Der Schlussmann

Wir machen aus einem unglücklichen Paar zwei zufriedene Singles.“ So wirbt Bernd Dressler auf der Internetseite www.trennungsagentur.com. Im Jahr 2006 erwarb er die Idee für einen Euro bei E-Bay – sie wurde wegen moralischer Bedenken verkauft. In einer späteren Auktion sicherte er sich die dazugehörigen 48 Städtedomains in Deutschland für weitere 506 Euro. Aufgrund der Kuriosität seiner Geschäftsidee war die Aufmerksamkeit in den Medien groß: Der 56 Jahre alte Dressler hat mehr als 200 Interviews geführt und war Gast in Talkshows. Nach einem Auftritt in Stefan Raabs Sendung TV total konnte er noch am selben Abend mehr als 12000 Besucher auf seiner Homepage zählen. Dort bietet Dressler unterschiedliche Dienstleistungen an, etwa das am häufigsten gebuchte Paket 1 „Lass uns Freunde bleiben“ oder Paket 2 „Lass mich in Ruhe“. Für mindestens 29,95 Euro greift er zum Telefon und beendet die Beziehung seines Auftraggebers. Für 39,95 Euro schreibt Dressler einen Brief. Wem dies zu unpersönlich ist, kann Paket 4 nehmen: Für 64,95 Euro überbringt Dressler persönlich die schlechte Nachricht; im Preis inbegriffen ist die Möglichkeit, sich seine Habseligkeiten aus der gemeinsamen Wohnung mitbringen zu lassen. Bevor er einen Auftrag erledigt, müssen das Geld überwiesen und drei Trennungsgründe genannt werden. Am häufigsten sind: zu wenig Zeit füreinander, Selbstverwirklichung, der Mangel an gemeinsamen Interessen oder eine neue Partnerschaft. Nach dem ersten Schock oder der Frage nach einer versteckten Kamera kann Dressler mit diesen Gründen belegen, dass es sich nicht um einen Scherz handelt. Das Durchschnittsalter seiner Zielgruppe liegt zwischen 22 und 24 Jahren. „Es ist sicherlich ein Thema, das junge Leute eher anspricht als ältere. Die schütteln nur irritiert den Kopf“, sagt Dressler. Zwei Drittel aller Anfragen kommen von Frauen, und nur ein Drittel der Interessenten wagt dann die Trennung. Dressler hat auch Kunden in Österreich und der Schweiz. Um die kümmert er sich selbst, oder er leitet sie an einen lokalen Lizenznehmer weiter. Mittlerweile hat er 14 Franchise-Nehmer im Inland und drei im Ausland. Diese müssen eine Einstiegsgebühr und monatlich zwischen 50 und 200 Euro an Dressler zahlen. Die Trennungsagentur ist nur ein Teilprojekt von Dresslers Unternehmen „Arbeitsgemeinschaft Existenzgründung“; er hilft sonst Menschen, sich selbständig zu machen. Die von ihm getrennten Beziehungen haben meist keine lange Vergangenheit. Weniger als ein Jahr dauert es, „bis die Testphase vorbei ist und das Rosarote gegen die Realität ausgetauscht wird, dann fallen die Reize runter“, meint Dressler. Im Jahr 2007 hatte er schon mehr als 250 Aufträge ausgeführt, und täglich kamen etwa 1,5 Trennungen hinzu. Grundsätzlich rufen am Montag mehr Menschen bei ihm an als am Freitag, und auch nach Weihnachten oder den Ferien steigt die Zahl der Aufträge. „Wenn die Leute gezwungen sind, aufeinanderzuhocken, geht die Rate deutlich nach oben.“ Dressler hilft auch sonst gerne aus. So bat ihn ein Mann um seine Visitenkarte, die er auffällig bei sich zu Hause plazieren wollte, um der Ehefrau eine Vorwarnung zu geben. Diese hatte ihm die Hölle heißgemacht, weil er sie betrogen hatte. Dressler erhielt bereits etliche unfreundliche Mails. Angst vor Handgreiflichkeiten hat er aber nicht: „Wer sollte mir denn was tun wollen?“, fragt der 1,90 Meter große Hüne, er sei doch ein „nettes Kerlchen“. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht; ein Scheidungsrichter müsse sich ja auch keine Vorwürfe machen. Mit verzeih-mir24.de wird aber das Angebot erweitert für jene Kunden, die ihren Trennungsschritt bereuen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Schlussmann
Autor
Anna Brunner Johannes-Kepler-Gymnasium, Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. Dezember 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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