Die schwäbische Sternwarte

Manchen Unternehmen konnte die Wirtschaftskrise nichts anhaben: „Wir profitieren von der Bankenkrise, da viele unserer Kunden in solchen Zeiten gerne wieder in materielle Dinge investieren“, sagt Klaus Kienle, Gründer und Geschäftsführer der Kienle Automobiltechnik GmbH in Heimerdingen bei Stuttgart. Vor allem im Herbst bekomme man viele neue Aufträge, damit die Kunden im Sommer fertige Resultate vor ihrem Haus stehen haben – von Grund auf restaurierte Oldtimer. Auf der ganzen Welt wissen Kunden die Dienste zu schätzen und sind bereit, viel Geld für ihr exklusives Hobby zu bezahlen, um am Ende einen bis zu sechzig Jahre alten Mercedes in neuer Perfektion erstrahlen zu lassen.

1984 begann das Unternehmen in einer Garage, heute zählt es 82 Mitarbeiter. Der Großteil wurde selbst ausgebildet. Dazu zählen nicht nur Kraftfahrzeugmechaniker, sondern auch Karosserie- und Motorbauer. Kienle konnte seinen Jahresumsatz innerhalb der zurückliegenden fünf Jahre von 10 auf 20 Millionen Euro verdoppeln, der Gewinn liegt bei 8 bis 10 Prozent. Laut Peter Koralewski, Geschäftsinhaber des Oldtimer Palace, eines deutschen Verkaufsportals für Oldtimer und Sportwagen im Internet, zählt Kienle zu den bekanntesten und hochwertigsten Unternehmen der Branche. Direkte Konkurrenz gibt es nicht, da sich Klaus Kienle mit seiner Restauration ausschließlich auf Mercedes spezialisiert hat. Zu Mercedes hat er eine ganz besondere Bindung: Mit 14 Jahren begann der gelernte Kraftfahrzeug-Meister dort eine Lehre als Mechaniker, später arbeitete er bei Mercedes als Abteilungsleiter von Sportwagen und Staatskarossen.

Alljährlich werden rund 400 Fahrzeuge in Kienles Werkstatt repariert, restauriert und individualisiert. Dazu zählen nicht nur Komplettrestaurationen, sondern auch kleinere Reparaturen und Ersatzteileinbauten. Selbst vom Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart hat Kienle Aufträge bekommen, vor allem in den achtziger und neunziger Jahren.

In der Heimerdinger Werkstatt steht ein auf Hochglanz polierter Mercedes aus den Fünfzigern und Sechzigern neben dem anderen. Zum 25-jährigen Betriebsjubiläum im vergangenen Jahr hat man eine Extraausgabe des firmeneigenen Kienle-Newsletters herausgegeben, in der Einzelstücke abgebildet sind, die mit sichtlich viel Hingabe bearbeitet wurden: ein Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 Cabriolet, Baujahr 1970, ein Sport-Tourer Alvis Speed 20 SB aus dem Jahr 1934 und ein grau-beiger Mercedes-Benz 220S Cabriolet aus dem Jahr 1960. Das beliebteste Auto ist dort seit langem der 300 SL Roadster, ein Sportwagen (normal oder als Flügeltürer), wie man ihn aus alten Filmen kennt. Um diesen mitnehmen zu können, muss der Kunde 350000 Euro zurücklassen. Das Minimum für die von Kienle restaurierten Oldtimer liegt bei 40000 bis 50000 Euro. Allein manche Ersatzteile haben stolze Preise: Während etwa für den 300 SL ein Kolben schon für 365 Euro zu haben ist, kostet eine verchromte Stoßstange 3000 Euro, und für eine Kurbelwelle sind 8000 Euro einzukalkulieren. Die Ersatzteile werden entweder von Mercedes geliefert oder von den Mitarbeitern bei Kienle selbst hergestellt. Dabei steht das Bemühen um den Originalzustand an oberster Stelle, denn er ist das, was bei den Kunden zählt.
Eben dieser angestrebte Originalzustand, der Kienle so erfolgreich macht, hat auch seine Schattenseite. Denn er bedeutet zugleich, dass der Schadstoffausstoß der restaurierten Fahrzeuge auf einem ähnlichen Stand ist wie vor 60 Jahren. Durch das Umbauen oder Austauschen des Motors und durch die Nutzung von bleifreiem Kraftstoff kann der Schadstoffausstoß etwas reduziert werden. „Wir sehen Oldtimer als Kulturgut an. Mit deren Restauration bewahren wir ein Stück Geschichte“, sagt Ulrich Köster, Pressesprecher vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Auch sind Oldtimer auf den Straßen ja nicht im normalen Gebrauch. Von ihren Besitzern werden sie nur als Zweit- oder Drittwagen genutzt.

Bis auf die Karosserie wird bei Kienle nahezu alles neu eingebaut oder wiederhergestellt. Ein teures Vergnügen, das sich nicht jeder leisten kann. „99 Prozent unserer Auftraggeber sind selbständig. Vom Anwalt über den Manager bis hin zu Königen oder Scheichs sind alle vertreten“, erklärt der Geschäftsführer. Und auch das Alter ist breit gestreut: Von 20 bis 90 ist jedes Alter dabei. „Neuere Modelle aus den achtziger bis neunziger Jahren sind schon ab 10000 Euro zu restaurieren und somit auch für junge Kunden durchaus erschwinglich“, ergänzt Kienle. „Mit diesen preiswerteren sogenannten Youngtimern entwickelt sich ein ganz neuer Markt.“ Schranken nach oben gibt es keine. So war das wertvollste Automobil, das Kienle restauriert hat, hinterher 1,4 Millionen Euro mehr wert. Der Zeitaufwand für die Restauration des 540 K Special Roadster betrug 12000 Stunden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die schwäbische Sternwarte
Autor
Valerie Beintner Johannes-Kepler-Gymnasium, Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 07. Oktober 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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