Zuschlag für Schildbürger

Deutschlands Kommunen geht das Geld aus. Deshalb werden, neben Versuchen zur Einsparung, neue Einnahmequellen gesucht. Auf eine ungewöhnliche Idee ist jetzt das von Finanznöten besonders geplagte Berlin gekommen: Ortsschilder werden abgeschafft und an Sammler versteigert. Laut Auskunft der Stadtverwaltung sollen in der Bundeshauptstadt schrittweise die meisten der 643 Ortsschilder abgebaut werden und unter den Hammer kommen. Auf der Online-Versteigerungsplattform www.justizauktionen.de, wo die deutschen Justizeinrichtungen beschlagnahmte Waren bis hin zu Luxusautos anbieten, stehen von Juni an die original Berliner Ortsschilder zum Kauf bereit. Zur Zielgruppe zählen nicht nur Berliner, sondern Liebhaber aus der ganzen Welt. Je Schild hofft die Stadt auf mindestens dreistellige Einnahmen. Udo Placa vom Bund der Steuerzahler befürwortet die Aktion: „Heutzutage brauchen wir nun wirklich keine Ortsschilder mehr. Die meisten Leute besitzen inzwischen ein Navigationssystem im Auto oder sogar auf dem Handy, das sowohl Routen als auch die Städtenamen bekanntgibt.“ Auch der ADAC, der sich schon seit Jahren für den Abbau des Verkehrsschilderwaldes einsetzt, unterstützt die Initiative. „Wie oft kommt es denn vor, dass ein Autofahrer erst durch ein Ortseingangsschild erfährt, in welcher Stadt er sich befindet?“, fragt Christoph Reiß vom Automobilclub.

Wer also immer schon legal das Ortsschild mit dem Namen der eigenen Stadt besitzen wollte, darf sich nun Hoffnung machen, bald ein solches erwerben zu können. Berlin macht den Anfang. Dass andere Städte dem Beispiel folgen werden, gilt als sicher. „Es sind sogar schon Anfragen für Großbestellungen eingegangen, die aber alle zurückgewiesen worden sind. Denn schließlich soll jeder Bürger die Chance bekommen, sein Ortsschild zu ersteigern“, sagt Rainer Venske, der Verantwortliche der Justizauktionen im Internet. Voraussichtlich werde die Nachfrage nach bestimmten Ortsschildern, je nach Zielgruppe, deren Preise künftig in die Höhe schnellen lassen. Als Beispiele nennt Venske: Petting, Heuchelheim, Allmosen, Himmelreich und Deppenhausen. Auch der Deutsche Städtetag hat sich inzwischen mit dem Thema beschäftigt. Die Fachleute der Kommunen rechnen mit Einnahmen von insgesamt rund 140 Millionen Euro.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zuschlag für Schildbürger
Autor
Marlene Gensk, Gymnasium Schloß Neuhaus, Paderborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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