Glücks-Partner

Der 4. August 2010 ist ein drückend heißer Sommertag. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Die kleine Uhr auf dem mir zugewiesenen Monitor zeigt 12 Uhr 14 Uhr an. Durch das Headset höre ich die Anweisungen des jungen Teamleiters nur gedämpft. Meine Handflächen sind feucht, ich bin nervös. Seine letzte Anweisung lautet: „Stell dich unter keinen Umständen mit deinem echten Namen vor!“ – ab sofort bin ich Pia Wagner. Ich klicke auf „Programm starten“, und der Computer wählt die erste Telefonnummer. An den Arbeitsplätzen rechts und links neben mir sitzen augenscheinlich ebenfalls Schüler und Studenten. Ich habe ein ungutes Gefühl.

Ich bin 17 Jahre alt und Gymnasiastin. Das hier ist mein erster Ferienjob, ich habe ihn über eine Anzeige im Internet gefunden. Das Büro des Callcenters befindet sich in einem heruntergekommenen Gebäude im Frankfurter Bahnhofsviertel. Schon beim Anblick des offensichtlich provisorisch an der Eingangstür angebrachten Papierschildes mit der Aufschrift „MainMetropol“ bekam ich am Morgen die ersten Zweifel.

12 Uhr 16. Über mein Headset höre ich am anderen Ende der Telefonleitung ein Freizeichen. Der Teamleiter steht direkt hinter mir, er hört mit. Gleich soll ich anwenden, was er mir beigebracht hat: Ich rufe im Auftrag von Glückspartner an. Ich soll freundlich sein, soll den Kunden erklären, dass sie im Computersystem als aktive Gewinnspieler eingetragen seien. Um kündigen zu können, soll der Kunde mir als Autorisierung seine Kontodaten nennen. Das Wort „Kündigung“ darf ich allerdings nicht verwenden. Stattdessen soll ich „aus dem System austragen“ sagen.

Auf dem Monitor sehe ich Name, Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum und Familienstand von Frau K. aus Berlin. Ich höre mich sagen: „Mein Name ist Pia Wagner von der Firma Glückspartner. Frau K., ich sehe hier, Sie sind bei uns als aktive Gewinnspielerin eingetragen ...“.

Weiter komme ich nicht. Frau K. schreit mich an. Ich solle sie in Ruhe lassen. Sie habe nichts mit uns zu tun. Die Verbindung bricht ab. Es ist 12 Uhr 17. Der Teamleiter sagt mir, ich solle einfach später noch einmal anrufen. Diese Reaktion sei normal.

Hierzulande waren Ende 2009 nach Angaben des Callcenter Verbands Deutschland rund 500000 Arbeitskräfte in etwa 6700 Call Centern beschäftigt. Die Branche erwirtschaftet mehr als 12 Milliarden Euro jährlich. Ein kleiner Teil der Akteure sind schwarze Schafe. Heute bin ich eines von ihnen.

Die Uhr zeigt inzwischen 12 Uhr 32. In den letzten 16 Minuten habe ich etwa zwanzig Haushalte angerufen. Alle Gesprächsteilnehmer waren erbost oder haben direkt aufgelegt.

Der Computer wählt – Freizeichen. Auf dem Bildschirm sehe ich eine Nummer mit Münchner Vorwahl. Eine Dame meldet sich. An der Stimme erkenne ich, dass sie sehr alt ist. „Mein Name ist Pia Wagner von der Firma Glückspartner ...“ Die Frau am anderen Ende der Leitung fängt an zu schluchzen. Sie fleht mich an, ihre Kündigung zu akzeptieren. Die monatlichen Abbuchungen von Glückspartner werden sie ruinieren, sagt sie. Ich bin offenbar nicht die erste Anruferin von Glückspartner. Jemand anderes hat ihr schon zuvor die Kontonummer entlockt. Die alte Frau tut mir leid. Neben mir gestikuliert mein Teamleiter eindringlich: Ich soll mich an die Regeln halten. Ich bin eingeschüchtert. Mechanisch sage ich: „Ich werde Sie aus dem System austragen.“

In dem Moment meine ich zu verstehen: „Kündigung“ ist wohl ein rechtsgültiger Begriff. Deshalb darf ich ihn nicht verwenden. Die Frau wird nicht aus dem System ausgetragen, auch im nächsten Monat wird ihr wohl wieder Geld vom Konto abgebucht werden.

Ich fühle mich schlecht. Mir wird klar, dass ich diesen Job auf keinen Fall weitermachen möchte. Ich packe meine Sachen und fahre nach Hause.
Im Internet finde ich meine Vermutung bestätigt: Glückspartner ist in der Branche einschlägig bekannt. Bei der Verbraucherzentrale Hessen finde ich heraus, dass solche Anrufe „Cold Calls“ genannt werden. Die Masche wird folgendermaßen beschrieben: „Die Firmen behaupten, es bestehe bereits ein kostenloser Teilnahmevertrag, der künftig entgeltpflichtig werde. Eine Kündigung sei zwar möglich, zuvor müssten aber Daten abgeglichen werden. Die Anrufe dienen dazu, den Anrufern persönliche Daten zu entlocken.“ In meinem Fall also Kontonummern, von denen man annehmen kann, dass sie zur Abbuchung von Geldbeträgen verwendet werden. Einmal in die Falle getappt, ist es mühsam, sich gegen die Abzocke zu wehren.

Nach Angaben der Verbraucherzentrale Hessen ist unklar, aus welchen Quellen die Daten der angerufenen Personen stammen. Mutmaßlich aus illegalem Datenhandel. Laut Statistik der Verbraucherzentrale fühlen sich 95 Prozent der Verbraucher durch unerwünschte Telefonanrufe belästigt, mehr als 80 Prozent dieser Anrufe stammen aus Callcentern. Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen empfiehlt, persönliche Daten niemals telefonisch preiszugeben.

Der Gesetzgeber stellt klar, dass Verbraucher Werbeanrufen ausdrücklich zugestimmt haben müssen, so schreibt es Paragraph 7 Absatz 2 Nummer 2 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) vor. Bei Verstößen kann die Bundesnetzagentur Bußgelder bis zu 50000 Euro verhängen.

Um 22 Uhr 46 schalte ich das Licht meiner Nachttischlampe aus. Ich liege noch lange wach und nehme mir vor, meine Erfahrungen bei der Firma MainMetropol am nächsten Tag zur Anzeige zu bringen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Glücks-Partner
Autor
Pauline Hildenbrand
Schule
Wöhlerschule , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 3. Februar 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance