Wo nicht der Hengst die Kosten deckt

Heutzutage haben es Landwirte schwer, ihre Milch an den Mann zu bringen. Und wenn ein Liter für 13 Euro verkauft wird, ist das wie ein Sechser im Lotto. So viel Glück hat man aber nicht mit Kühen im Stall. Im brandenburgischen Bredow verdient die Stutenmilchfarm Grüne Oase GmbH ihr Geld mit der Milch von Pferden. Die Geschäftsführerin Elvira Hagen erinnert sich an den Anfang: "Wir wollten Landwirtschaft und Naturheilkunde verbinden. Wie durch eine Fügung erhielten wir von einer Bekannten, die einen Film in Russland produzierte, Informationen zur Stutenmilch und wie diese in der Sowjetunion bereits umfangreich und unkompliziert in mehr als 11 000 Sanatorienplätzen verabreicht wurde." Hagen setzte ihre Idee in die Tat um. "1996 haben wir unsere Pferde direkt von einem russischen Sanatorium gekauft. Dort wird eine spezielle Rasse seit Jahrhunderten auf Inhaltsstoffe gezüchtet." Einer davon ist das Lysozym. Es wirkt im Körper antibakteriell und entzündungshemmend. Außerdem sind die russischen Lastpferde klar im Kopf, ausgeglichen und ausdauernd. "Wer einmal Kontakt zu den russischen Lastpferden hat, verliebt sich in die sehr menschenbezogene Rasse", schwärmt Hagen. Mittlerweile besitzt ihre Farm mehr als 40 Pferde. Normalerweise gibt eine Stute an ihr Fohlen innerhalb von 24 Stunden mehr als 20 Liter ab. Davon können aber nur 10 Prozent für den menschlichen Bedarf verwendet werden, da sonst nicht genug Milch für das Fohlen übrigbleibt. Rainer Schubert, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Stutenmilcherzeuger (BVDS), erklärt: "Jede gesunde Stute mit Fohlen kann ein- bis dreimal täglich gemolken werden, wobei je Melkvorgang circa 1,5 Liter Milch gewonnen werden, das sind durchschnittlich 3 Liter melkbare Milch je Tag und Stute." Ähnlich sieht die Situation auch in Bredow aus. Hier wird eine Stute erst gemolken, wenn das Fohlen zehn Wochen alt ist. Am Anfang wird erst einmal, später dann zweimal gemolken. "Für 2010 ist eine Leistung von 7000 Litern geplant", sagt Hagen stolz. So eine Leistung kann nur erreicht werden, wenn es den Pferden gutgeht. Und Pferde stellen höhere Anforderungen als andere Nutztiere. Mit Blick auf eine artgerechte Haltung leben sie bei Hagen im Offenstall. Ihre Firmenphilosophie lautet: "Nur dort, wo ein Tier auch Tier sein darf, kann es gesunde Produkte für die Menschen liefern." Dazu gehört auch der Verzicht auf chemische Mittel und Impfungen. Die Pferde werden naturheilkundlich behandelt. Außerdem werden die Fohlen erst mit zwei Jahren von den Müttern getrennt. Das ist möglich, weil die Stuten nur alle zwei Jahre gedeckt werden. Ohne Fohlen kann die Farm nicht existieren. Sie sind mehr als nur ein Nebenprodukt, stellt Hagen klar: "Mit den weiblichen Nachkommen wird die Zucht ausgebaut, die Hengstfohlen werden ab einem Alter von mindestens sechs Jahren in der Therapie eingesetzt." Die Therapie mit den Hengsten ist vergleichbar mit der Delphintherapie. Der Umgang mit Pferden kann helfen, energetische und emotionale Blockaden zu lösen. "Bei der Arbeit mit den Pferden geht es nicht um Bändigen oder Reiten, sondern um Fühlen, Loslassen, Freiwerden, Spüren und Zentrieren", erklärt Hagen. Im Moment ist diese Art der Therapie vergleichsweise unbekannt. Deshalb macht die Farm ihren Umsatz noch ausschließlich mit dem Milchverkauf. In Zukunft könnte sich das aber ändern. Man überlegt, einen Teil der für die Therapie ausgebildeten Hengste später zu verkaufen. Auch auf anderen Stutenmilchfarmen hat man für die Fohlen eine Verwendung, berichtet Jette Zollmann vom Kurgestüt Hoher Odenwald in Waldbrunn-Mülben: "Die Fohlen werden alle als Reit- oder Fahrpferde an Privatpersonen verkauft." Das Kurgestüt produziert jährlich 50 000 Liter Stutenmilch. Insgesamt sind rund 25 Stutenmilcherzeuger Mitglied im BVDS. Zusammen haben sie 380 Melkstuten, die im Jahr etwa 170 000 Liter Milch produzieren. Der BVDS wurde vor zehn Jahren von acht Erzeugern gegründet. Wie viel Stutenmilch damals produziert wurde, ist nicht bekannt, weil es noch keine Meldepflicht gab. "Es gibt in Deutschland nur relativ wenige Stutenmilcherzeuger, die regional gut verteilt sind und die ihre Milch überwiegend selbst vermarkten", beschreibt Schubert die aktuelle Situation. Gründe hierfür liegen unter anderem in der aufwendigen und kostenintensiven Erzeugung von Stutenmilch. Die Anforderungen an Hygiene und Stutengesundheit sind hoch. Schubert nennt weitere Hürden: "Die Stutenmilcherzeugung erfordert zunächst relativ hohe Investitionen bei nicht abzusehendem Umfang des künftigen Absatzes." Momentan können die vorhandenen Erzeuger den Bedarf aber decken, so dass ein Import nicht erforderlich ist. In anderen Ländern ist die Milch von Pferden schon viel bekannter. An der Spitze steht unangefochten Russland. "Kuhmilch und Stutenmilch werden aus unserer Sicht nie zu Konkurrenten werden, da die beiden Produkte außer der weißen Farbe und der Wortendung -milch wenig gemeinsam haben", erklärt Hagen. Was ist das Besondere an Stutenmilch? Sie ist der menschlichen Milch sehr ähnlich, weshalb sie als Muttermilchersatz eingesetzt werden kann. Außerdem soll sie gegen Neurodermitis, Akne, Magen-Darm-Erkrankungen sowie Schuppenflechte helfen. "Für gesunde Menschen hat sie dann Vorteile, wenn das Immunsystem unterstützt werden soll. Die Wirkung wurde in zwei klinischen Studien nachgewiesen", erklärt Schubert. Schon in der Antike tranken die Griechen Stutenmilch. Nicht wenige Menschen schätzen sie auch heute noch wegen ihrer Inhaltsstoffe. Aber manche, die noch keine Erfahrungen mit Stutenmilch gemacht haben, sind zunächst skeptisch und betonen auch den ungewohnten Geschmack. Stutenmilch schmeckt süßlich, wässrig und leicht nussig. Manche sagen, der Geschmack gehe in Richtung Kokos. Einen therapeutischen Nutzen erreicht man erst, wenn täglich 250 Milliliter über mindestens vier Wochen lang getrunken werden. "Leider greifen viele Menschen erst zur Stutenmilch, wenn sie nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Viele waren dann überrascht, was die Natur vermag. Die Leute sind nicht skeptisch, sondern vielmehr nicht informiert", sagt Hagen. Nur ein geringer Teil der Stutenmilch wird zu Kosmetika, Seife oder Schokolade weiterverarbeitet. Bei der Stutenmilchfarm Grüne Oase holen die Kunden die Stutenmilch entweder direkt vom Hof ab, oder sie wird bundesweit versendet. Vor dem Verkauf wird die Milch sofort nach dem Melken in einer Spezialmaschine schockgefroren, so bleibt sie unbehandelt. Bei einer Erhitzung würden wertvolle Inhaltsstoffe zerstört. Den Preis von 13 Euro je Liter findet Schubert fair: "Gemessen am Nutzen, ist selbst der höhere Preis für eine Tagesportion Stutenmilch von circa 3,50 Euro angemessen; er ist sogar niedriger als der einer großen Tasse Cappuccino oder einer Schachtel Zigaretten." Hagens Jahresumsatz ist seit Beginn der Produktion ständig gestiegen. Im ersten Jahr der Vermarktung wurden gut 60 000 DM erzielt. 2010 wird ein Umsatz von 90 000 Euro angestrebt, ähnlich wie im Vorjahr.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo nicht der Hengst die Kosten deckt
Autor
Viktoria Rauser Gymnasium Schloß Neuhaus, Paderborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 16. Dezember 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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