von EuPD gut ein Drittel der Führungskräfte erreicht wird. Vor zehn Jahren waren es neun der 30 Dax-notierten Unternehmen. Darüber hinaus ermöglichen manche Unternehmen wie die Deutsche Bank und Boehringer Ingelheim all ihren Mitarbeitern ab einem bestimmten Alter diese Vorsorgeuntersuchungen.

Mit 6000 Gesundheits-Checks im Jahr 2009 ist der auf solche Untersuchungen spezialisierte Anbieter Prevention First – Praxisverbund präventivmedizinischer Praxen Dr. Scholl und andere GbR aus Rüdesheim Marktführer. „Insgesamt wurden 2009 in Deutschland mindestens 15000 dieser Präventionsleistungen erbracht“, sagt Geschäftsführer Johannes Scholl. Zu den Konkurrenten zählen der seit 28 Jahren im Geschäft stehende Branchenpionier Prevent, eine der IAS-Gruppe (Institut für Arbeits- und Sozialhygiene) zugehörige Praxis mit etwa 5000 Checks im Jahr, und die Deutsche Klinik für Diagnostik (DKD) Wiesbaden mit 4000 Checks. Neben diesen drei Hauptanbietern gibt es etwa zehn andere Praxen und Kliniken, die in diesem Bereich tätig sind.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Markt stark entwickelt. So hat Prevent mittlerweile sieben statt vier Standorte und konnte die Zahl seiner Gesundheitsüberprüfungen mehr als verdoppeln. Prevention First hat eigenen Angaben zufolge mittlerweile einen Umsatz von mehr als 4 Millionen Euro. In den vergangenen drei Jahren konnte der Praxisverbund, der heute in sechs Städten eine Zweigstelle hat, seine Ergebnisse mehr als verdoppeln.

Ein solcher Check umfasst neben einer umfangreichen Anamnese Blut- und Urinanalysen, EKG in Ruhe und unter Belastung, Lungenfunktions-, Hör- und Sehtests, Ultraschallmessungen der Bauchorgane, des Herzens und der Halsschlagadern sowie eine Leistungsdiagnostik. Anschließend erhält der Kunde eine Darstellung seines Gesundheits- und Fitnesszustands sowie Vorschläge zur Lebensweise. Dabei sei es „wichtig, den ‚Patienten‘ auch eine mögliche Umsetzung der gefassten Ziele aufzuzeigen“, betont Ariane Sodtke, Marketingreferentin von Prevent. „Es geht oft darum, bei den Teilnehmern das Bewusstsein für Risiken zu schaffen, wie gefährlich beispielsweise schlechte Fitness ist. Ebenso wie Rauchen hat sie eine Vervierfachung des Herzinfarktrisikos zur Folge. Die Konsequenz daraus sollten aber Ratschläge zum Ausdauer- und Krafttraining sein und nicht nur der Rat ‚machen Sie mehr Sport“, erläutert Scholl. Diese etwa halbtägige Untersuchung kostet, je nach Praxis, zwischen 990 und 1400 Euro. Aufpreise werden für Sonderformen berechnet wie den Check-up Comfort von Prevent, der sich über zwei Tage erstreckt, oder für Zusatzleistungen wie Tauch-, Sport- und Fluguntersuchungen.

Im Hinblick auf den Nutzen der Checks gehen die Ansichten auseinander. Sie reichen von „wenigen aussagekräftigen Befunden“ (F.A.Z. vom 14. April) über die im Selbstversuch eines Journalisten des „Manager Magazins“ im Jahr 2001 erworbene Feststellung, jede Praxis präsentiere andere Erkenntnisse, übersehe allerdings vorliegende Gesundheitsdefizite, bis hin zur Begeisterung einer Mitarbeiterin bei Prevention First, die Prävention nun mit ganz anderen Augen betrachtet.

Auf eine Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen kann man nicht setzen. „Die Kosten solcher Untersuchungen werden nur dann übernommen, wenn sich ein begründeter Krankheitsverdacht herausstellt“, sagt Jana Flommersfeld von der Techniker Krankenkasse. Scholl fügt hinzu: „Die rund 5 Prozent Privatkunden, die wir haben, sind daher schon vor der Untersuchung sehr gesundheitsbewusst – sonst würden sie dieses Angebot nicht wahrnehmen.“ Dieses Phänomen zeigt sich allerdings auch bei den von den gesetzlichen Kassen angebotenen Check-ups 35+, die kostenlos alle zwei Jahre wahrgenommen werden können: Nur knapp ein Viertel der Berechtigten lässt sich laut Thomas Suermann, Präventionsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, untersuchen. „Das könnte auch daran liegen, dass dieses Check-up von den Hausärzten durchgeführt wird, die sich in der Regel nicht mehr als zehn Minuten dafür Zeit nehmen. Die Qualität einer solchen Untersuchung lässt demnach auch zu wünschen übrig“, meint Scholl. Die meisten Kunden der umfangreichen Checks kommen aus Unternehmen, die solche Untersuchungen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements anbieten. Bei Prevention First machen Angestellte von Boehringer Ingelheim und der Deutschen Bank den Hauptanteil der Kunden aus, da diese beiden Unternehmen allen Mitarbeitern ab 40 Jahren die Teilnahme ermöglichen. Die Kosten werden vom Arbeitgeber getragen.

Die Teilnehmer zeigen sich zufrieden: „Ich fand die Check-up-Untersuchung von Prevention First sehr positiv. Gerade durch den großen Umfang der Untersuchung habe ich ein sehr gutes und motivierendes Feedback zu meiner Gesundheit bekommen und achte auch jetzt noch verstärkt auf gesündere Ernährung und mehr Sport“, berichtet Birgit Baganz, eine Boehringer-Mitarbeiterin, die vor drei Jahren am Check-up 40+ teilnahm. Auch dem Bedenken einiger Angestellter, dass die Untersuchung nur der Kategorisierung der Mitarbeiterschaft diene, widerspricht sie. „Die Ergebnisse unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht und werden nur anonymisiert als Gesamtbild an den Arbeitgeber zurückgegeben.“ Es gibt allerdings auch Mitarbeiter, die ein solches Check-up nicht wahrnehmen möchten. „Von etwa 13000 potentiellen Teilnehmern nehmen jährlich ungefähr 5000 das Angebot wahr, wobei man allerdings auch nicht jährlich zugelassen wird“, erklärt Anne Stefanie Ullrich, Personalmanagerin der Deutschen Bank. Insgesamt nahmen bei beiden Unternehmen etwa 90 Prozent der berechtigten Personen das Angebot wahr.

Doch ein Check kommt selten allein. Obwohl nach etwa drei Jahren Nachuntersuchungen durchgeführt werden, die über die Entwicklung Auskunft geben und den Patienten am Ball halten sollen, ist die Nachhaltigkeit nicht immer gewährleistet. „Gute Vorsätze halten oft nicht lange an“, meint Anna Ernsting vom Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin, die das Gesundheitsmanagement von Boehringer Ingelheim begleitet. Deshalb verlassen sich die Unternehmen nicht allein auf die Gesundheitsuntersuchungen. So werden verschiedene Kurse angeboten, etwa zur Stress-, Fitness- und Ernährungsberatung, für die Rückengesundheit und zur Entspannung. Zudem wird eine weiterführende Betreuung durch den Hausarzt gefördert. Boehringer Ingelheim investiert jährlich etwa 1 Million Euro in sein Gesundheitskonzept.

Dass sich ein breit angelegtes Gesundheitsengagement der Unternehmen ökonomisch auszahlt, zeigt der iga-Report 13 (Initiative Gesundheit & Arbeit). Die Krankheitskosten und die Fehlzeiten der Mitarbeiter sanken jeweils um durchschnittlich 26 Prozent. Das ist nicht alles, fügt Ullrich hinzu: „Wir sehen das natürlich auch als eine Art Imagepflege.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Bodycheck für die Gesundheit
Autor
Klara Keutel Internat Schloss Hansenberg, Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. September 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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