Wo der Fan angefeuert wird

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In einer Bundesligasaison finden in der ersten und zweiten Liga zusammen 612 Spiele statt. Einige darunter sind wenig erwärmend. Besonders im Winter kriegen Fans nicht immer die gewünschte hitzige Begegnung zu sehen. Gut, dass es seit einigen Jahren Heizsysteme für Stadiontribünen gibt.

Sogenannte Gasinfrarotstrahler schaffen, was sonst nur Kaffee oder heißer Tee vermögen: Sie halten die Zuschauer warm. Gas und Luft werden innerhalb der Strahler in kleinen Bohrungen an einer Keramikplatte verbrannt. Die Platte erhitzt sich und gibt Strahlungswärme ab. Diese kleinen Sonnen werden an den Tribünenüberdachungen angebracht.

Günther Schwank, Gründer der Schwank GmbH aus Köln, entwickelte schon in den dreißiger Jahren das Konzept der Gasinfrarotstrahler. „In den Industriehallen, in denen damals vorrangig gearbeitet wurde, war es im Winter häufig sehr kalt, so dass das Bedürfnis nach einer effizienten, energiesparenden Heizmethode aufkam“, erklärt Marketingleiter Michael Bäter. Damals ahnte wohl noch keiner, dass nur etwa 70 Jahre später Fußballfans in London und Madrid von genau dieser Methode profitieren würden. „Wir haben die Stadien von Chelsea London im Jahr 2004 und Real Madrid 2007 mit Tribünenheizungen versehen. Vor allem Chelsea-Chef Roman Abramowitsch war von dem Konzept sehr angetan, obwohl das Stadion bereits eine Sitzheizung besessen hatte“, sagt Bäter.

Im Jahr 1967 beheizte die Dortmunder Heizungsfirma Gogas Goch GmbH & Co. KG zum ersten Mal eine Sportstätte mit Gasinfrarotstrahlern. Aus den frühen Anfängen hat sich mittlerweile ein größeres Geschäft entwickelt. Zu den prominenten Kunden zählt unter anderen der niederländische Erstligist Ajax Amsterdam, dessen Stadion Gogas 1995 mit einer Tribünenbeheizung ausstattete. Bis 2002 folgten noch zehn weitere Stadien in den Niederlanden. Tatsächlich scheinen die Niederlande eine gewisse Vorreiterrolle zu spielen: „Heute ist im Grunde jedes größere Stadion dort mit einer Stadionbeheizung versehen“, erklärt Olaf Schreiber, Projektleiter für Sportstätten bei Gogas. Deutschland hinkt da noch etwas hinterher. Hierzulande ist „Wärme auf den Punkt“, wie Gogas es nennt, eher bei Shows und Konzerten gefragt. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Esprit-Arena in Düsseldorf. Auch sie wurde von Gogas mit Heizstrahlern ausgestattet. „Die effektive Beheizung unserer Halle ist ein hervorragendes Werbeargument“, erklärt Kai Baumann, Technischer Leiter der Esprit-Arena. „Die Arena hat ein Innenraumvolumen von 1,15 Millionen Kubikmetern. Mit Hilfe der Gasinfrarotstrahler brauchen wir für die Aufheizung der kompletten Halle je nach Ausgangstemperatur nur zwei bis acht Stunden.“ Zusätzlich bringt jeder Zuschauer noch etwa 100 Watt Körperwärme mit. „Wir müssen die Beheizung meistens bei Beginn der Veranstaltung abstellen, sonst wird es zu heiß“, erklärt Baumann. Die Energiekosten halten sich in Grenzen: „Unsere Halle verfügt über 270 Strahler, und die Energiekosten für eine Stunde Heizen liegen bei 300 Euro.“ Je Strahler kostet eine Stunde Heizen also nur knapp einen Euro, bei 51500 Sitzplätzen entfallen daher auf jeden Sitzplatz nur 0,5 Cent Energiekosten.

Zwar ist die Installation einer solchen Heizung nicht billig, doch die Investition lohnt sich. „Von den 218 Millionen Euro, die die Arena gekostet hat, entfallen fünf allein auf das Heizungssystem, doch das Geld hat die Arena schon fast wieder hereingeholt“, sagt Baumann. Die Beheizung macht die Nutzung der Arena witterungsunabhängig. „Wir können sogar im tiefsten Januar Künstler aus Kalifornien zu uns einladen. In der Halle ist es dann fast so warm wie bei ihnen zu Hause.“ Selbst bei Temperaturen von minus 10 Grad schaffen Gasinfrarotstrahler noch eine Hallentemperatur von 15 Grad Celsius.

Auch beim Fußball soll das Konzept Mehreinnahmen bringen. „Die Vereine versprechen sich durch die Anschaffung einer Tribünenbeheizung eine Steigerung ihres Umsatzes bei Essen und Trinken“, sagt Schreiber. Wenn die Zuschauer nicht frieren müssen, kommen sie früher und bleiben länger, das führt dazu, dass mehr verzehrt wird. Tatsächlich scheint das Konzept nach einer norwegischen Studie über den Verzehr bei Fußballspielen aufzugehen: „Der Klub Viking Stavanger befand sich bei dieser Studie stets im Mittelfeld, bis wir das Stadion mit Gasinfrarotstrahlern ausrüsteten. Jetzt sind sie jedes Jahr Spitzenreiter“, erklärt Schreiber.

Auch über die Grenzen Europas hinaus sind Tribünenheizsysteme auf dem Vormarsch. Für die Fußball-WM in Südafrika stattete Gogas die Pressetribüne und den VIP-Bereich des Ellis-Park-Stadions in Johannesburg mit Strahlern aus. Während der WM wird in Südafrika Winter sein, die Temperaturen können dann bis auf den Gefrierpunkt sinken. „Das Konzept ist für Südafrika Neuland, deswegen sollten wir zunächst nur den Presse- und VIP-Bereich mit Heizstrahlern versehen. Die Rückmeldungen, die wir nach dem Confederations Cup 2009 erhielten, waren aber durchweg positiv“, erklärt Schreiber. Das Unternehmen erhofft sich durch die große Werbefläche, die das Event bietet, auch internationalen Kundenzulauf.

„Die Ausrüstung eines kompletten Stadions kostet etwa 15 bis 35 Euro je Sitzplatz“, erklärt Schreiber. Ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Schon gar nicht in dieser wirtschaftlichen Lage. Bayer Leverkusen beispielsweise verzichtete beim Bau des neuen Stadions auf eine Tribünenbeheizung, obwohl diese im alten Stadion vorhanden war. Das Geld wurde zu knapp. Man möchte sie eventuell später nachträglich einbauen lassen.

„Grundsätzlich können wir jedes Stadion mit Heizstrahlern ausrüsten“, sagt Schreiber. „Einzige Voraussetzung ist, dass es ein Dach hat, an dem wir die Strahler anbringen können.“ Gogas rüstet normalerweise etwa zwei bis drei Stadien im Jahr damit aus. Von den rund 13 Millionen Euro Umsatz, die das Unternehmen zwischen Oktober 2008 und September 2009 machte, entfallen nur etwa 6 Prozent auf Tribünenheizsysteme – oder wie Olaf Schreiber es ausdrückt: „Sie sind das Sahnehäubchen unseres Unternehmens.“ Den größten Umsatz macht Gogas mit der Beheizung von Industriehallen, im traditionell industriegeprägten Ruhrgebiet ist das ein großer Markt. Aber auch Tennishallen, Restaurants und sogar Kirchen zählen zur Kundschaft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo der Fan angefeuert wird
Autor
Teresa Stiens, Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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