Ein Fahrzeug im übertragenden Sinne

Ein Fahrzeug im übertragenden Sinne

Heutzutage ist es möglich, von jedem Ort auf der Welt aus Fernsehbilder senden und empfangen zu können. Ermöglicht wird dies durch die Übertragungswagen, auch „mobile Produktionsmittel“ oder „Ü-Wagen“ genannt.

Die Broadcast Solutions GmbH ist in Deutschland Marktführer in der Herstellung von TV- und Radio-Übertragungswagen mit einem Marktanteil von 40 Prozent. Daneben sind noch die VTS Studiotechnik aus Eglhausen, die BFE Studio und Medien Systeme aus Mainz und die MCI Studio-Technik aus Hamburg auf dem Markt für Funk und Fernsehen in Deutschland vertreten. Die Preise der Ü-Wagen variieren sehr. So kann ein kleiner Radioübertragungswagen 200000 bis 300000 Euro kosten, ein großer TV-Übertragungswagen 5 Millionen Euro.

Im Jahr 2003 wurde das mittelständische Unternehmen in Bingen am Rhein gegründet. In den vergangenen Jahren hat es ein Vertriebs- und Servicebüro in Moskau und in Schweden eingerichtet und wird weltweit durch Vertriebspartner vertreten. Derzeit beschäftigt die Broadcast Solutions 40 Mitarbeiter. 2003 lag der Jahresumsatz bei 3,54 Millionen Euro, im Jahr 2008 wurden 15 Millionen, im vergangenen Jahr 13 Millionen Euro erzielt. Für 2011 gibt es einen festen Auftragsbestand von rund 16 Millionen Euro.

Der Umsatzanteil der Ü-Wagen und mobilen Produktionsmittel liegt nach Aussage des Geschäftsführers Stefan Breder bei etwa 80 Prozent. Daneben werden auch Produkte für den Bereich Video-, Audio- und Steuerungssysteme produziert. Außerdem rüstet das Unternehmen Fernseh- und Hörfunkstudios aus. Selbst die Studiomöbel werden im Haus gefertigt.

Die Fernseh- und Radioübertragungswagen werden vollständig an einem Herstellungsort gefertigt und dann ausgeliefert. „Die hohe Fertigungstiefe und die kurzen Kommunikationswege verkürzen die Auslieferungszeiten, weil man unabhängiger von anderen Firmen ist“, erklärt Breder. „Deshalb können wir am Ende der Produktion unserem Kunden seinen Ü-Wagen schlüsselfertig übergeben.“ Die vollständige Produktion reiche vom Innenausbau der Fahrzeuge bis hin zu individuell angefertigten SatCom-Systemen. Diese Anlagen werden vom Tochterunternehmen ProSat-Solutions im selben Haus produziert.

Die Herstellung beginnt mit der Projektplanung, bei der ein Team, bestehend aus Spezialisten aus allen Produktionsbereichen, zusammen mit dem Kunden dessen Vorstellungen ausarbeitet. Nachdem die Elektrotechnik eingebaut ist und alle Geräte angeschlossen sind, durchläuft das Fahrzeug die Audio- und Videoabteilung und zum Schluss die Abteilung der SatCom-Systeme. Die fertigen TV-Sendewagen haben Regiearbeitsplätze mit Monitorwand und allen Geräten, die für Bearbeitung und Aufzeichnung notwendig sind. Einige Ü-Wagen sind sogar mit einem Notstromaggregat ausgestattet. Für kleine Ü-Wagen dauert die Bauzeit drei bis vier Monate, für große etwa ein Jahr. „Bei Lastwagenchassis bevorzugen wir keine Automarken, jedoch werden die bekannten deutschen Marken auch im internationalen Markt genommen“, erläutert der Geschäftsführer. Der größte Wagen hat die Maße eines Sattelanhängers. Um das Raumangebot noch zu vergrößern, werden am Produktionsort Raumerweiterungsmodule hydraulisch auf Knopfdruck aus dem Ü-Wagen herausgefahren, so dass bis zu 30 Arbeitsplätze entstehen können. Mehr als 40 Übertragungswagen hat Broadcast Solutions in den zurückliegenden drei Jahren gebaut. Das Unternehmen vermietet aber keine Übertragungswagen. „Es gibt einige Firmen in Deutschland, die mobile Produktionsmittel vermieten. Diese sind dann auch teilweise unsere Kunden“, erklärt Breder.

Zum Kundenstamm gehören überwiegend die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands mit einem Anteil von etwa 40 Prozent im vergangenen Jahr, vor drei Jahren waren es noch 80 Prozent. „Private Radio- und Fernsehsender haben nur wenige eigene mobile Produktionsmittel, hier werden von den privaten Ü-Wagen-Dienstleistern die Produktionsmittel angemietet“, erläutert Breder. Er erwähnt aber auch, dass der aktuelle Auftragsbestand für 2011 fast ganz aus dem Ausland kommt. „Wir gehen noch davon aus, auch etwas für den heimischen Markt zu fertigen; mit dem aktuellen Auftragsbestand haben wir noch keine hundertprozentige Auslastung“, erklärt Breder.

Zu den Abnehmern der Produkte gehören neben den Funkanstalten auch die Polizei und die Feuerwehr, für die Überwachungs- und Einsatzleitfahrzeuge gebaut werden. Auch die Bundeswehr benutzt für ihre Einsätze die speziell für sie angefertigten Satellitenanlagen. Das Unternehmen bietet auch Spezialprojekte an wie den „News Helicopter“, der für den größten rumänischen Nachrichtensender Realitatea TV produziert wurde. „Der Preis des Kamera-Übertragungssystems im News Helicopter liegt bei etwa 850000 Euro“, sagt der Geschäftsführer.

Zurzeit zeichnet sich auf dem deutschen Markt eine eher sparsame Investitionsrichtung der Rundfunkanstalten ab. „Tatsache ist, dass teilweise kein Budget bei den öffentlichen Rundfunkanstalten vorhanden ist. Diese sind bei Alternativlösungen, die auch ohne das komplette Budget funktionieren würden, wie Leasingmodelle, noch sehr vorsichtig“, sagt Breder. Er stellt aber auch einen starken technischen Wandel der Branche fest. So meint er, dass fast alle Rundfunkanstalten „mehr und mehr auf HD umsteigen müssen, so dass die Übertragungswagen zum großen Teil erneuert werden müssen. Die anstehenden Investitionen werden sich dann auf die nächsten Jahre verteilen.“

„HD“ steht für hochauflösendes Fernsehen. „Das ist nicht ganz vergleichbar mit dem Schwarzweißfernsehen, wo dann auch im Laufe der Zeit ein Umstieg zum Farbfernsehen stattgefunden hat, aber es ist wieder ein großer neuer technischer Fortschritt“, sagt Breder.

Aktuell hat das Unternehmen einen Auftrag von der größten koreanischen Rundfunkanstalt KBS in Arbeit. Bis zum Sommer 2011 muss ein 16-Kamera-Ü-Wagen geliefert werden, der für die vom 27. August bis zum 4. September in Daegu stattfindende 13. Leichtathletik-Weltmeisterschaft eingesetzt werden soll.

Das Unternehmen will auch in Zukunft seine Position auf dem internationalen Markt weiter ausbauen. Das soll mit Neuheiten wie dem 90000 Euro teuren „Mini LiveMan“ auf Basis des Mini Cooper gelingen, der zu einem Live-Fernsehübertragungswagen umgebaut wurde. „Das Produkt ist gedacht für Live-Reportagen, wo man durch den Mini auch noch mehr Zuhöreraufmerksamkeit bekommen kann – zum Beispiel mit einer Reportage vom Marktplatz aus einer Stadt“, sagt Breder.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Fahrzeug im übertragenden Sinne
Autor
Andreas Keidel
Schule
Rheingauschule , Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 3. Februar 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance