Unternehmen müssen Lehrgeld zahlen

Viertel nach acht. Die Studenten im Auditorium legen ihren Palm beiseite und reiben sich den Schlaf aus den Augen. Der Professor tritt ein. Ein ganz normaler Morgen wie an jeder Uni. Ganz normal? Erst auf den zweiten Blick offenbart sich Merkwürdiges. Feine Stoffhosen statt Jeans herrschen vor, und die Studenten haben graue Schläfen und Falten im Gesicht. Und doch ist dies ein ganz normaler Morgen an der Uni, genauer gesagt an der Mannheim Business School gGmbH (MBS). Die MBS bietet seit 2005 zusammen mit der Essec Business School in Paris Executive-Master-Studiengänge an, die sich an Manager um die 50 mit langjähriger Berufserfahrung richten. Einer der Teilnehmer ist Erik Tiden. Er ist Mitglied der Geschäftsführung im deutschen Softwarekonzern SAP und fast täglich damit beschäftigt, die internen Betriebsstrukturen an die aktuelle Geschäftslage anzupassen. „SAP bot mir die Möglichkeit, einen MBA zu machen. Das stellte für mich eine komplett neue Herausforderung dar“, sagt er. Im April vergangenen Jahres schrieb er sich für den Studiengang Executive Master of Business Administration (EMBA) in Mannheim ein.

So wie Tiden entschließen sich immer mehr Führungskräfte, einen Executive-Master zu absolvieren, um ihren Horizont zu erweitern. Seit der Gründung der MBS im Jahr 2005, dem organisatorischen Dach für Management-Weiterbildung an der Universität Mannheim, verzeichnet man dort ein rapides Wachstum der Bewerberzahlen. Waren es anfangs 80 Studenten, gibt es inzwischen knapp 400 Studenten. Schon 600 Führungskräfte haben diesen Studiengang absolviert. „Gerade in einer Krisenzeit bietet ein MBA-Programm Studierenden die Möglichkeit, gestärkt aus der Krise hervorzugehen“, erklärt Professor Christian Homburg, Präsident der MBS. Der EMBA-Studiengang erstreckt sich über einen Zeitraum von 18 Monaten, er kostet zwischen 44000 und 47000 Euro. Gelehrt wird in Englisch. Unabhängig davon, ob ein Wochenend- oder Vollzeitstudiengang gewählt wird, sind zwei Seminare im Ausland eingeschlossen, zum Beispiel an der Wharton School der University of Pennsylvania und an der National University of Singapore. Die Dozenten an solchen privaten Bildungseinrichtungen verdienen größtenteils deutlich mehr als ihre Kollegen an staatlichen Universitäten. Alle Programme an der MBS sind rentabel und verzeichneten im Geschäftsjahr 2008/2009 im Vergleich zum Vorjahr höhere Einnahmen und Gewinne.

Mit seinen 52 Jahren benötigte Tiden einen weiteren Abschluss nicht. „Das Studium gibt mir aber lauter neue Ideen“, stellt er fest. Aufgrund der Stofffülle sei ihm keine Minute langweilig gewesen. Doch warum tut sich ein Manager so etwas an und opfert 18 Monate lang seine knapp bemessene Freizeit? „Sie suchen neue Impulse und Ideen für ihren Arbeitsalltag und stellen ihre Kenntnisse und Arbeitsweisen nochmals auf den Prüfstand“, sagt Homburg. War es früher vielleicht der Marathonlauf in New York, das Überqueren des Atlantiks im Segelboot, was Geschäftsführer zu Höchstleistungen anspornte, so entpuppt sich nun der Hörsaal als neuer Anreiz. Während bei den jüngeren Teilnehmern der Karriereschub und eine Einkommenssteigerung wichtig sind, erhoffen sich die älteren Studenten eher eine persönliche Bereicherung. „Viele Führungskräfte gewinnen nicht genug Abstand zu ihrer täglichen Arbeit, um diese ausreichend reflektieren zu können. So bekommen sie die Chance, ihre Arbeitsautomatismen zu erneuern, sich neue Kompetenzen anzueignen sowie ihre Effizienz zu steigern“, sagt Klaus Eckrich, Professor für Unternehmens- und Mitarbeiterführung an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Während des Teilzeit-Studiums, das an zwei Wochenenden im Monat stattfindet, wird den Teilnehmern viel abverlangt. Die Konfrontation mit ungewohnten Aufgaben sei sehr motivierend, vor allem die Arbeit in den heterogenen Teams findet Tiden außergewöhnlich und anregend. Die Kommilitonen kommen nicht nur aus verschiedenen Branchen, sondern haben auch verschiedene akademische Hintergründe. Die zu erledigenden Hausarbeiten sind so umfangreich, dass sie nur durch Zusammenarbeit zu schaffen sind. Statt Einzelkämpfertum gilt nun Teamgeist. Vorher hat Tiden seine Arbeit delegieren können, jetzt muss er sich selbst wieder reinknien und in Details vertiefen.

Dass Führungskräfte sich wieder in eine Studiensituation begeben, ist in Deutschland noch selten. In Amerika, England oder Frankreich kommt dies häufiger vor. Ein Konkurrent der MBS in Deutschland ist die WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, die in Kooperation mit der amerikanischen Kellogg School of Management einen derartigen Studiengang anbietet. Dieser dauert zwei Jahre und kostet 68 000 Euro, Auslandsseminare sind ebenfalls eingeschlossen. Sie finden mitunter an der Partneruniversität und an der Hong Kong University of Science and Technology statt. Die WHU gilt mit der MBS als größte Universität auf diesem Markt und weist mittlerweile ebenfalls 600 EMBA-Absolventen auf.

Erfahrungen mit der Doppelbelastung durch Beruf und Studium hat auch Hermann Keuper, damals Geschäftsführer von CSL Behring Biotherapies for Life, bei der WHU gemacht. Der 49 Jahre alte promovierte Chemiker war auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Für Keuper, der 2008 seinen 24 Monate dauernden, modular aufgebauten Executive Master abgeschlossen hatte, war es eine große Bereicherung. Im Hinblick auf seine Karriere oder sein Einkommen habe sich der EMBA für ihn allerdings nicht unmittelbar ausgezahlt. „Ich habe viel über mich gelernt und meine Grenzen erforschen können“, sagt er. Keuper erstaunte besonders, wie gut sich die Teammitglieder gegenseitig ergänzt und unterstützt haben. „Wir Älteren konnten unseren größeren Erfahrungsschatz und die damit gelernte Effizienz einbringen, die Jüngeren motivierten und steckten uns mit ihrer jugendlicheren Dynamik an“, erzählt er und erinnert sich gerne an die Zeit. Die ungewohnt hohe Arbeitsbelastung wirkte sich bei Keuper auch auf das Familienleben aus. Obwohl seine Kinder schon aus dem Haus seien, bekomme das Familienleben einen neuen Stellenwert. Deshalb versuche er sich gezielter Zeit zu nehmen für seine Familie. Aus Sicht der Unternehmen bieten die EMBA-Studiengänge den Vorteil, dass ihre Führungskräfte neue Ideen mitbringen und Flexibilität wiedergewinnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Unternehmen müssen Lehrgeld zahlen
Autor
Roger de Belsunce Internat Schloss Hansenberg, Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 04. November 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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