Mit Harnstoff sauber bleiben

Egal ob Mercedes-Benz, Iveco, Scania oder MAN – alle haben eines gemeinsam: Ein Teil der Tanks für ihre Brummis stammt aus der Erhard & Söhne GmbH in Schwäbisch Gmünd. Das Unternehmen ist ein Familienbetrieb in der sechsten Generation und nennt sich auch Erhard Automotive. Es ist die größte von vier Firmen der Erhard-Gruppe.

„Wir stellen unterschiedliche Tanks her“, sagt Ralf Bauer, kaufmännischer Leiter der Erhard-Gruppe und Geschäftsführer der Erhard Services GmbH. „Dieseltanks, kombinierte Tanks mit Ad-Blue- und Dieseltank in einem sowie Hydrauliktanks.“ Allerdings hatte auch Erhard mit der Krise zu kämpfen. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) wurden 2009 gut 50 Prozent weniger Nutzfahrzeuge von deutschen Herstellern als im Vorjahr produziert. Erhard musste darauf mit Kurzarbeit und Entlassungen reagieren. Auch die Zahl der Mitarbeiter sank von 263 im Jahr 2008 um etwa 40 Prozent. 2008 verzeichnete das Unternehmen noch einen Umsatz von 47 Millionen Euro, 2009 waren es nur 21 Millionen. Vor der Krise erreichte Erhard Wachstumsraten von 35 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. In diesem Jahr will Erhard Automotive seinen Umsatz auf 35 Millionen Euro steigern und bis 2013 rund 80 Millionen Euro erreichen. Wie die Umsätze ging auch die Zahl produzierter Tanks zurück. 2008 fertigte man noch 160000 Tanks, 2009 waren es nur noch 55000.

Bei dem von Erhard hergestellten AdBlue-Tanksystem ist der Kraftstofftank unterteilt. In einen kleinen Tank wird eine Harnstofflösung namens Ad Blue gefüllt. Daneben liegt der viel größere Dieseltank. Über ein Dosierventil werden etwa 5 Prozent Harnstoff in den Katalysator gesprüht. Dort spaltet er sich in Ammoniak und Wasser. Das Ammoniak reduziert die Stickoxide zu Stickstoff. Bei diesem Vorgang werden 97 Prozent der Stickoxide umgewandelt. Bereits 40 Prozent der Tanks von Erhard Automotive sind solche Ad-Blue-Tanks. Hartmut Ide vom Qualitäts Management Center im VDA erklärt: „Um die aktuellen und zukünftigen Abgasnormen, wie Euro 5, zu erreichen, werden früher oder später alle Neufahrzeuge mit Dieselmotor die Technologie einsetzen müssen. Von daher ist es leicht nachvollziehbar, dass bei einem Tankhersteller die Nachfrage nach Ad-Blue-Tanks zunehmend steigt.“ Außer dem Ad-Blue-System stellt Erhard Automotive herkömmliche Lastkraftwagen-Tanks bis zu 900 Litern her. Allerdings werden als Ersatzteile nur noch Ad-Blue-Tanks verbaut. Form und Ausstattung der Tanks werden vom Kunden festgelegt. So werden etwa die neuen Tanks für die Volvo-Lastwagen in D-Form gefertigt und nicht in der Quaderform, in der man Nutzfahrzeugtanks kennt. Die Kosten für einen Tank von Erhard Automotive liegen je nach Komplexität und Größe zwischen 100 und 1000 Euro. Für ein Ad-Blue-System zahlt man einen Aufpreis von 150 bis 200 Euro je Tank.

Die Geschichte von Erhard nahm ihren Anfang mit ganz anderen Produkten. Das 1844 von Carl Gottlob Erhard gegründete Unternehmen fertigte zunächst kunsthandwerkliche Produkte. Auf Innovation legte man aber schon in frühen Jahren großen Wert. Dieser Umstand und die vielen Patente brachten dem Unternehmen den Spitznamen „Gmünder Probieranstalt“ ein. Eine von Erhards Erfindungen war der Schleuderascher, für den die Firma 1938 das Patent bekam – ein Aschenbecher, der mit einer drehbaren Scheibe abgedeckt ist. Durch Drücken dreht sich diese Scheibe und schleudert die Zigarette in das darunter liegende Behältnis. Insgesamt wurden 14 Millionen Schleuderascher produziert. Die Fertigung wurde allerdings eingestellt, weil sich das Unternehmen strategisch neu hin zur Automobilbranche ausrichten wollte. 1945 beschäftigte sich Erhard mit der Entwicklung und Produktion des Unimogs. Dazu meint Bauer: „Die Werke von Daimler wurden während des Zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche gelegt. Und die Ingenieure von Daimler haben eine Möglichkeit gesucht, den Unimog zu erproben und zu entwickeln und sind dann auf Erhard & Söhne in Schwäbisch Gmünd gestoßen. Die ersten Prototypen des Ur-Unimogs sind auch in Schwäbisch Gmünd entstanden.“ Die Massenproduktion dieses allradgetriebenen Kleinlasters ging an Mercedes-Benz. Später begann man dann mit der Produktion der ersten Kraftstofftanks.

Käufer der Tanks von Erhard Automotive sind vor allem die europäischen Nutzfahrzeughersteller. Mit einem Marktanteil von 50 Prozent ist Erhard Automotive einer der führenden Tankhersteller Europas. Als bedeutender Konkurrent im Markt der Ad-Blue-Systeme ist die Salzburger Aluminium AG zu nennen.

Die Lücken im Tankstellennetz, wo noch kein Ad Blue angeboten wird, schließen sich. Denn in Zukunft werden voraussichtlich auch die meisten Diesel-Personenwagen ein solches System haben.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Harnstoff sauber bleiben
Autor
Johannes Wasserer Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. September 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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