Über die Runden kommen

Rhönrad fährt man rund um die Welt. „Im Jahr verkaufen wir um die 150 Rhönräder“, erzählt Oswald Zimmermann, Geschäftsleiter der Rhönradbau und Rohrbiegefertigungs GmbH aus Taunusstein, „davon 70 in Deutschland“. Japan und die Schweiz sind mit etwa 20 Rädern die Hauptabnehmer im Ausland. Der Rest wird weltweit vertrieben, an Vereine sowie Zirkusse und Varietés, wie zum Beispiel an den Russischen Nationalzirkus und an den Cirque du Soleil. In 17 Länder hat der gelernte Maschinenschlosser bereits geliefert.

Erfunden wurde das Turngerät, das einem überdimensionalen Hamsterrad ähnelt, um 1920 von Otto Feick. Als Sohn eines Schmieds baute Feick sich aus Fassreifen ein Sportgerät als Zeitvertreib und ließ es 1925 in der Rhön zum Patent anmelden, daher auch der Name. Es besteht heute aus zwei kunststoffummantelten Stahlreifen, die durch sechs Sprossen verbunden sind. Feick reiste um die Welt, um sein Rad bekannt zu machen. 1936 wurde es sogar bei den Olympischen Spielen in Berlin vorgeführt. „Seit 1979 sind die Räder einheitlich genormt“, erklärt Klaus Jipp, Fachgebietsvorsitzender des Schwäbischen Turnerbunds, „denn es kam vor, dass die Sprossen und Griffe unterschiedlich weit voneinander entfernt waren, weshalb Turner an Wettkämpfen ab und zu herunter- oder durchfielen.“ In 215 Vereinen in Deutschland kann die Sportart ausgeübt werden. Die Weltmeisterschaft findet alle zwei Jahre statt, ein Dutzend Länder tritt an. Unterschiede gibt es aufgrund der Normmaße nicht mehr, alle turnen in den gleichen Rädern.

„Konkurrenten habe ich nicht wirklich“, sagt Zimmermann. In Deutschland gibt es nur noch einen weiteren Hersteller, Hermann Spicker, der aber nur wenige Räder produziert. Dennoch kann der Drei-Mann-Betrieb in Taunusstein nicht allein durch den Rhönradbau bestehen. Deshalb werden auch Rohre für Schlossereien gebogen. Eine Ausbildung zum Rhönradbauer gibt es nicht. Zimmermann ist Schlosser und hat die Rohrbiegemaschinen zur Herstellung der Rhönräder selbst entworfen. „Für ein Rhönrad brauchen wir 12 bis 15 Arbeitsstunden“, sagt Zimmermann. Das hat seinen Preis. Ein Rad in einer Größe von zwei Metern kostet zwischen 850 und 1250 Euro. „Wir biegen die Edelstahlrohre zu Reifen, Griffen und Sprossen und schweißen diese zusammen. Zum Schluss kommt außen herum noch eine Kunststoffummantelung aus PVC.“ Auch die Reparatur von kaputten Rädern sowie Neulackierungen sind möglich.

1987 hat der Taunussteiner Schlosser angefangen, Rhönräder zu bauen. Auf die Idee kam er durch Wolfgang Bienzle, den Trainer und mehrfachen Weltmeister. „Er hat mich gefragt, ob es mir nicht Spaß machen würde, und somit habe ich den ehemaligen Hersteller Schiffbauer abgelöst.“ Das kleinste Rad, das er bisher gebaut hat, war gerade mal einen Meter groß und somit passend für ein dreijähriges Kind, welches aber wahrscheinlich etwas zu früh dran war, „denn das Wichtigste beim Rhönradturnen ist die Körperspannung und die Muskelkraft“, erläutert Jipp. Viele Vereine haben Showturngruppen und können für Veranstaltungen gebucht werden. Die Nachfrage nach der Neuentwicklung eines Rhönrades mit Leuchtdioden ist gerade deshalb sehr hoch. „Allerdings habe ich davon erst drei verkauft“, meint Zimmermann, „denn der Preis liegt bei 4000 Euro“. Der Umsatz ist insgesamt zurückgegangen. 2009 waren es 350000 Euro, vor zehn Jahren noch 810000 DM.

Informationen zum Beitrag

Titel
Über die Runden kommen
Autor
Lucie Preißler, Johannes-Kepler-Gymnasium, Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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