Ein klassischer Schubladenhüter

Laut einer Studie von Nokia aus dem Jahr 2008 hatte jeder Handynutzer durchschnittlich schon fünf Telefone. Werden diese ausrangiert, so landen sie meist in Schubladen, statt recycelt zu werden. Der Gießener Gymnasiast Martin Möller hat gerade einen Mobilfunkvertrag mit neuem Handy abgeschlossen. Von Handy-Recycling hat er noch nichts gehört. Sein altes Telefon werde er „wohl zu Hause verstauen“. Wie er machen es viele: laut der Nokia-Studie 44 Prozent. Nur drei von hundert recyceln ihr Mobiltelefon. Und nur die Hälfte der Befragten wisse überhaupt, dass Handys wiederverwertbar seien. Ein Viertel der Nutzer gibt sein altes Handy in der Familie oder an Freunde weiter, und 16 Prozent verkaufen es im Internet.

Sabine Lemke von der Bundesgeschäftsstelle des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Berlin betreut die Kampagne „Alte Handys für die Havel“. Sie erklärt, dass Mobiltelefone nur 18 bis 24 Monate genutzt werden. Dann laufen die Verträge aus. Und ein neuer Vertrag beinhaltet oft ein neues Handy. Nach Schätzungen von Vodafone besitzen mehr als 70 Millionen Mobilfunknutzer in Deutschland rund 130 bis 140 Millionen Handys. Für jedes eingesammelte Telefon bekommt der Nabu drei Euro vom Projektpartner Vodafone. So kamen seit 2006 mehr als 44000 Handys zusammen, die gemeinsam mit von Vodafone-Kunden gespendeten Bonuspunkten (eine Art Treuerabatt) rund 240000 Euro ergeben haben. Dieses Geld fließt in die Renaturierung der Unteren Havel. Das zurzeit größte Fluss-Renaturierungsprojekt Mitteleuropas kostet den Bund, die Länder und den Nabu 22 Millionen Euro. „Der Nabu hat einen Eigenanteil von 1,6 Millionen Euro“, erklärt Lemke. „Da ist die Handy-Aktion eine wichtige Einnahmequelle.“

Seit Februar 2003 sind Hersteller und Vertreiber von Elektro- und Elektronikgeräten verpflichtet, Altgeräte kostenlos zurückzunehmen und fachgerecht zu entsorgen. Das ist das Geschäftsfeld der Münchener Zonzoo GmbH, die zur englischen Zonzoo Group gehört und bis 2009 als Greener Solutions GmbH firmierte. Bei ihr sind im Jahr 2007 rund 450000 gebrauchte Handys eingetroffen. Im Jahr 2008 erzielte die Zonzoo einen Umsatz von 11,5 Millionen Euro. Zonzoo bietet sowohl den Ankauf von Handys über seine Internetplattform an als auch Recyclingdienste für Hersteller und Erstvertreiber. Seit ihrer Gründung im Jahr 2001 in England hat sie eigenen Angaben zufolge europaweit mehr als 10 Millionen Handys recycelt oder wiederaufbereitet. Bis zu 200 Euro zahlt Zonzoo für Handys beim Online-Ankauf. Für das sechs Jahre alte Handy Nokia 5140i mit einem Einführungspreis von 249 Euro werden noch rund 3 Euro geboten, bei noch älteren Handys nur die kostenlose Entsorgung. Auf der Internetseite muss der Kunde nur Hersteller, Typ und Funktionsfähigkeit eintragen, um den Preis zu erfahren. Zonzoo verspricht außerdem, 5 Prozent des Ankaufspreises an Umwelt- und Sozialprojekte zu spenden. An welchen der 50 Partner, darunter Ärzte für die Dritte Welt oder der Frankfurter Zoo, entscheidet der Kunde.

Die eintreffenden Handys werden bei Zonzoo überprüft, ob sie für den Wiederverkauf geeignet sind oder nicht, sagt Pressesprecher Tim Augustin. Wichtig für einen Wiederverkauf sei auch, ob es einen Markt für das Handy gebe. Sollte sich die Aufbereitung nicht lohnen, werden funktionierende Einzelteile weiterverwendet, die Überreste dem Rohstoffrecycling zugeführt und geschreddert. „Die Quote der wiederverkäuflichen Geräte liegt im Allgemeinen zwischen 40 und 60 Prozent“, meint Augustin. Über Zwischenhändler gelangen die erneuerten Geräte dann in Schwellenländer.

Für manche Mobilfunkbetreiber wie E-Plus wickelt Zonzoo auch die komplette Rücknahme ab bis hin zur notwendigen Meldung an die Stiftung Elektro-Altgeräte Register in Fürth. Dort werden die von den Herstellern in Umlauf gebrachten Elektrogeräte und die Menge der wieder eingesammelten Geräte erfasst. E-Plus unterstützt mit den Erlösen aus der Sammlung den Malteser Hilfsdienst. Der größte deutsche Anbieter T-Mobile arbeitet bei der Althandy-Sammlung mit der Deutschen Umwelthilfe in Radolfzell zusammen. Das Recycling übernimmt die Europa Trading & Recycling Services GmbH aus Solingen. Dort werden etwa zwei Drittel der Althandys – 2008 wurden 69000 zurückgenommen – nach geringfügigen Reparaturen wiederverwendet. Nutzbare Teile defekter Mobiltelefone dienen zur Reparatur anderer Altgeräte, der Rest wird ortsnah bei einem Entsorgungsfachbetrieb zerlegt und recycelt. Laut T-Mobile enthält jedes Handy knapp 32 Gramm recyclingfähige Metalle, unter anderen Silber, Gold und Platin.

Über die Internetseite der 2008 gegründeten Asgoodas.nu GmbH in Frankfurt an der Oder kann man sein altes Handy ebenfalls loswerden. Für ein neuwertiges Nokia 5140i mit Zubehör bekommt man dort 11 Euro, allerdings sinkt der Preis kontinuierlich. „Tausende Handys und iPods“ zählt Geschäftsführer Christian Wolf monatlich. Für 2009 peilte man einen Umsatz von 450000 Euro an. Nach Handys und MP3-Playern sollen Navigationsgeräte, Laptops, Spielekonsolen und Digitalkameras folgen. Die eingegangenen Geräte werden dann einer umfangreichen Aufarbeitung unterzogen und die Software in den Werkszustand zurückgesetzt. Anschließend werden die Geräte im Internetauktionshaus Ebay mit zwölf Monaten Garantie weiterverkauft. Das Nokia 5140i bietet Asgoodas.nu ab etwa 40 Euro zuzüglich Versandkosten an. Bei Ebay wird das Handy gebraucht für knapp unter 70 Euro gehandelt. Für den Gymnasiasten Martin Möller lohnt sich der Verkauf mehr als das Recycling. Was er machen wird? „Mal sehen. Wahrscheinlich landet es trotzdem in der Schublade.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein klassischer Schubladenhüter
Autor
Philipp Nuhn, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

Beruf und Chance