Rentable Rohrkrepierer

In deutschen Fabriken kommt es nach Schätzungen der Rembe GmbH Safety + Control alljährlich zu rund 300 bis 400 Staubexplosionen. Die meisten sind relativ harmlos, nur sehr selten kommt es zu Personenschäden oder gar Todesfällen. Explosionsgefährdet sind unter anderem Produktionsanlagen in der Nahrungsmittelindustrie, etwa zum Rösten von Kakao, zur Gewürzveredelung oder zur Milchpulverherstellung. Das 1973 als Ingenieur- und Vertriebsbüro für Sicherheitstechnik gegründete Unternehmen aus dem Sauerland arbeitet daran, die Betriebe vor solchen Gefahren zu schützen. Rembe ist ein Mittelständler mit 80 Mitarbeitern und gehört zu den marktführenden Unternehmen, die Produkte zur Sicherheit bei Explosionen mit individueller Anwendungsberatung entwickeln. Sie erfolgt von der Zentrale in Brilon aus in Zusammenarbeit mit regionalen Vertriebsbüros. Weltweit werden die Kunden von vier Niederlassungen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Finnland und Singapur sowie von Vertriebspartnern vor Ort betreut. Rembe hat sich in der industriellen Anlagensicherung unter anderem mit dem sogenannten Q-Rohr Bekanntheit erarbeitet, das den Explosionsdruck direkt an den Maschinen abpuffert. Die Explosionsflamme wird dabei so weit gekühlt, dass das austretende Gasvolumen verringert und die Flamme gelöscht wird. Gleichzeitig werden Staubanteile durch einen Filter zurückgehalten. Das 1990 entwickelte Q-Rohr ist eine der erfolgreichsten Entwicklungen des Unternehmens. Die zweite Generation kam 1997 auf den Markt. Das aktuelle Q-Rohr 3 wurde 2006 entwickelt. Diese dritte Generation ist je nach Anlagengröße 60 bis 220 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von 35 bis 96 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 25 und 240 Kilogramm. Der Preis eines Q-Rohres liegt zwischen 4500 und 15000 Euro. Das Q-Rohr verursacht keine laufenden Kosten und ist damit im Vergleich zu aktiven Löschsystemen wirtschaftlicher, sagt Roland Bunse, Mitarbeiter und Entwickler des Rohres. Die Druckentlastung mit dem Q-Rohr 3 in geschlossenen Räumen sei die weltweit einzige Entlastungseinrichtung, die nahezu alle internationalen Sicherheitsstandards erfüllt. „Das Q-Rohr ist patentiert“, antwortet Bunse auf die Frage, was das Unternehmen gegen Spionage unternehme, „was viele Produktpiraten abschreckt“. Dennoch gibt es einige Billigkopien in Amerika, wo der Patentschutz nicht wirksam ist. „Darüber hinaus versucht man ähnliche Produkte mit einem anderen Leistungsspektrum für diese Anwendung zu missbrauchen. Ungefähr so, als würde man mit einem Feuerlöscher einen Waldbrand bekämpfen wollen“, scherzt Bunse. Aktuell fertigt Rembe bis zu 1000 Q-Rohre im Jahr. Mit dem Explosionsschutzbereich macht das Unternehmen rund 8 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Der Gesamtumsatz von Rembe liegt bei gut 20 Millionen Euro. Der Exportanteil wird mit direkt rund 50 Prozent angegeben. Da der Großteil der von Rembe in Deutschland verkauften Produkte über den Anlagenbau in die Welt geht, liegt der Gesamtexportanteil bei 70 bis 75 Prozent. Wie groß die tatsächliche Zahl der Explosionen in Betrieben ist, deren Folgen durch Sicherheitstechnik gemindert werden, lässt sich allerdings nicht feststellen. Für die Unternehmen gehe es oft vor allem darum, ob der entstandene Schaden versicherungsrelevant ist oder nicht, sagt Martin Schmidt, der Leiter der Arbeitsgruppe „Brennbare Schüttgüter und Stäube, feste Brennstoffe“ der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin. Selbst die Berufsgenossenschaften erführen nicht von allen Explosionen. Die Dunkelziffer der Ereignisse liege hoch, meint auch Michael Kleiber von der Abteilung Anlagensicherheit des Umweltbundesamtes in Dessau-Roßlau.

Informationen zum Beitrag

Titel
Rentable Rohrkrepierer
Autor
Anna Belk Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 04. November 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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