Frauen mögen's weiß

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Ein schönes Dekolleté gehört zum Münchner Oktoberfest wie ein kühles Weißbier und eine saftige Weißwurst. Um ihre weiblichen Reize möglichst vorteilhaft zur Geltung zu bringen, greift Frau daher gern zum Dirndl-BH. Im Gegensatz zu den traditionell bayerischen Dirndln stammt dieser in vielen Fällen nicht aus Bayern, sondern aus dem Nachbarbundesland Baden-Württemberg. Genauer aus der 10000-Einwohner-Stadt Heubach, die sich 60 Kilometer östlich von Stuttgart am Fuße der Schwäbischen Alb befindet. Hier hat die Susa-Vertriebs-GmbH + Co. ihren Firmensitz. Susa ist auf Miederwaren und Dessous mit den Kernkompetenzen Molding (thermoplastisches Verformen), Baumwolle und BH ohne Bügel spezialisiert. Äußerst beliebt im vergangenen Jahr war der Dirndl-BH Wiesnzauber, der ab etwa 40 Euro erhältlich ist. Da er gefüttert ist und die Träger an den äußeren Seiten der Körbchen angebracht sind, wird ein besonders tief ausgeschnittenes Dekolleté erzeugt. Vom Dirndl-BH gingen im Jahr 2009 mehr als 50000 Stück über den Ladentisch, womit Susa Marktführer für Dirndl-Unterwäsche in Deutschland ist.

Gegründet wurde der nach eigenen Angaben älteste Dessoushersteller Deutschlands 1859 als Korsettmanufaktur von Gottfried Schneider, Sohn einer Weberfamilie aus Heubach. Auch heute noch befindet sich Susa, das zu 100 Prozent eigenfinanziert und unabhängig ist, in Familienbesitz. Rund 80 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Sie sind hauptsächlich in der Produktion tätig. Verantwortlich für den Verkauf der Ware sind Männer. „Eine Frau kauft einer anderen Frau nun einmal keinen BH ab“, meint Geschäftsführer Martin Ruoß. „Da ist das Konkurrenzdenken viel zu groß.“

Besonders viel Wert wird auf den Tragekomfort und die Passform gelegt, denn „beim BH geht's um Millimeter“, weiß Ruoß. „Dessous zum Wohlfühlen“ lautet die Devise. Gerade das Augenmerk auf Qualität wird von der weiblichen Kundschaft geschätzt. Denn welche Frau kennt nicht das Problem, den exakt sitzenden BH zu finden? Mal stehen die Ränder des Körbchens ein wenig ab, mal hinterlassen die Träger unschöne Abdrücke auf der Haut. Manchmal passt sogar der gesamte BH nicht, denn nicht jedes Geschäft führt Büstenhalter über Cup C. Das erweist sich für einige als problematisch. Die Frau ab 40 zählt zur Hauptkundengruppe von Susa. Das Unternehmen bietet Modelle von Cup A bis G und Größe 65 bis 130 an. So unterschiedlich die Modelle auch sind, in einem scheinen sich die Frauen einig zu sein: Weiß ist mit 90 Prozent der Spitzenreiter unter den Farben.

Und die Damen mit dem etwas größeren Vorbau sollen auch nicht auf die neuesten Modetrends verzichten, was ihre Unterwäsche betrifft. Hauseigene Designer verleihen jedem BH das gewisse Etwas. Spitze und Accessoires wie Schleifchen sorgen für Eleganz und Schönheit.

Susa beschäftigt Näherinnen und Schneiderinnen, die auf BH spezialisiert sind. Und Ruoß vergleicht die Herstellung mit der eines Autos: „Es mag vielleicht einfach aussehen, ist aber eine hochkomplizierte Sache.“ Ein einzelner BH besteht aus 60 bis 70 Einzelteilen. Die Fertigung dauert 20 bis 30 Minuten. Bezahlt werden die Arbeitskräfte in Nähminuten. Je Nähminute werden in Deutschland 60 Cent berechnet. Im Vergleich dazu kostet eine Nähminute in China nur vier Cent. Laut Ruoß möchte China 2010 seine Textilexporte um 50 Prozent erhöhen. „Gab es 1955 noch 1250 Textilbetriebe in Deutschland, so waren es 2007 nur noch 420“, fügt er hinzu. Die Zahl der Beschäftigten im Textilgewerbe sank ebenfalls von 105000 im Jahr 1955 auf 39000 im Jahr 2007. Fünf Prozent könne man noch einmal abziehen, um Zahlen für 2009 zu erhalten.

Susa produziert längst nicht mehr nur in Heubach, wo derzeit 106 Mitarbeiter beschäftigt sind. Vor 35 Jahren entstand eine Produktionsstätte in Slowenien. Dort wird die Hälfte der Waren hergestellt. Ein weiterer Produktionsstandort befindet sich in Lettland. Außerdem soll sich künftig ein Produktionsbetrieb in der Ukraine etablieren, und in Heubach ist der Bau eines Logistikzentrums geplant. Liegt der Exportanteil momentan bei unter 20 Prozent, so soll er bald auf ein Drittel des gesamten Umsatzes wachsen. Im Jahr 2005 lag dieser bei 9,8 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es 11,6 Millionen. Der Gewinn liegt bei etwa 10 Prozent des Umsatzes. „Wir haben vielleicht keine großen Umsatzzahlen“, meint Martin Ruoß, „aber unterm Strich stimmt's“. Für Werbung fallen keine großen Kosten an, da Susa sich nur an den Fachhandel richtet und in Spezialzeitschriften erscheint. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg sieht der Geschäftsleiter im sorgsamen Umgang mit dem Firmenkapital. In der Unternehmensmaxime spiegelt sich die für den Schwaben typische Tugend der Sparsamkeit: nie mehr ausgeben, als man hat.

Die fertige Ware wird in 1800 Fachhandlungen in Deutschland verkauft. Das macht 60 Prozent des Umsatzes aus. Die übrigen 40 Prozent werden durch Versandhandel und Export erzielt. Hierbei erhalten Händler Ware aus älteren Kollektionen zu reduzierten Preisen. So verkauft Susa rund eine Million BH im Jahr.

Im Fachgeschäft hat dann die Kundin die Qual der Wahl. Aus rund 50 verschiedenen Modellen ab einem Preis von 20 Euro kann sie ihren Favoriten auswählen: ob die Marke Susa für ältere Frauen oder Susette für die etwas jüngeren Jahrgänge, ob BH mit oder ohne Bügel, Bodyformer oder Still-BH im Falle einer Schwangerschaft. Eine Besonderheit im Sortiment ist der Prothesen-BH für Brustkrebsoperierte. Und anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums im vergangenen Jahr wurde eine Jubiläumskollektion auf den Markt gebracht. Durchschnittlich kostet ein BH von Susa etwa 50 Euro. Im oberen Preissegment liegt ein Hosencorselet für 109 Euro bei Cup A bis C und 115 Euro bei Cup D.

Vor Konkurrenten auf dem Dessousmarkt will man sich bei Susa nicht verstecken. „Konkurrenz gibt es nicht“, sagt Andreas Lackner, Mitarbeiter von Susa, „nur Mitbewerber“. Zudem könne ein Susa-BH nicht wie eine Uhr kopiert werden, die man auseinander- und dann wieder zusammenbaut. Sobald man den BH auseinandergeschnitten hat, kann man die Einzelteile nicht wieder optimal zusammennähen. Die Passform, die einen Susa-BH auszeichnet, würde nicht mehr stimmen. Auch zum weit größeren Unterbekleidungshersteller Triumph, der ebenfalls in Heubach sitzt, ist das Verhältnis im Vergleich zu früher gut. Beide Unternehmen entstanden während der Industrialisierung, als es durch die Erfindung des Webstuhls möglich wurde, Korsetts an einem Stück zu weben und ein paar wenige, meist einfache Weber aus kleinen Städten mit diesem neu gewonnenen Wissen Firmen gründeten. „Die Eigentümer von Susa und Triumph sind zusammen in die Schule gegangen“, ergänzt Martin Ruoß. „Und wissen Sie, es gibt Menschen, die fahren ihr ganzes Leben lang nur BMW. Und es gibt Menschen, die tragen ihr Leben lang nur Susa.“.

Informationen zum Beitrag

Titel
Frauen mögen's weiß
Autor
Sonja Lehmann, Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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