Auf den Tunnelblick bauen

Als die Ägypter vor mehr als 4000 Jahren ihre Tempel und Grabstätten mit Hilfe von fahrbaren Arbeitsgerüsten bauten, wussten sie nicht, wie wichtig ihre Erfindung Jahrtausende später bei Tunnel- und Brückenbauten sein würde. Immer wieder gleich ablaufende Arbeitsschritte verlangten nach einem Gerät, bei dem kostbare Zeit nicht durch Montage und Demontage vergeudet wird.

Der international größte Hersteller von Schalungs- und Gerüstsystemen, die Peri GmbH in Weißenhorn (Bayern), produziert je nach Anforderung der Baustelle angepasste Schalwagen. „Weltweit gibt es etwa 300 Ingenieurbüros und Stahlbauproduzenten, die ähnlich wie Peri Schalwagen mit unterschiedlichen Funktionen und Geometrien herstellen“, sagt Markus Rupp, Spezialist für Tunnel- und Brückenbauwerke bei Peri. Peri unterscheidet sich von anderen Ingenieurbüros dadurch, dass man Schalwagen aus Standardeinzelteilen liefert. In dieser Entwicklungsgeneration war Peri zunächst Vorreiter, jetzt ziehen andere Unternehmen nach.

Seit der Gründung im Jahr 1969 verzeichnet Peri konstant wachsende Mitarbeiter- und Umsatzzahlen: Bis 2008 wuchs der Umsatz jährlich um 10 Prozent. Im vergangenen Jahr spürte man die Wirtschaftskrise, und der Umsatz ging um 8 Prozent auf 900 Millionen Euro zurück. Nur 2 Prozent davon werden durch den Verkauf und das Vermieten von Schalwagen erwirtschaftet. Den Hauptumsatz erzielt man mit Traggerüsten und Klettersystemen, Decken-, Wand- und Säulenschalungen sowie mit Schalungsträgern. Momentan werden bei Peri 5200 Mitarbeiter an 100 Standorten weltweit beschäftigt.

Ein Schalwagen ist ein anpassungsfähiges System, das im Taktbauverfahren eingesetzt wird, um eine abschnittsweise Herstellung von gleichen Betonbauteilen zu erreichen. Er wird nach jedem beendeten Abschnitt zum nächsten bewegt. Der Schalwagen bildet das Traggerüst für den darüber entstehenden Tunnel, bis dieser so weit ausgehärtet ist, dass er sein Eigengewicht trägt. Peri baut jährlich rund 1000 Meter Schalwagen neu. So stehen etwa 3 bis 5 Kilometer Schalwagen zur Miete oder zum Kauf zur Verfügung. Durchschnittlich ist ein Schalwagen 9 bis 24 Meter lang und wiegt je nach Bauweise 20 bis 40 Tonnen. Der Kaufpreis liegt zwischen 28000 und 35000 Euro je Meter. Meist bewegen sie sich selbsttätig mit einer Geschwindigkeit von 30 Zentimetern bis einem Meter in der Minute. Nachdem ein Schalwagen die Position eingenommen hat, wird die Stirnschalung gebaut und schließlich betoniert.

Im Jahr 2005 wurde von Peri erstmals der Ingenieurbaukasten Variokit am Tunnel Reinertshof an der A7 bei Füssen im Allgäu eingesetzt – ein Sortiment von Bauteilen, aus denen Schalwagen zusammengesetzt werden können. Zuvor wurden Lösungen aus Stahlprofilen verwendet, die man je nach Anforderung zusammenbaute. Sie unterscheiden sich vom Schalwagen in der Wiederverwendbarkeit: Während man für einen Schalwagen eine monatliche Miete bezahlt, muss für die Stahlprofile der volle Kaufpreis bezahlt werden. Die monatliche Miete für einen Schalwagen entspricht etwa 4 Prozent des Kaufpreises.

Ein Grundmodell gibt es nicht. „Der Markt und die Kunden definieren die Anforderungen. Je nach Baustelle gibt es einen Schalwagen mit allen nötigen Ausstattungen wie eigenem Motor und Hydrauliksystem, Fahrerständen, Lastaufnahmemittel und vielem mehr“, erläutert Rupp. Bei der Planung gilt es nicht nur Quer- und Längsgefälle der Baustelle zu berücksichtigen, sondern auch Eigengewicht, Betonlast und Lasten aus dem Fahrbetrieb. Planung, Berechnung und Produktion nehmen sechs bis zehn Wochen in Anspruch. In Einzelteilen in Weißenhorn vorgefertigt und mit Verbindungsteilen ausgestattet, werden die Schalwagen dann zur Baustelle transportiert und zusammengebaut. Zum Führen eines Schalwagens wird ein Maschinenführer für Baustellen benötigt. Insgesamt braucht man für den Einsatz eines Wagens fünf bis zehn Arbeiter. Rupp erklärt: „Er dient ihnen nur als ein Handwerkszeug und ersetzt nicht deren qualifizierte Handarbeit.“ Durch die Verwendung von Schalwagen anstelle der stationären Tragegerüste werden nicht nur 50 Prozent der Zeit eingespart, sondern auch ein Großteil der Kosten, obwohl die des Schalwagens monatlich immerhin bei etwa 10000 Euro je Stück liegen. Jährlich werden ungefähr 95 Prozent der Schalwagen vermietet, was rund 30 Wagen entspricht. Wird ein Schalwagen auf einer Baustelle nicht mehr gebraucht, so wird er wieder in seine Einzelteile zerlegt, die wiederverwendet werden.

Peri liefert seine Schalwagen auch ins Ausland. „Jede Baustelle, die anfragt, bekommt einen“, versichert der Tunnelspezialist. In Baden-Württemberg werden derzeit mit Schalwagen von Peri drei Tunnel gebaut. Seit August 2006 wird an einem der drei Tunnel in Schwäbisch Gmünd gearbeitet. Ende 2012 soll dieser mit einer Länge von 2230 Metern fertiggestellt werden. Die Kosten für den dort verwendeten zehn Meter langen Schalwagen betragen etwa 300000 Euro, was ungefähr 3 Prozent der Gesamtkosten der Baustelle entspricht. Weltweit wurden mit Peri-Schalwagen schon mehr als 400 Tunnel gebaut. Beispiele hierfür sind der Tunnel Hindenburgdamm in Berlin, der Lärmschutztunnel in Eching am Ammersee oder der Wolfsgrubentunnel in St. Anton in Österreich. Nachteile im Bau mit Schalwagen sieht Rupp nur in der langen Vor- und Demontagezeit. „Schalwagen lösen Probleme auf Baustellen. Man kann sie mit einem Bagger vergleichen: Ohne Bagger kein Loch. Und ohne Tunnelschalwagen kein Tunnel, an dem der Beton nicht in Fertigteilen, sondern flüssig zur Baustelle kommt.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf den Tunnelblick bauen
Autor
Laura Knödler Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 16. September 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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