Der kostbare Wortschatz

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Sie sind einfacher zu bedienen, schneller und umfangreicher als herkömmliche Angebote, aber vor allem sind sie eines: kostenlos. Online-Wörterbücher laufen ihren gedruckten Konkurrenten den Rang ab. „Allein im Jahr 2009 waren Marktrückgänge von 10 Prozent und damit 4,4 Millionen Euro bei den Übersetzungswörterbüchern in Deutschland zu verzeichnen“, berichtet Jan Cloeren, Verlagsleitung Wörterbücher von der Pons GmbH, die im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 5 Prozent hatte. Besonders die großen, teuren Wörterbücher von traditionsreichen Unternehmen wie Langenscheidt und Pons werden immer weniger gekauft. „In den letzten fünf Jahren ist der Markt um 50 Prozent zurückgegangen“, konkretisiert Vincent Docherty, Leiter der Wörterbuchabteilung bei der Langenscheidt KG. Nach Aussagen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels umfasst der Großwörterbuch-Markt nur noch etwa 4 Millionen Euro.

Online-Wörterbücher hingegen werden immer populärer. Marktführer ist laut Deutschem Internet Verband Leo.org, das seit 15 Jahren das Geschehen mitbestimmt. Mit einem Umsatz von nach eigenen Angaben rund 1 Million Euro im Jahr gehört es zu den wenigen Anbietern, deren Geschäft kostendeckend ist. Die Pons GmbH, die seit 2008 ebenfalls ein Sprachportal mit zehn zweisprachigen Wörterbüchern und maschineller Textübersetzung betreibt, macht noch Verluste. „In heutigen Zeiten ist es unabdingbar, seiner Marke ein zweites Standbein in der virtuellen Welt aufzubauen. Wir sehen Pons.eu als Zukunftsinvestition. Es ist als mittelfristig profitables Projekt angelegt, das gerade erst richtig anläuft“, erklärt Cloeren.

Laut Alexa.com besuchen täglich 4 Millionen Menschen das Online-Wörterbuch Leo, davon 3 Millionen aus Deutschland. Insgesamt liegt Leo auf Platz 18 der in Deutschland meistbesuchten Internetseiten. Damit schlägt es alle vergleichbaren Online-Wörterbücher im deutschsprachigen Raum. Das konkurrierende Angebot Dict.cc kann an Werktagen bis zu 1,3 Millionen Besucher vorweisen, Pons.eu erreicht diese Zahl in einem Monat. Leo (link everything online) war ursprünglich eine von Achim Jung ins Leben gerufene Studenteninitiative der TU München in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität. Mit zunehmender Entwicklung des Internet wurden zunächst nur zweisprachige deutsch-englische Wörterbücher sowie andere Dienste frei zugänglich ins World Wide Web gestellt. Im Jahr 2001 überschritt man die Millionengrenze bei den täglichen Wortanfragen. Mit einem deutsch-französischen Wörterbuch wurde das Angebot 2004 erweitert. Mittlerweile gibt es auch ein deutsch-spanisches, ein deutsch-italienisches und ein deutsch-chinesisches Wörterbuch, ein deutsch-russisches soll 2010 hinzukommen. Aufgrund der stetig wachsenden Nutzerzahlen wurde 2006 die Leo GmbH in Sauerlach bei München gegründet. Geschäftsführer ist Hans Riethmayer, und die Zahl der Angestellten liegt heute bei knapp 20. Die täglichen Suchanfragen liegen von Montag bis Donnerstag bei etwa 12 Millionen, freitags und am Wochenende sinken sie auf 4 bis 7 Millionen. Mehr als 80 Prozent davon entfallen auf das deutsch-englische Wörterbuch. Momentan umfasst der deutsch-englische Bereich 590000 Wörter und Wendungen, bei den anderen Sprachkombinationen sind es jeweils 100000 bis 200000. Ein gedrucktes deutsch-englisches Taschenwörterbuch von Langenscheidt mit knapp 1500 Seiten beinhaltet etwa 130000 Stichwörter. Sollte bei Leo eine Übersetzung nicht gefunden werden, so kann man in einem Forum nachfragen. Dort helfen Übersetzer und andere Nutzer weiter. Zudem existieren weitere Foren, in denen man sich über Land und Leute austauschen, neue Wörter hinzufügen und auf falsche Angaben hinweisen kann. Auch ein Sprachtrainer ist vorhanden. Neben den Übersetzungen werden zu den meisten Ausdrücken weiterführende Informationen wie Vertonung, Deklinations- und Konjugationstabellen, deutsche Rechtschreibung und korrekte Pluralbildung angeboten, zum Teil von anderen Unternehmen wie der Linguatec Sprachtechnologien GmbH. „Als Gegenleistung stellen wir unseren Kooperationspartnern Werbeflächen auf unserer Seite zur Verfügung“, sagt Doris Leibold von der Leo GmbH.

Im vergangenen Jahr wurde eine Kooperation mit dem Gabler Verlag initiiert. Dieser bietet eine Online-Version seines Wirtschaftslexikons an und überlässt den entsprechenden deutschen Wortschatz von mehr als 20000 Wirtschaftsbegriffen der Leo GmbH, die ihr Wortrepertoire somit erweitern konnte. Unter den Zusatzinformationen findet man nun auch einen Link zur deutschen Erklärung des Fachworts aus dem Wirtschaftslexikon. Im Gegenzug verlinkt der Gabler Verlag für die englische Übersetzung auf Leo. Davon profitieren beide Seiten. „Wir beide können so unseren Nutzern ein umfangreicheres Angebot bieten, und zudem werden durch Leo mehr Leute auf unsere Seite aufmerksam gemacht“, erklärt Ricardo Mosena von der Redaktion des Wirtschaftslexikons.

Seit einigen Jahren stellt Leo auch kostenlose PDA- und MDA-Versionen zur Verfügung, mit denen man vom Handy aus auf das Wörterbuch zugreifen kann. Zudem gibt es die Lion-Shareware, mit der man Wörter direkt durch einen Mausklick und ohne einen Extra-Besuch des Wörterbuchs übersetzen kann. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind die Lizenzen kostenpflichtig. Eine Einzellizenz kostet 17,85 Euro, eine Firmenlizenz 6500 Euro. Forschungseinrichtungen müssen einen Betrag von 178 Euro zahlen. Doch dieses Geschäft ist laut Riethmayer eher ein Verlustgeschäft. „Die Lion-Anwendung ist ein technisches Feature, das unsere Nutzer wünschen und wir sehr gerne anbieten wollen, auch wenn es nicht profitabel ist.“ Geld verdient Leo aufgrund der hohen Zahl seiner Seitenaufrufe mit den Werbeflächen. Ein Werbe-Button auf der Seite des deutsch-englischen Wörterbuchs kostet 3150 Euro je Woche, auf der des deutsch-chinesischen Wörterbuchs nur etwa 200 Euro. Im Forum beläuft sich ein Werbebanner sprachenunabhängig auf 1150 Euro und im Vokabeltrainer auf 350 Euro. Insgesamt stehen etwa 23 Banner und Buttons sowie 72 Werbe- und Textlinks zur Verfügung.

Um den Anschluss nicht zu verlieren, rüsten die Printverlage nach. Wörterbücher gibt es mittlerweile in allen möglichen Varianten: als On- und Offline-Versionen fürs Handy und den Computer oder als taschenrechnerähnliche Wörterbücher. „Wenn wir heutzutage Wörterbücher verkaufen, ist im Paket immer eine Version für den Computer und das Handy mit dabei“, erklärt Cloeren. „So kann jeder selbst entscheiden, wie er sein Wörterbuch am liebsten nutzen will.“

Doch Beliebtheit ist nicht immer mit fachlicher Akzeptanz gleichzusetzen. „Ich persönlich nutze Leo auch, ebenso wie meine Studenten“, sagt Professorin Britta Mondorf von der Abteilung English Linguistics der Universität Mainz. „Jedoch lasse ich Leo nicht als Quelle für wissenschaftliche Arbeiten zu. Dazu fehlt mir die lexikographische und redaktionelle Überprüfung.“ Ricardo Mosena ist sich dieses Misstrauens bewusst: „Deswegen verlinken wir für eine Übersetzung nicht nur auf Leo, sondern auch auf Pons.eu und überlassen unseren Nutzern, ob sie sprachliche Vielfalt und Lebendigkeit oder redaktionelle Sicherheit bevorzugen.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Der kostbare Wortschatz
Autor
Klara Keute, Internat Schloss Hansenberg, Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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