Die Plattenspielerindustrie ist gut aufgelegt

Behutsam wiegt der Musikliebhaber die tellergroße Langspielplatte in seinen Händen. Mit einer routinierten Handbewegung verschmilzt das schwarze Vinyl mit dem Plattenteller, der nun sanft zu rotieren beginnt. Langsam senkt sich der Tonarm, die Nadel des Tonabnehmers verschwindet in der äußersten Vertiefung der Scheibe und bewegt sich tastend vorwärts. Zunächst gespannte Stille. Dann erfüllt Musik den Raum: Erst ein leises Gitarrenriff, dann setzen Bass und Schlagzeug ein. Schließlich bittet Roger Waters mit unvergleichlicher Stimme „Wish you were here“. Jahrzehnte nach ihrem vermeintlichen Karriereende haben nicht nur Pink Floyd, sondern auch die analogen Abspielgeräte weiter eine feste Fangemeinde in Deutschland.

„Im vergangenen Jahr gingen in der Bundesrepublik rund 120000 Schallplattenspieler über die Ladentheken“, berichtet Tamara Tran von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu). „Das schwarze Gold, die Vinylschallplatte, durchbrach 2009 erstmalig wieder die magische Grenze von 1 Million verkauften Exemplaren – Tendenz steigend.“ Erreichte man 2002 mit lediglich 75000 Plattenspielern die Talsohle des Absatzes, konnten die Verkaufszahlen seither um 62,5 Prozent gesteigert werden. Derzeit existieren hierzulande etwa 15 zum Teil recht kleine Hersteller von Plattenspielern.

Eine davon ist die Räke Hifi Vertrieb GmbH in Bergisch Gladbach, die unter dem Namen Transrotor bekannt ist. Das Familienunternehmen beschäftigt 15 Mitarbeiter. „Außerdem greifen wir auf mehr als 150 regionale Zulieferer wie etwa Drehereien zurück“, erklärt Dirk Räke, Vertriebsleiter des Unternehmens und Sohn des Geschäftsführers.

Der Vater des Erfolgs ist der 69 Jahre alte Firmengründer Jochen Räke. Er übernahm 1971, nach einem abgeschlossenen Studium der Landmaschinentechnik und einer späteren Ausbildung zum Radio- und Fernsehverkäufer, für den englischen Plattenspielerhersteller Transscriptor den Vertrieb in Deutschland und machte sich zeitgleich mit der Räke Hifi Vertrieb GmbH selbständig. Zunächst tüftelte Räke an den englischen Geräten und veränderte Details, bevor 1976 mit dem Transrotor AC der erste eigene Plattenspieler auf den Markt kam. Mit dem Modell Classic, das 1986 für Grundig entwickelt wurde, gelang Räke ein erster beachtlicher Erfolg. Die Marke Transrotor etablierte sich als feste Größe auf dem Markt für Plattenspieler. Im gleichen Jahr wurde auch die Produktion aus England nach Bergisch Gladbach verlagert. Doch der junge Erfolg wurde schnell bedroht: Nach Markteinführung der CD Anfang der achtziger Jahre sanken die Absatzzahlen der Schallplatten rapide, entsprechend wurden Plattenspieler weitgehend überflüssig. Viele namhafte deutsche Hersteller mussten Konkurs anmelden.

„Das war eine schwierige Zeit für uns“, erinnert sich Jochen Räke. Als nahezu einziger Überlebender des Firmensterbens deutscher Plattenspielerhersteller hatten die Rheinländer in den frühen neunziger Jahren eine gewisse Monopolstellung inne. „Wir haben sicherlich einen sehr speziellen Kundenkreis“, nennt Räke Gründe für die wirtschaftliche Kontinuität. „Viele Käufer unserer Produkte betreiben das Sammeln von Schallplatten und Plattenspielern als Hobby. Für sie ist nicht nur der Klang entscheidend, sondern auch, wie er entsteht.“ Schallplatten und Plattenspieler seien – im Gegensatz zu modernen Tonträgern und Abspielgeräten – etwas zum Anfassen und Tüfteln. Sie machten Musik gewissermaßen haptisch erfahrbar. Hartnäckig hält sich unter Musikliebhabern auch die Ansicht, das Klangbild der Schallplatte sei im Vergleich zu digitalen Tonträgern wärmer und präziser. Dabei handelt es sich zumeist um kleine und für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbare Unterschiede. Die Entscheidung zwischen den Medien wird so zur Glaubensfrage.

Um den anspruchsvollen Kundenkreis zufriedenzustellen, wurde bei Transrotor die Optimierung alter Produkte und die Entwicklung neuer Geräte vorangetrieben. Mit Erfolg: Die 20 verschiedenen Geräte, die seit Anfang der neunziger Jahre entstanden sind, bescherten dem Unternehmen zwischen 2004 und 2006 eine Verdoppelung des Umsatzes im mittleren einstelligen Millionenbereich; während der Wirtschaftskrise konnte der Gewinn des Unternehmens so konserviert werden. 2009 verließen rund 1000 Plattenspieler die rheinische Fertigungsstätte, wobei die Preisspanne von 2000 Euro für das Modell Z1 bis zu 138000 Euro für den nach Unternehmensangaben „teuersten Plattenspieler der Welt“ reicht, dem hüfthohen, 220 Kilogramm schweren Transrotor Artus. Dabei setzte Transrotor nicht selten Maßstäbe, wozu etwa der Transrotor AC zählt, die 1976 erschaffene Urform des Acrylglasplattenspielers, oder der Transrotor Gravità mit seiner kardanischen Aufhängung, bei der der Plattenspieler zum Schutz vor Erschütterungen innerhalb zweier in sich drehbarer Ringe gelagert wird.

Dementsprechend empfindet Räke Unternehmen wie Thorens oder Dual, die ihrerseits Plattenspieler herstellen, weniger als wirtschaftliche Konkurrenten, sondern eher als positives Signal. Dass vermehrt Unternehmen auf den Markt für Plattenspieler drängen, zeige schließlich, dass die Nachfrage nach analogen High-End-Produkten wieder steige. Diese Entwicklung schlägt sich zunehmend auch im Gesamtumsatz der Branche in Deutschland nieder, die laut gfu in den vergangenen fünf Jahren von 9 auf 13 Millionen Euro gesteigert werden konnte.

„Mit unseren Produkten, die qualitativ und preislich auf höchstem Niveau und optisch zum Teil extravagant sind, haben wir aber gewissermaßen eine wirtschaftliche Nische gefunden, in der es keine nennenswerte Konkurrenz gibt“, unterstreicht Dirk Räke die exponierte Stellung seines Unternehmens. Eine zunehmende Bedeutung kommt bei den Rheinländern dem Vertrieb ins Ausland zu. „Im Jahr 2009 machte der Export bereits 45 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus“, verdeutlicht Räke. „Ein Großteil unserer ausländischen Kunden stammt aus Japan oder Russland. Aber auch die Staaten Osteuropas werden für uns zunehmend interessanter.“ Bei Großaufträgen oder besonderen Bestellungen fliegt Firmengründer Jochen Räke schon einmal persönlich zum Kunden und installiert die hochwertigen Abspielgeräte. Auch tüftelt er weiter an neuen Geräten auf der ewigen Suche nach dem perfekten Sound. Und so kommt es nicht selten vor, dass bis tief in die Nacht Musik aus seinem Arbeitszimmer dringt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Plattenspielerindustrie ist gut aufgelegt
Autor
Lukas Lange Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. Dezember 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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