Hier gucken die Kunden gern in die Röhre

Der Duft von frisch Gebackenem an der Bäckertheke spricht die Sinne an und verführt zum Kauf. Das 1971 eingeführte Sicht- und Duftbacken, bei dem der Ofen im Verkaufsbereich steht, hat die Branche revolutioniert. Es soll das Kaufverhalten der Kunden positiv beeinflussen. Zudem verbessert diese Technologie die Frische der Backwaren und schafft Flexibilität, da in jeder Filiale ein mehrfaches Backen am Tag möglich wird. „Bei diesem Konzept handelt es sich um eine Innovation des Hauses Miwe“, erklärt Klaus-Peter Burk, Kaufmännischer Leiter der Miwe Michael Wenz GmbH in Arnstein, die vor allem Produktionsbacköfen herstellt.

Das 1919 von Michael Wenz gegründete Unternehmen schaffte den Wandel vom Handwerksbetrieb in der Backofenherstellung zu einem international agierenden Unternehmen mit weltweit 720 Beschäftigten. „Zu unseren Kunden gehören Großbäckereien wie Kamps, Coppenrath & Wiese oder Schnellrestaurants wie Subway“, sagt Charlotte Steinheuer von der Unternehmenskommunikation. Die von Miwe hergestellten Produkte finden sich „überall dort, wo die deutsche Backkultur geschätzt wird“: in traditionellen Bäckereien und in der industriellen Produktion, in Supermärkten, Tankstellen oder Hotels.

Miwe hat Produktionsbacköfen, Backstationen, Bäckerkälteanlagen sowie Beschickungs- und Automatisierungstechnik im Sortiment. Große Wachstumsmöglichkeiten sieht man im Snackmarkt, für den das Unternehmen spezielle Backstationen entwickelt. „Wir versuchen so, auf neue Verzehrgewohnheiten der Verbraucher einzugehen“, erklärt Steinheuer. Die variable Backstation Miwe cube etwa besteht aus verschiedenen Backöfen und kann in den Verkaufsbereich integriert werden. Sie ermöglicht ein gleichzeitiges Backen von Broten und Plundern. „Diese Backstation wird jährlich in einer Stückzahl von 300 bis 400 Einheiten produziert. Eine häufig gewählte Variante mit zwei unterschiedlichen Backöfen und einem Ablagemodul kostet 7115 Euro“, erläutert Steinheuer. Die Entwicklung solcher Backstationen ist auch im Kontext einer zunehmenden Filialisierung der Bäckereien zu sehen. „Denn entgegen der subjektiven Wahrnehmung vieler Verbraucher gibt es immer weniger Bäckereien, jedoch eine zunehmende Anzahl an Filialen“, ergänzt Steinheuer.

Angesichts steigender Energiepreise spielt auch die Energieeffizienz bei den Öfen eine immer größere Rolle. In diesem Zusammenhang arbeitet Miwe nicht nur an der Optimierung der Backöfen mit Blick auf einen größtmöglichen Wirkungsgrad, man bietet den Kunden auch eine Energieberatung an. „Dabei analysieren wir den Gesamtenergieverbrauch von Backstuben oder Produktionsstätten und erstellen für diese Energiekonzepte“, erklärt Burk. Der im vergangenen Jahr auf den Markt gebrachte Stikkenbackofen Miwe roll in e+ zählt zu den energieeffizientesten seiner Art. Bei den Stikkenbacköfen handelt es sich um Backschränke, die mit rollenden Stikkenwagen beladen werden, in denen sich die Backbleche befinden. Miwe hat diese Öfen 1969 auf dem europäischen Markt eingeführt. Der Preis für einen solchen Stikkenbackofen liegt um die 30000 Euro. „Da der Miwe roll in e+ erst 2009 auf den Markt gekommen ist, befinden wir uns noch in der Anlaufphase der Produktion, jedoch soll das Produkt langfristig jährlich in einer Stückzahl von 500 bis 600 Einheiten produziert werden“, erklärt Steinheuer.

Das mittelständische Unternehmen wird heute in dritter Generation von Sabine Michaela Wenz geleitet und hat in Deutschland einen Marktanteil von etwa 35 Prozent. Miwe produziert ausschließlich an drei deutschen Produktionsstandorten in Arnstein, Bräunlingen und Meiningen. In den vergangenen Jahren konnte man sich zunehmend auf den ausländischen Märkten etablieren. Dazu hat das Unternehmen mehrere Tochtergesellschaften unter anderem in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz, in Kanada, Australien, Russland und Österreich sowie Handelsvertretungen in mehr als 40 Ländern gegründet. Heute liegt der Exportanteil von Miwe bei 55 Prozent. Jedoch birgt dieser auch Risiken. „Die Wirtschaftskrise haben wir vor allem im Ausland gespürt“, sagt Burk.

Wie aus Statistiken des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, ist allgemein eine Verschiebung der wichtigsten Exportmärkte in der Bäckereimaschinenbranche durch die Wirtschaftskrise zu erkennen. Denn während 2008 Russland und die Vereinigten Staaten als wichtigste Absatzmärkte galten, entwickelten sich im Jahr 2009 Länder der Europäischen Union wie Frankreich, Spanien und Polen zu den größten Abnehmern. Zudem war das Exportvolumen der Bäckereimaschinenbranche im ersten Halbjahr 2009 mit 156,8 Millionen Euro um 18,2 Prozent geringer als im selben Zeitraum des Vorjahres.

„Nachdem Miwe in den vorherigen Jahren ein stetiges Wachstum zu verbuchen hatte, ging der Umsatz im Jahr 2009 vor allem auf den Exportmärkten besonders stark zurück. Jedoch rechnen wir im Vergleich mit 2009 im Jahr 2010 wieder mit einem Wachstum“, erklärt Burk. So erzielte Miwe 2008 in den drei deutschen Standorten einen Umsatz von 91,5 Millionen Euro. „Nach einem Umsatzrückgang 2009 auf vorläufig 81 Millionen Euro geht das Unternehmen 2010 bei konservativer Schätzung wieder von einem Umsatz von 89,5 Millionen Euro aus“, meint Steinheuer. Der Gewinn beläuft sich dabei auf 3 bis 3,5 Prozent des operativen Geschäfts.

Das Unternehmen will seine Tradition bewahren und dabei gleichzeitig mit neuen Technologien seine Stellung am Markt festigen. Ein Sinnbild dafür ist die Backstation Wenz 1919, die von ihrem äußeren Erscheinen her nostalgisch wirkt und in derem Inneren zugleich moderne Technologien wie die Absorberkälteanlage eco:freeze stecken. Ein einzelnes Modul ist in der Lage, aus der Abwärme von Backöfen bis zu 30 Kilowatt Kälte zu erzeugen. Dafür wurde Miwe mit der iba trophy 2009 ausgezeichnet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hier gucken die Kunden gern in die Röhre
Autor
Vera Tauber, Friedrich-Koenig-Gymnasium, Würzburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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