Die Wessis gehen am Stock – der Ossis

Nicht nur für Alte, Kranke und Gebrechliche ist eine Gehhilfe von unschätzbarem Wert, auch dem wackeren Wanderer dient sie sowohl zum Abstützen als auch zum Schutz vor Wegelagerern. Wo aber werden die nützlichen Begleiter hergestellt? Im thüringischen Lindewerra befindet sich der letzte Betrieb in Deutschland, der Wanderstöcke noch auf traditionelle Art anfertigt: die Stockmacherei Wolfgang Geyer, die dieses Handwerk bereits in der fünften Generation ausübt. Begonnen hatte alles 1836, als der Stockmacher Wilhelm Ludwig Wagner das Stockmachergewerbe in den kleinen Ort brachte und dem Dorf so zu außergewöhnlicher Bekanntheit verhalf. Lindewerra, das ist kein Zufall. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es hier viele Lohwälder, in denen junge Eichenschösslinge wuchsen, die zur Stockherstellung das ideale Material waren“, sagt Geyer. Deshalb habe sich das Handwerk nur in dieser Region so stark entwickelt.

Zur Jahrhundertwende gab es in dem 220 Einwohner zählenden Ort etwa 30 Familien, die in das Stockmacher-Handwerk eingebunden waren. Zu DDR-Zeiten existierten noch acht Privatbetriebe, die als Haupterwerb Stöcke produzierten und keinem Kombinat angeschlossen waren. Heute gibt es nur noch die Stockmanufaktur Geyer, deren Angebot sich von Wander- und Spazierstöcken bis zu Kranken- und Metallstöcken erstreckt. Auch exklusive Stöcke werden gefertigt: Besondere Griffformen ergeben ein ausgefallenes Design, neue Formen und Farben setzen Akzente, die ins Auge fallen. Jedoch: Stock ist nicht gleich Stock. Wanderstöcke können sowohl gerade als auch gebogen sein, sind rustikal und haben eine Metallspitze. Spazierstöcke hingegen sind eher zierlich, schlank und edel, wohingegen Gehhilfen stabil sein müssen, einen Gummifuß haben und unterschiedliche Griffformen bieten.

In dem kleinen Betrieb, der von einem ausgebildeten Stockmachermeister geleitet wird, sind vier Mitarbeiter beschäftigt; im Winter nur zwei, da je nach Nachfrage produziert wird. Jeder muss alle 32 Arbeitsgänge beherrschen, die für die traditionell gefertigten Stöcke erforderlich sind. Die Kunst des Stockbiegens verlangt, das Holz in die entsprechende Form zu biegen, den Stock geradezurichten und alles haltbar zu machen.

Bis vor etwa zehn Jahren war der Stockmacher noch in der Handwerksrolle als Ausbildungsberuf eingetragen. Heutzutage ist eine abgeschlossene Lehre in einem verwandten Beruf wünschenswert. Allerdings, meint Geyer, könne auch eine ungelernte Kraft eingestellt werden, wenn diese „holzmäßig etwas auf dem Kasten hat“.

Jedes Jahr werden rund 70000 Stöcke in dem Thüringer Betrieb produziert, davon sind 70 Prozent Wanderstöcke, 25 Prozent Gehhilfen und 5 Prozent Spazierstöcke. Die eine Hälfte der Stöcke findet Abnehmer in Deutschland, die andere Hälfte wird in die Schweiz, nach Österreich, Norditalien und vor allem nach Großbritannien exportiert. Die Stockherstellung erfolgt überwiegend in Handarbeit und konzentriert sich hierzulande auf Lindewerra.

Bei Geyer kostet das günstigste Exemplar, ein Kinderstock mit Glöckchen, 3,10 Euro. Der Liebhaber zahlt für einen individuell gestalteten Stock mit Ebenholzunterteil und ziseliertem Silbergriff 384 Euro. Der Durchschnittspreis der Stöcke liegt im Einzelhandel bei ungefähr 8 Euro, an den Großhandel abgegeben werden sie natürlich deutlich günstiger. An besondere Aufträge und Kunden erinnert sich Geyer gern: So war der längste Stock, den er gefertigt hat, ein vier Meter langer Skistock, und zu seinen Kunden zählten Otto Graf Lambsdorff, Dieter Althaus oder Karl Eduard von Schnitzler.

Während anfänglich die jungen Eichen um Lindewerra zu Stöcken verarbeitet wurden, erkannte man bald, dass sich Kastanienholz (und zwar nur das bruchfeste der Marone oder Esskastanie), das auf spanischen und südenglischen Plantagen angebaut wird, viel besser zur Verarbeitung eignet. „Der Kontakt zum spanischen Zulieferer besteht bereits seit fast 45 Jahren“, betont Geyer. Und die Verbindung zum englischen Lieferanten sei durch Messebesuche entstanden. Darüber hinaus werde Pfeffer- und Manilarohr von den Philippinen importiert.

Ein wichtiger Faktor für die Stockmacherei ist die Kundentreue. „Wir haben Kunden, deren Großväter bereits Wanderstöcke bei uns kauften“, freut sich Geyer. Darüber hinaus wird jährlich ein Katalog mit den lieferbaren Produkten erstellt und an Stammkunden geschickt. Geyer erläutert, dass er von 2007 bis 2009 bei den Wanderstöcken ein Absatzplus von 10 bis 15 Prozent verzeichnen konnte, allerdings habe es einen kräftigen Einbruch um 50 Prozent beim Absatz der anderen Stockarten gegeben. China dränge mit billigen Produkten auf den deutschen Markt. Und der Absatz von Wanderstöcken sei deshalb nicht eingebrochen, weil die Chinesen die Kunst des Stockbiegens nicht beherrschen. So konnte Geyer seinen Umsatz auf jährlich 170000 Euro stabilisieren. Er liefert 75 Prozent seiner Produkte an Großhändler und 24,5 Prozent an den Einzelhandel und nur 0,5 Prozent an Privatkunden. Geyers Wunsch für die Zukunft: „Es wäre schön, wenn alles so bliebe und in zehn Jahren noch so viel Bedarf an Stöcken ist wie heute.“

Wenn aber Lindewerra in der Stockherstellung so einzigartig ist, wie wurde dann der Stockbedarf in Westdeutschland zu DDR-Zeiten gedeckt? „In Westdeutschland gab es zwei Firmen, die Stöcke verkauft und teilweise selbst produziert haben. Die Inhaber dieser Firmen stammten aus Lindewerra und wurden in den sechziger Jahren aus der DDR ausgesiedelt. Diese zwei Firmen bezogen ihre Stöcke aus Lindewerra. Das heißt, die Westdeutschen bekamen ihre Stöcke aus der ehemaligen DDR“, erklärt Geyer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Wessis gehen am Stock – der Ossis
Autor
Sina Geber, Gymnasium Lütjenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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