Eine Firma geht fensterln

Zwischen dem Flugpassagier und dem freien Fall ist nicht viel mehr als eine dünne Scheibe. Damit sie nicht bricht, besteht sie aus drei Einzelscheiben. Eine, die die Kräfte von draußen aufnimmt, eine, die eine Art Ersatz darstellt, wenn die erste beschädigt ist, und eine dritte, die dafür sorgt, dass kein gelangweilter Passagier in der First Class mit seinem Diamantring die Ersatzscheibe zerstört. Die dritte Scheibe wird hergestellt von der BSA Luftfahrt- und Sicherheitstechnik GmbH&Co in Bielefeld. Dieses kleine Unternehmen wird geleitet von Dieter Asmussen, dem Gründer und Geschäftsführer. Mit ihm arbeiten 15 weitere Mitarbeiter an der Herstellung von Sicherheitsscheiben für die Luftfahrt und den Maschinenschutz. In der Luftfahrtindustrie ist BSA der feste Produzent für alle Kabinenraumscheiben, die Airbus in seine Flugzeuge einsetzt. Dies begründet Asmussen damit, dass "unsere Scheiben die einzigen mit einer Beschichtung in optisch guter Qualität sind". In Deutschland stellt nur BSA solche Scheiben her. "Da Airbus der einzige große Flugzeughersteller in Deutschland ist und wir alle Scheiben für sie produzieren, gibt es hier keine weiteren Firmen", sagt Asmussen. Im Ausland gebe es andere Hersteller, die meist auch in der Nähe von deren Werken angesiedelt sind. Die Scheiben von BSA werden hergestellt aus Acrylglas, bekannt unter dem Markennamen Plexiglas, das mit einer kratzfesten Beschichtung versehen wird. Scheiben aus anderen Kunststoffen erreichen laut Asmussen nicht die gleiche Qualität, sind aber billiger. BSA produziert im Jahr etwa 80 000 Scheiben für Airbus. Dabei haben die einzelnen Aufträge meist einen Umfang von ungefähr 2000 Scheiben. Ein solcher Auftrag kostet den Käufer um die 15 000 Euro. Neben Airbus beliefert BSA keine weiteren Flugzeughersteller permanent. BSA führt aber auch Spezialaufträge aus. So fertigte sie Scheiben für ein Flugzeug, das von der Lufthansa für einen Scheich umgebaut werden sollte. Dieses luxuriöse Flugzeug wurde mit 6 Millimeter starken Innenscheiben ausgerüstet, statt der normalen 2 Millimeter. Die Verdreifachung der Stärke dient dabei der besseren Geräuschdämmung. Neben den Luftfahrtgesellschaften beliefert BSAUnternehmen, in denen sogenannte Maschinenschutzverglasungen benötigt werden. Diese schützen die Arbeiter vor umherfliegenden Teilen während des Betriebes einer Maschine. Die dabei verwendeten Scheiben müssen Kräfte von bis zu 8000 Kilogramm je Quadratzentimeter aushalten können. Diese Geschäftssparte macht etwa die Hälfte des Umsatzes aus. Ein einzelner Auftrag hat ungefähr ein Volumen von 5000 Euro. BSA hat, gemessen an der Mitarbeiterzahl, einen relativ hohen Umsatz. So hatte das Unternehmen zwei Jahre nach seiner Gründung 1998 mit damals noch zwei Mitarbeitern einen Umsatz von 1 Million DM. Im Jahr 2008 waren es 3 Millionen Euro. Aufgrund derWirtschaftskrise ist der Umsatz im vergangenen Jahr auf 2,5 Millionen Euro gesunken. Jedoch ist man trotz Auftragsrückgängen in der Sparte der Maschinenschutzverglasungen aufgrund der sicheren Auftragslage durch Airbus und andere Stammkunden zuversichtlich, dass es in den nächsten Jahren wieder bergauf gehen wird. Außerdem, sagt Asmussen, sei man sehr gut durch die Krise gekommen, das Unternehmen musste keine Rationalisierungen vornehmen, und auch die Option der Kurzarbeit musste nicht wahrgenommen werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Firma geht fensterln
Autor
Till Wüstemann Jacob-Grimm-Schule, Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 07. Oktober 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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