Teddy ist dann mal weg

Es gibt keine Studie, ob das Leben eines Einzelnen ohne oder mit Kuscheltier anders verlaufen wäre. Fest steht aber, dass der geduldige Zuhörer Trost spendet, Ängste abbaut, Einschlafprobleme bewältigt und so manche Träne trocknet. Er hält auch die Treue, wenn er vor Wut an die Wand fliegt oder ein Ohr abgerissen bekommt. Sie sind da, wenn sie gebraucht werden. Da ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, dem Teddy eine Auszeit zu gönnen und ihn auf Städtetour zu schicken.

In Berlin wurde 2005 das Unternehmen Teddy Tour Berlin von Karsten Morschett und Thomas Vetsch gegründet. Im Postpaket reisen Bären, Mäuse, Pinguine und andere an. Hier gilt: Erlaubt ist alles. „Berlin ist schließlich eine tolerante Stadt“, äußert Geschäftsführer Morschett. Es gebe keine Kriterien zur Zulassung der Lieblinge. „Jeder ist willkommen. Teddy Tour Berlin ist offen für alle Arten, Nationen, Religionen und sexuellen Orientierungen. Es wird nicht auf Lebensstandard, Alter oder Behinderungen geachtet.“ Die Sightseeingtour der Kuscheltiere führt umweltbewusst auf dem Fahrrad durch die Stadt Berlin, die ja ohnehin schon als Wahrzeichen einen Bären trägt. Auf der Tour werden Fotos mit den Kuscheltieren gemacht und Andenken für die Daheimgebliebenen gekauft. Obwohl die Reisegruppe mit 20 Teilnehmern nicht klein ist, ist es vorbildlich still, und jeder richtet seine Knopfaugen konzentriert auf die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt.

Die Frage drängt sich natürlich auf, wie ein solcher Gedanke entstand und ob ein Kuscheltier auf Reisen geschickt werden muss. Auf die Idee kamen die beiden Partner, als sie auf der Suche nach einem originellen Geschenk für einen Freund waren, sagt Morschett. Sie entschieden sich dafür, das Kuscheltier des Freundes an unterschiedlichen Orten zu fotografieren. Damit war der Grundstein für eine „Teddy on tour“-Reiseagentur gelegt.

Die verrückte Geschäftsidee wird tatsächlich genutzt. Teddy Tour betreute nach Angaben Morschetts bis Ende 2009 ungefähr 200 Kuscheltiere während ihres Aufenthaltes in Berlin. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Schmusetiere auf Reisen gehen. Die eine Hälfte der Anmeldungen werde von Freunden der Kuscheltierbesitzer gerne als Geschenkidee genutzt. Die andere Hälfte der Buchungen übernehmen die Eigentümer der Plüschtiere selbst, hält Morschett fest. Die Besitzer sind zwischen 6 und 72 Jahren alt und kommen aus den unterschiedlichsten Berufssparten. Gebucht wird weltweit. Die Hälfte der kleinen Touristen kommt aus Deutschland, ein Fünftel aus der Schweiz und der Rest aus dem übrigen Ausland, wobei Schweden, Norwegen und Finnland besonders stark vertreten sind. „Es gibt Kunden, die die Idee unterstützen, da sie besonders ausgefallen ist. Andere können aufgrund einer Erkrankung selbst nicht mehr verreisen und entscheiden sich dafür, stellvertretend ihren Wegbegleiter auf Reisen zu schicken. Es gibt ihnen das Gefühl, dass ein Teil ihrer selbst dorthin reist.“ Auch Hinterbliebene lassen das Kuscheltier eines Verstorbenen verreisen, um noch einmal daran zu erinnern, wie gerne der Verstorbene in Berlin war oder wie gerne er selbst einmal Berlin besucht hätte, erklärt Morschett.

Gebucht werden unterschiedliche Reisetouren. Von der einfachen Paparazzi-Tour, die sich auf die Sehenswürdigkeiten – den Fernsehturm am Alexanderplatz, das Rote Rathaus, den Berliner Dom, das Kanzleramt, ein Picknick im Tiergarten und das Brandenburger Tor – beschränkt, bis zur De-luxe-Tour, die zusätzlich den Gendarmenmarkt, Bahnhof Zoo, Ku'damm, die Gedächtniskirche und weitere Sehenswürdigkeiten einschließt, ist alles möglich. Ein Besuch bei den Promis von Madame Tussauds oder eine Spreefahrt ist ein beliebtes Buchungsextra.

Die Kosten für den Urlaub des Lieblings bewegen sich zwischen 40 und 140 Euro. „Anfang des Jahres“, ergänzt Morschett, „hat sich die Finanzkrise auch bei Teddy Tour Berlin bemerkbar gemacht.“ Ein Teil der Einnahmen geht an den Verein Nestwärme. Er unterstützt Familien mit chronisch kranken Kindern. Das Reiseunternehmen Teddy Tour Berlin wurde auf Grund seines Engagements und der Unterstützung für den Verein Nestwärme im März vergangenen Jahres zum Botschafter Berlins ernannt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Teddy ist dann mal weg
Autor
Lisa-Kathrin Fritzsch, Gymnasium Taunusstein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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