Seine Schäfchen ins Trockene bringen

1, 2, 3, 4 Schäfchen . . . Schafe werden meist nur von kleinen Kindern gezählt, die nicht einschlafen können. Wenn Erwachsene Schafe zählen, lösen sie Erstaunen aus, außer sie arbeiten in einem der ältesten Gewerbe der Welt: der Schäferei. In Deutschland werden die zwischen 20 und 1000 Tiere großen Schafherden nach Angaben der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) von etwa 2000 Berufsschäfern betreut. Daneben gibt es aber noch viele nebenberufliche Schafhalter, so dass die Zahl der Schafhalter in Deutschland insgesamt bei etwa 60 000 liegt. Sie bewachen rund 2,4 Millionen Schafe von gut 30 verschiedenen Rassen, die meisten davon in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein.

Die Schafe sorgen für Wolle, Milch und Fleisch. Die Wollgewinnung ist hierzulande zunehmend in den Hintergrund getreten. "Wurden vor 30 Jahren noch Schafe nur zur reinen Wollproduktion gehalten, so lassen sich heute mit dem Verkaufspreis zwischen 30 und 80 Cent je Kilogramm Wolle noch nicht einmal die Löhne der Schafscherer in Höhe von 3 Euro je Schaf bezahlen", sagt Heinrich Elmshäuser, Besitzer einer tausendköpfigen Schafherde und Vorsitzender der Vereinigung der Schäfer und Schafhalter Lahn-Dill. Bestimmt wird das Preisniveau von günstigen Importen aus Nicht-EU-Ländern wie Neuseeland und südamerikanischen Staaten, da 95 Prozent der Wolle nach Deutschland importiert werden. Deshalb werden die Schafe heute vor allem aus gesundheitlichen Gründen geschoren. Finanziert wird die jährliche Schafschur mit den Agrarsubventionen der EU und dem Verkauf von Fleisch. Voraussetzungen für die Auszahlung der EU-Subventionen als sogenannte Betriebsprämie an die einzelnen Schafzüchter in Höhe von bis zu 40 000 Euro im Jahr sind laut Elmshäuser eine artgerechte Schafhaltung und eine Herde mit mindestens zehn Tieren. Die Fördergelder, die vor allem für die Landschaftspflege durch die Schafe gezahlt werden, sinken zwar weniger stark als die Wollpreise, aber auch sie gehen zurück. Lag ihre Höhe 2006 noch bei rund 200 Euro je Hektar und Jahr bewirtschafteter Fläche, so bekommt der deutsche Schäfer heute nur noch 160 Euro.

Nach Angaben des Landesschafzuchtverbandes Baden-Württemberg macht mit 98 Prozent der Verkauf von Lammfleisch den Großteil der Einnahmen aus, die übrigen 2 Prozent stammen aus dem Wollgeschäft. Dies bestätigt auch Elmshäuser: "Die größten Einnahmen kann ich mit dem Verkauf von Lammfleisch machen, 80 Euro je Lamm und etwa 80 000 Euro im Jahr." Die Preise für Lammfleisch schwanken nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) saisonabhängig, die höchsten Preise werden in der Osterzeit erzielt. Der Preis für Lammfleisch ist seit 2007 von 3,82 Euro je Kilogramm auf 4,09 Euro im Jahr 2009/2010 gestiegen. "Insgesamt werden jedes Jahr 2 Millionen Lämmer in Deutschland geschlachtet und bringen den deutschen Schäfern dadurch Einnahmen in Höhe von 160 Millionen Euro", sagt Stefan Völl, Geschäftsführer der VDL.

Ursache der Preissteigerung ist laut AMI die geringe Zahl an schlachtreifen Lämmern nach dem langen und kalten Winter. Mit diesen Einnahmen dürfen die Schäfer wohl auch weiterhin rechnen, denn der Pro-Kopf-Verzehr an Fleisch ist in Deutschland relativ stabil. Er lag 2009 mit 60,5 Kilogramm nur minimal unter dem Wert des Vorjahres. Dabei essen die Deutschen aber im Durchschnitt nur ein Kilogramm Lammfleisch im Jahr.

Die Stabilität der Nachfrage nutzt den Schäfern, da die Schafhaltung hohe Kosten verursacht. "Pro Schaf müssen durchschnittlich 50 Euro im Jahr für Futter, Pflege und Medikamente aufgebracht werden. Bei einer Schafherde mit 1000 Tieren sind das schon 50 000 Euro im Jahr. Des Weiteren müssen die für die Heuernte benötigten Maschinen unterhalten werden und den Mitarbeitern 1500 Euro brutto sowie den Auszubildenden je nach Ausbildungsjahr 300 bis 600 Euro im Monat gezahlt werden. Daher verdiene ich nach allen Abzügen 1200 bis 1500 Euro netto im Monat bei einem Jahresumsatz von 150 000 Euro brutto", erklärt Schäfer Elmshäuser.

Man muss die Schafe und die Natur also lieben, um sich für den Beruf des Schäfers zu begeistern. Dass für viele der Schäferberuf an Attraktivität verliert, bemerkt Elmshäuser auch in seinem Verband. Hier ist die Mitgliederzahl von 200 auf 156 zurückgegangen. "Die alten Schäfer sterben, aber es kommen nur sehr wenige junge Schäfer nach. Viele Auszubildenden ergreifen nach der Lehrzeit einen anderen Beruf, wenn sie merken, wie niedrig die Verdienstmöglichkeiten bei dem vergleichsweise hohen Arbeitsaufwand sind. Diejenigen, die dann doch Schäfer werden, haben ihren Beruf meistens von ihrem Vater geerbt."

Völl bestätigt dies: "In Deutschland ist die Zahl der Schafhalter in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent zurückgegangen. Das liegt daran, dass die Schäfer immer weniger verdienen, weil die Verbraucher trotz der aufwendigen artgerechten Tierhaltung, die die deutschen Schäfer betreiben, nicht bereit sind, den angemessenen Preis für das Fleisch zu bezahlen. Stattdessen kaufen sie günstiges ausländisches Lammfleisch."

Um Schäfer zu werden, benötigt man mindestens einen Hauptschulabschluss und muss außerdem drei Jahre lang eine Berufsschule mit der Fachrichtung Tierwirt besuchen sowie gleichzeitig eine zweijährige praktische Ausbildung absolvieren. Danach ist noch eine Weiterbildung zum Meister möglich. Dass die meisten ausgebildeten Schäfer ihren Beruf und ihre Tiere trotz des niedrigen Einkommens, der vielen Arbeitsstunden und der oft ungemütlichen Arbeitsbedingungen gernhaben, wird an ihrem großen Engagement deutlich. Jährlich finden in Deutschland mit guter Beteiligung die Meisterschaften im Schafehüten statt, bei der die Schafe mit Hilfe der Hütehunde genauestens durch einen Parcours getrieben werden müssen. Für diesen Wettbewerb wird zuvor trainiert. Außerdem gibt es noch den europäischen Scherwettbewerb in Schottland, an dem auch deutsche Schäfer teilnehmen, sowie zahlreiche Wettbewerbe, bei denen die schönsten Schafe ausgezeichnet werden. Und schließlich findet noch alljährlich der Hirtenzug statt, der quer durch Deutschland führt. Nur eine Sache werden die Schäfchenzähler bei all den vielen Stunden mit ihrer Herde mit Sicherheit niemals tun: einschlafen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Seine Schäfchen ins Trockene bringen
Autor
Catherine Stahl Jacob-Grimm-Schule, Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 16. Dezember 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

Beruf und Chance