Eine lukrative Knochenarbeit

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Stan ist für viele Schüler und Studenten ein guter Freund, kaum wegzudenken aus Universität, Schule, Krankenhaus oder Arztpraxis. Er ist zwar wenig kommunikativ, aber er mischt sich auch nicht ungefragt ein oder stört gar den Unterricht. Seine stille Präsenz gibt der Situation erst die Bedeutung. Er symbolisiert den Tod und regt dennoch immer wieder zum Unfug an: mit weißem Kittel bekleidet, mit Hut oder Zigarette zwischen den Zähnen.

Stan ist ein Kunststoffmodell eines menschlichen Skeletts und der Klassiker des Weltmarktführers für anatomische Modelle 3B Scientific GmbH in Hamburg. Marketingmanager Ingo Knifka schätzt den Marktanteil auf 25 Prozent. Stan wird seit rund 50 Jahren produziert, und seine 100000 Duplikate haben in mehr als 100 Ländern ein neues Zuhause gefunden.

Früher wachten noch echte menschliche Überreste über die Sammlungen der Biologieräume und Arztpraxen. In der Nachkriegszeit stieg der Bedarf an solchem Unterrichtsmaterial, während gleichzeitig die Skrupel zunahmen, echte menschliche Skelette zu verwenden, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass einige von dubioser Herkunft waren. Also wurden den mitunter etwas klapprigen Gerippen haltbarere Plastikkollegen an die Seite gestellt.

Stan und seine Kollegen sind im Spritzguss hergestellte originalgetreue Naturabgüsse und so von echten menschlichen Skeletten kaum zu unterscheiden. Wem Stan für 236 Euro zu teuer ist, der kann auch ein Einsteiger-Gehirn für knapp 60 Euro erwerben. Die Skelette werden in Deutschland hergestellt. Die Endmontage und Numerierung der aus extrem langlebigen Kunststoffen – die genaue Zusammensetzung ist Firmengeheimnis – bestehenden Einzelteile erfolgt von Hand, mitunter wird sogar das eine oder andere Teil von Hand bemalt. Insgesamt ist der Handarbeitsanteil relativ hoch, wie etwa beim Skelett Max, dem Muskelansätze aufgemalt werden und das 516 Euro kostet, oder beim Luxusmodell Sam für 594 Euro, der mit seinen Gelenkbändern, Muskeln und anderen 600 medizinischen Details auch ganz gut beisammen ist. Die Produkte aus der Knochenserie Bonelike setzen noch eins obendrauf: Sie sehen nicht nur aus wie echte Knochen, sie fühlen sich auch so an und haben dasselbe Gewicht. Ein sechsteiliger Bonelike-Schädel kostet 475 Euro.

Stan ist nur einer von 8000 Artikeln, die die Palette des Unternehmens umfasst. Allein die Hälfte stellen die anatomischen Modelle. Von A wie Auge bis Z wie Zähne ist jeder Teil des menschlichen Körpers in jeglicher Ausführung zu haben. Kleinere Organe, wie die Nase, gibt es auch in der anschaulicheren, vergrößerten Variante, oder Mägen mit und ohne Geschwür und vieles mehr. Hinzu kommen anatomische Lehr- und Wandtafeln, Lehr- und Lernsoftware, Pflegeübungspuppen, medizinische Simulatoren, Akupunkturnadeln und, seit 2001, auch physikalische Modelle. Simulatoren werden für die medizinische Ausbildung immer wichtiger, weshalb 3B Scientific auch einen interaktiven Geburtssimulator für vaginal operative Entbindungsmethoden entwickelt hat, der knapp 36000 Euro kostet. Doch am meisten verkaufen sich die Skelette (rund 20000 Stück im Jahr) und Schädel (15000 Stück). Tierskelette von Pferden oder Schafen gehen nicht so gut, davon verkauft man etwa 10 im Jahr. Auf die Frage, ob 3-D-Animationen am Computer eine Gefahr für das Unternehmen seien, lautet die Antwort: „Animationen kann man nicht anfassen, und sie sind zurzeit mit den üblichen Bildschirmen auch nur scheinbar dreidimensional. Echtes ‚Begreifen‘ geht nur mit Modellen.“

In seinem Buch „Die heimlichen Gewinner: die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer“ aus dem Jahr 1996 zählt Hermann Simon das Unternehmen 3B Scientific zu den „Hidden Champions“. Am ältesten Standort, in Budapest, wird bereits seit 1819 produziert. Das heute als 3B Scientific bekannte Mutterunternehmen wurde aber erst 1948 durch die drei Bs – Paul Binhold, seine Frau Hedwig und deren Tochter Marion Binhold (heute Kurland) – in Hamburg gegründet. Mittlerweile ist man auf der ganzen Welt mit 800 Mitarbeitern aktiv, davon arbeiten etwa 230 in Deutschland. „Wiederverkäufer, also Händler, haben wir weltweit etwa 4000, Endkunden 150000, wobei viele nicht regelmäßig kaufen, da Modelle und Experimente sehr haltbar sind“, sagt Knifka. Der Kundenkreis teile sich in 30 Prozent Schulen und Universitäten, 40 Prozent Krankenhäuser und 30 Prozent Arztpraxen auf. Privatkunden seien eher selten. Der Vertrieb erfolgt über Internetportale und Fachhändler. Da man weltweit aktiv ist, gibt es auch je nach Kulturkreis Sondereditionen, wie etwa geschlechtslose Torsi für arabische Länder oder Torsi mit dunklerer Hautfarbe für Afrika sowie Körper mit asiatischen Gesichtszügen. Zu den eher ungewöhnlichen Aufträgen zählte eine Bestellung mehrerer tausend Scheidenkondom-Übungsmodelle für Afrika, da das Thema Aidsprävention dort von den Männern mehr oder weniger ignoriert wird und man über eine Aufklärungskampagne bei den Frauen mehr Einsicht erwartete.

Laut Knifka veröffentlicht das Unternehmen keine genauen Angaben zum Gewinn, es strebt aber 10 Prozent Umsatzrendite an. Der Umsatz liege zurzeit bei rund 40 Millionen Euro, im Jahr 2005 waren es 31 Millionen. 3B spürt zunehmend die Billigkonkurrenz aus Fernost, die aber nach Ansicht des Unternehmens in der Regel erhebliche Qualitätsdefizite aufweist und nicht selten bedenkliche Materialien verwendet. Knifka redet sogar von Plagiaten, gegen die man immer erfolgreicher auch gerichtlich vorgehe, sowohl gegen deren Hersteller als auch gegen die Importeure.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine lukrative Knochenarbeit
Autor
Katharina Köhler, Wentzinger-Gymnasium, Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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