Auf Plattfüße stehen

In Deutschland gibt es fast so viele Fahrräder wie Einwohner, meint der Zweirad-Industrie-Verband. Falls sie unterwegs eine Panne ereilen sollte, kann ihnen an einigen Orten direkt geholfen werden. So hat der gelernte Schlosser Hermann Lenert im Dezember 2008 in Köln eine mobile Fahrrad-Ambulanz gegründet. „Eigentlich eine ungünstige Zeit, im Winter fährt ja kaum jemand Rad. Aber die Zeit habe ich dann für Vorbereitungen genutzt“, sagt Lenert. Er baute sein Fahrrad zu seiner „Werkstatt“ um und mietete einen kleinen Laden für Reparaturen, die er nicht vor Ort erledigen kann. Ratschläge bekam er von einem Freund in Berlin, der dort seine Rad-Ambulanz seit Jahren betrieb. Knapp 6000 Euro musste Lenert investieren. Bald hatte er drei bis fünf Kunden am Tag. „Die meisten bekommen auf dem Weg zur Arbeit einen Platten. Während sie arbeiten, erledige ich die Reparatur.“ Täglich legt Lenert bei Wind und Wetter zwischen 20 und 50 Kilometer mit seinem Rad zurück und führt rund 90 Prozent der Arbeiten am Pannenort aus. In Berlin gründete Stephan Lippke eine mobile Rad-Ambulanz. „Ich war in meinem ursprünglichen Beruf sehr unglücklich und suchte eine neue Perspektive. Weil ich schon mit zehn Jahren mein erstes Fahrrad repariert hatte, habe ich später auch Fahrräder von Freunden und Bekannten zum Selbstkostenpreis instand gesetzt. Irgendwann fragte mich ein Bekannter, warum ich eigentlich kein Geld dafür nehme“, erklärt Lippke. Um seine Idee zu realisieren, nahm er 100 Euro aus der Haushaltskasse, wovon er Werkzeuge und Werbezettel kaufte. Das Geschäft lief so gut, dass Lippke im November 2005 den Schritt in die Selbständigkeit wagte. An guten Sommertagen hatte er bis zu 20 Kunden, im Winter aber auch schon mal gar keinen. Lenert hatte im Sommer 2009 einen monatlichen Umsatz zwischen 1300 und 1600 Euro. Manche Kunden meinten, er ließe sich seine präzise Arbeit zu schlecht bezahlen. Die Anfahrtkosten liegen bei 6 bis 18 Euro, je nach Entfernung. Ein Schlauchwechsel kostet 10 bis 13,50 Euro plus 6 Euro für den Schlauch. Gefragt sind die Dienste von älteren Leuten, die die Reparaturen nicht mehr selbst ausführen können, und von jüngeren, die noch nie einen Schlauch gewechselt haben. Aber es gibt auch Kunden, die die Geschäftsidee nett finden und sie deshalb unterstützen. Zu den Pannenklassikern zählen außerdem defekte Bremsen und Scheinwerfer. Aber auch Kurioses kann man erleben: „Ich sollte einmal eine voll funktionsfähige Vorderradbremse abbauen, weil die Kundin sie als zu stark bremsend empfand. Meine Erklärungsversuche, man könne die Fingerkraft sehr gefühlvoll einsetzen, halfen nicht. Als ich den Abbau als unverantwortbar ablehnte, wurde sie böse, meckerte mich an, ging und kam nie wieder“, sagt Lippke. „Gerade wohlhabende jüngere Menschen fahren inzwischen gerne Rad, weil es einfach trendy und in der Stadt auch praktisch und schnell ist.“ Lippke hat inzwischen einen Jahresumsatz von 60 000 bis 70 000 Euro und einen Teilzeit-Mitarbeiter. Er selbst legt seinen Schwerpunkt nun auf die Arbeit in der Werkstatt. „Wenn mich allerdings doch jemand irgendwo vor Ort braucht, werde ich natürlich da sein, um das Fahrrad mit zu meiner Werkstatt zu nehmen“, sagt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Plattfüße stehen
Autor
Dana Rützel Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 04. November 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

Beruf und Chance