Der Schein ist heilig

Früher war sie oft der einzige Lichtblick in der Dunkelheit, heute zieht sie vor allem als Dekoartikel die Blicke auf sich: Die Kerze hat eine lange Geschichte. Im Mittelalter spendete sie nur den wohlhabenden Familien Licht. Von 1820 an sorgte dann das aus tierischen und pflanzlichen Fetten gewonnene brandneue Stearin für eine starke Verbreitung. Stearin kommt bei der Kerzenherstellung bis heute zum Einsatz. Am meisten verbreitet sind mittlerweile jedoch Paraffinkerzen. Das bei der Erdölverarbeitung gewonnene Nebenprodukt ist der Grundstoff von mehr als 90 Prozent der in Deutschland produzierten Kerzen. Paraffin lässt sich auf viele Arten verarbeiten, während reine Stearinkerzen nur im Gießverfahren herzustellen sind. Darüber hinaus benutzt man auch Bienenwachs. Aufgrund des aufwendigen Verfahrens wird es jedoch eher selten verarbeitet.

Die meisten deutschen Kerzenmanufakturen sind Familienunternehmen. Mit 120 Mitarbeitern erwirtschaftet die Erich Kopschitz GmbH in Rotthalmünster in Bayern einen Jahresumsatz von 8 Millionen Euro. „Unser 1810 gegründeter Traditionsbetrieb befindet sich jetzt schon in der fünften Generation“, sagt Christian Kopschitz, Mitglied der Geschäftsführung. Und Stefan Thomann, Geschäftsführer der European Candle Association (ECA), erläutert: „Dass es in der Kerzenindustrie so viele Familienunternehmen gibt, liegt daran, dass der Beruf des Kerzenziehers ein sehr traditioneller ist.“ Tradition und Erfahrung sind auch heute noch wichtig. „Das Oberflächenfinish bei dekorierten Kerzen ist wie vor 100 Jahren“, sagt Klaus Kaiser vom Management der Engels Kerzen GmbH in Kempen am Niederrhein. „Außerdem gibt es in Familienbetrieben eine sehr flache Hierarchie. Dadurch ist unser Unternehmen sehr flexibel. Trends können schnell aufgegriffen, kreiert und umgesetzt werden.“ Aus kleinen Handwerksbetrieben sind im Laufe der Jahre große, international tätige Firmen geworden. „Anfang der siebziger Jahre waren wir noch ein Betrieb mit drei Mitarbeitern. Jetzt gehören wir zu den Top 10 in Deutschland“, berichtet Jürgen Jaksch, der zur Führung der 1899 in Aschaffenburg gegründeten Richard Wenzel GmbH & Co. KG gehört. Heute beschäftigt Wenzel etwa 190 Mitarbeiter.

In der Kerzenindustrie wird die Produktionsleistung an der Menge des verarbeiteten Paraffins gemessen. Davon nehmen bei Wenzel jährlich 6000 Tonnen die Gestalt einer Kerze an. „Wir haben nach wie vor noch die handwerkliche Fertigung wie in den sechziger und siebziger Jahren, produzieren aber auch mit modernsten Maschinen, vollautomatisch.“ Der Anteil der Handarbeit ist bei Wenzel recht hoch. Und Kaiser erläutert: „Außergewöhnliche Oberflächen, Strukturen und Formen sind ohne Handarbeit nicht möglich.“ Für die dreijährige Ausbildung zum Wachszieher setzt Kopschitz deshalb sowohl künstlerisches Einfühlungsvermögen als auch Hand- und Fingergeschicklichkeit sowie eine technische Begabung voraus.

Damit die deutschen Kerzenmanufakturen im internationalen Wettbewerb standhalten können, müssen neben qualitativ guten Produkten ständig Neuheiten her. Vor drei Jahren erblickte bei Wenzel die sogenannte Safe Candle das Licht der Welt. Diese selbstverlöschende Kerze eignet sich besonders für die Verwendung in Gestecken oder Adventskränzen. Laut Statistiken des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft ist die Zahl der Brände in der Adventszeit von rund 23 000 im Jahr 2006 auf 17 000 im Jahr 2007 gesunken. Ein großer Teil des Rückgangs gehe auf die Safe Candle zurück, meint Jaksch. Ihr Durchschnittspreis liegt bei 75 Cent an die Großabnehmer und bei 1,79 Euro an die Endverbraucher, wobei die Preisspanne aufgrund der Vielfalt an Größen und Formen breit ist. Insgesamt verkaufte Wenzel schon mehr als 30 Millionen Stück, die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr. Und 2010 werden es laut Jaksch noch mehr. „2009 hatten wir eine Absatz- und Umsatzsteigerung im mittleren einstelligen Millionenbereich, was auf neue Produkte zurückzuführen ist.“ Zurzeit liegt der Jahresumsatz der Kerzenfabrik bei rund 20 Millionen Euro.

# Auch bei Engels setzt man auf innovative Produkte. Dazu zählt die Wellness-Kerze Padmin, die als Duftkerze und Pflegebalsam für die Haut verwendbar ist. „Das kosmetische Wachs lässt sich im geschmolzenen Zustand warm und weich auf die Haut auftragen und entfaltet dort eine entspannende Wirkung“, sagt Thomas Engels, der das Unternehmen leitet. Rund 4000 Kerzen dieser Art wurden 2009 zu einem Preis zwischen 35 und 45 Euro verkauft. „Für 2010 erhoffen wir uns einen Umsatz im hohen einstelligen Millionenbereich, was im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 20 Prozent wäre“, meint Kaiser.

Da Duftkerzen von den Verbrauchern derzeit heißbegehrt sind, wird deren Angebotspalette ständig ausgebaut. Von Amaryllis bis Bratapfel ist für jeden Geschmack etwas dabei. Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen Lichten (etwa Tee- oder Grablichte) und Kerzen (zum Beispiel Stumpen- oder Kirchenkerzen). „Von den Lichten verkaufen wir jährlich knapp 100 Millionen Stück. An Kerzen gehen bei uns im Jahr etwa 40 Millionen über die Ladentheke“, sagt Jaksch.

Das Highlight der Kerzenindustrie sind Lifestyleprodukte. Sie stellen seit etwa zehn Jahren den Schwerpunkt bei Engels dar. „Mit unseren Kollektionen für Interior-Design, Outdoor und Wellness sind wir seit einigen Jahren einer der wichtigsten Trendsetter der Kerzenbranche“, meint Thomas Engels. Auch Wenzel ist modisch stets auf der Höhe: „Wir stimmen unsere Trend- und Farbthemen mit anderen Firmen aus der Dekorationsbranche ab“, erläutert Jaksch. „So wurden 2009 beispielsweise Lila-Töne sehr stark nachgefragt.“ Und Kaiser fügt hinzu: „Bei den neuen Farbtrends für den Herbst denken wir, dass Blau und Violett stark im Kommen sind.“ Gleichwohl machen die Hauptfarben Rot und Weiß bei Wenzel immer noch drei Viertel des Gesamtabsatzes aus. Diese Farben sind besonders in der Weihnachtszeit gefragt. „Mit einem Anteil von 50 Prozent am Jahresumsatz wird zu Weihnachten bei uns das Hauptgeschäft gemacht“, erläutert Kopschitz. Aber es macht sich noch ein anderer Trend bemerkbar: „Die Kerze wird immer mehr zum Ganzjahresprodukt. Auch im Sommer auf der Terrasse möchte man eine schöne Atmosphäre haben“, sagt Kaiser. Hinzu komme, dass die Menschen wieder mehr in die eigenen vier Wände investieren. „In schwierigen Zeiten nimmt das Bedürfnis nach Rückzug an einen sicheren Ort zu.“

Da Paraffin aus Erdöl gewonnen wird, hängen die Preise in der Kerzenindustrie stark von den Rohstoffpreisen ab. „Durch die enormen Ölpreisschwankungen haben sich die Kerzen in den vergangenen fünf Jahren teilweise stark verteuert. Und da man nicht alle Preiserhöhungen eins zu eins weitergeben kann, wurden die Erträge reduziert“, erklärt Klaus Kaiser. Nach Angaben der ECA war Paraffin im Jahr 2008 um 36 Prozent teurer als im Vorjahr, wobei die Preise der Kerzen um 12 Prozent stiegen. Im vergangenen Jahr sind die Rohstoffpreise dann aufgrund der Wirtschaftskrise wieder deutlich gesunken. Und die Deutschen verbrauchten 2009 mit 214 000 Tonnen 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Ob die Kerzenmanufakturen im Jahr 2010 ihre Umsätze halten können, ist zu bezweifeln. „Seit Jahresbeginn steigen die Rohstoffpreise stark an. Ein Ende ist leider nicht absehbar“, meint Thomann.

Die Preisspanne ist ebenso breit wie die Angebotspalette. Teelichter bekommt man bereits für ein paar Cent, aufwendig gearbeitete große Outdoor-Kerzen kosten 150 Euro. Zu den Hauptzielgruppen der Manufakturen zählen Floristen, Möbelhäuser, die Gastronomie und die Kirche. Die Schwerpunkte haben sich in den letzten Jahren aber etwas verlagert. Während Engels ursprünglich als Anbieter für sakrale Kerzen bekannt war und noch zum Beispiel für den Weltjugendtag 2005 rund 5 Millionen Stück produzierte, macht nun die Lifestyle-Kerzen-Welt die eine Hälfte des Umsatzes aus, während sich Kirchenkerzen und die Gastronomie die andere Hälfte teilen. Bei Kopschitz und Wenzel sieht das ähnlich aus.

Wenn es um Kerzen „Made in Germany“ geht, sind Abnehmer auf der ganzen Welt Feuer und Flamme. „Unser Exportanteil macht ein gutes Drittel des Umsatzes aus. Hauptabnehmerländer sind Österreich, die Schweiz, England und Italien. Neu hinzugekommen sind die baltischen Staaten, Russland und die Türkei“, sagt Jaksch. Und Kopschitz meint: „Wir exportieren circa 40 Prozent unserer Ware.“

Wie den Statistiken der ECA zu entnehmen ist, steigt aber seit Jahren auch die Zahl der importierten Kerzen. „China exportiert Kerzen zu günstigeren Preisen nach Europa und macht es den heimischen Kerzenfabriken schwer“, beobachtet Thomann. Im Jahr 2009 jedoch lag die importierte Menge mit 143 000 Tonnen um 4,6 Prozent unter der Zahl des Vorjahres und war damit zur Freude der deutschen Kerzenhersteller erstmals rückläufig. Der Rückgang hat seine Gründe. „Da chinesische Unternehmen aufgrund von Subventionen die Kerzen in Europa sogar unter den Rohstoffpreisen anbieten konnten, wurde Ende 2008 in der EU ein Antidumpingzoll auf Kerzen aus China eingeführt“, erklärt Thomann. „Ein weiterer Grund für den Rückgang des Kerzenimports nach Europa ist das verstärkte Qualitätsbewusstsein der Verbraucher.“ So hat das von der Europäischen Gütegemeinschaft Kerzen eingeführte RAL-Gütezeichen große Zustimmung erhalten. Kerzen mit diesem Qualitätssiegel dürfen keine schadstoffbelasteten Rohstoffe, Farben oder Lacke enthalten. Sie sind ruß- und raucharm und brennen besser als Billigkerzen. In China können die Kerzen zwar billiger produziert werden, doch sie enthalten oft giftige Stoffe wie Schwefel oder Lösungsmittel. Kopschitz, dessen Unternehmen Gründungsmitglied der Gütegemeinschaft ist, meint: „Durch gute Qualität halten wir gegen China an.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Schein ist heilig
Autor
Marlene Genske Gymnasium Schloß Neuhaus, Paderborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 16. September 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

Beruf und Chance