Alle Schiffswege führen nach Kiel

Alle Schiffswege führen nach Kiel

Vor ein paar hundert Jahren orientierten sich die Seefahrer noch an der Sonne und den Sternen. So konnte mit Hilfe eines Sextanten der Winkel zu einem Gestirn bestimmt und daraus sowie aus der Kenntnis des Verlaufs der Sterne zu der jeweiligen Jahreszeit der Breitengrad berechnet werden.

Heute finden die Containerschiffe ihren Weg von Südamerika nach Rotterdam, Schanghai oder Hamburg mit Satellitennavigation. Ein Gerät, das man bis vor kurzem hauptsächlich genutzt hat, ist aber immer an Bord: der Kreiselkompass. Unabhängig von externen Einflüssen wie Bewölkungsgrad, Magnetfeld der Erde oder Erreichbarkeit von Satelliten zeigt der Kompass in Richtung geographischer Nordpol. Er ist damit das wichtigste Navigationsgerät an Bord – seine Angaben werden durch die Rudersteuerung oder den Autopiloten genutzt, seine Daten werden für elektronische Seekarten oder Radargeräte benötigt.

Der Kreiselkompass besteht aus einem schnell rotierenden Kreisel in einer kardanischen Aufhängung und nutzt das Kreiselgesetz. Denn die Achse eines rotierenden Kreisels weicht bei seitlicher Krafteinwirkung auf die Spitze der Achse um 90 Grad aus. Eine Kraft, die genau von Ost nach West auf die Achse einwirkt (die Drehung der Erde), führt also zur Ausrichtung des Kreisels auf den geographischen Nordpol, erläutert Andreas Lentfer, Direktor der Geschäftsentwicklung bei Raytheon Anschütz GmbH aus Kiel, weltweiter Marktführer für Kreiselkompasse. Das aktuelle Produkt, der Standard 22 Kreiselkompass, wird in diesem Jahr zum zehntausendsten Mal verkauft. "Der Kreiselkompass kostet als Einzelgerät rund 15000 Euro; viele Kunden bestellen auch deshalb komplexe Brückensysteme bei uns, weil sie diesen Kompass haben wollen", sagt Lentfer. Im Jahr 2010 wurde ein Umsatz von rund 90 Millionen Euro erzielt. "Durch den Kreiselkompass werden etwa zwei Drittel des Umsatzes generiert", erklärt Lentfer.

Die Entwicklung des Kreiselkompasses ist mit der Geschichte von Raytheon Anschütz verknüpft. Hermann Anschütz-Kaempfe, der Medizin und Kunstgeschichte studiert hat, hatte die Idee, mit einem U-Boot zum geographischen Nordpol vorzustoßen. Hierbei stieß er auf das Problem, dass der damals übliche Magnetkompass in Nähe des Nordpols versagt, da er zum etwas entfernt liegenden magnetischen Nordpol zeigt. Ein weiteres Problem ist, dass der Magnetkompass in einem U-Boot aus Stahl nicht funktioniert.

Um dennoch sein Ziel zu erreichen, startete Anschütz-Kaempfe die Entwicklung von seetauglichen Kreiselkompassen und gründete dazu 1905 sein Unternehmen Anschütz & Co. Dabei stand er in ständigem Kontakt zu anderen Wissenschaftlern, zum Beispiel zu Albert Einstein, mit dem ihm im Laufe der Zusammenarbeit eine enge Freundschaft verband. Anschütz war bis 1994 Teil des Zeiss-Konzerns. Da sich Zeiss allein auf das Geschäftsfeld optische Systeme konzentrieren wollte, verkaufte er Anschütz an den amerikanischen Konzern Raytheon. Der Markenname Anschütz war aber in der Branche bekannt und sollte erhalten bleiben.

Die Bandbreite der angebotenen Produkte reicht heute von integrierten Brückenanlagen, Radarsystemen und elektronischen Seekarten über manuelle Rudersteuerungen und Autopiloten bis hin zum ältesten und am meisten verkauften Produkt, dem Kreiselkompass. Anschütz Autopiloten werden heute fast auf jedem zweiten Schiff installiert, 1800 bis 2000 Kompasse können im Jahr produziert und verkauft werden. Der Marktanteil von Raytheon Anschütz bei Kreiselkompassen erreicht etwa 35 Prozent, gefolgt von einem amerikanischen Anbieter mit 25 Prozent, den Rest teilen sich vier Anbieter aus Japan, England und Russland.

Auch in Zukunft kann trotz der Verbreitung des Satellitensystems GPS aus Sicherheitsgründen nicht auf den Kreiselkompass verzichtet werden, da GPS-Signale gestört werden können. Der Kreiselkompass eignet sich aufgrund seiner hohen Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit von GPS-Signalen besonders für Schiffe. Anschütz hat aber im Zweiten Weltkrieg auch Kreisel für die Luftfahrt entwickelt.

Raytheon Anschütz ist mit eigenen Niederlassungen in Singapur, Schanghai, Houston und Portsmouth vertreten. Darüber hinaus besteht ein Netzwerk mit 80 Handelspartnern und mehr als 200 Servicepartnern, mit denen die internationale Schifffahrt versorgt wird. Damit kann Raytheon Anschütz innerhalb von 24 Stunden Reparaturen an jedem Ort der Welt sicherstellen.

Im Jahr werden nach Angaben des Lloyd's Register of Shipping rund um die Welt 2500 bis 3000 Schiffe gebaut. Der Schwerpunkt der Schiffbauindustrie hat sich in den vergangenen Jahren in den asiatischen Raum verlagert, hauptsächlich nach China und Korea. Rund zwei Drittel dieser Schiffe werden mit Einzelkomponenten verschiedener Hersteller wie zum Beispiel Radar, Rudersteuerung und Sensoren wie dem Kreiselkompass ausgestattet.

Regularien der International Maritime Organization (IMO) sehen eine Ausrüstungspflicht für alle Schiffe vor, die größer als 500 Tonnen sind. Ein zunehmender Anteil wird mit integrierten Navigationssystemen aus einer Hand ausgerüstet. "In diesem globalen Wettbewerb will Raytheon Anschütz vor allem mit Kundenservice und durch intelligente Funktionen überzeugen", erklärt Marketingmanager Martin Richter. "Wir machen die Arbeit an Bord leichter." So hat das Unternehmen für seine Radarsysteme die Funktion Sea Scout entwickelt, die mit Hilfe der Daten und Geschwindigkeiten anderer Schiffe gefährliche Bereiche markiert.

Im Stammhaus am Standort Kiel sind sowohl Produktion als auch Entwicklung vertreten, und im engen Kontakt mit dem eigenen Vertrieb und Kundenservice werden die Systeme weiterentwickelt. Insgesamt arbeiten rund 500 Mitarbeiter in Kiel. Auch der neue Geschäftszweig der Küsten- und Hafenüberwachung ist dort vertreten.

Jeder größere Auftrag wird zu einem eigenen Projekt, zu dem man nach den Wünschen des Kunden Schaltpläne zeichnet und die Anlage herstellt. Die Inbetriebnahme der Anlagen an Bord sowie die Begleitung während der Erprobung gehören getreu dem Firmenmotto ("Wherever you navigate. We are with you") zum Service. Verkauft wurde bisher an 1500 Reedereien, 600 Werften und mehr als 50 Marinen weltweit. Insgesamt fahren etwa 30000 Schiffe mit der Technik von Raytheon Anschütz.

Die Finanz- und Schifffahrtskrise, deren Tiefpunkt im ersten Halbjahr 2009 erreicht wurde, hat Anschütz gut überstanden. So ist das Unternehmen vor allem in der Kreiselkompassproduktion voll ausgelastet und konnte aufgrund des breit gefächerten Angebotes seine Stellung im Markt halten und sogar ausbauen. In diese Zeit fielen auch die größten Aufträge der Firmengeschichte: die Belieferung südkoreanischer U-Boote sowie Zerstörer der Royal Navy mit nautischen Geräten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Alle Schiffswege führen nach Kiel
Autor
Malin Kristin Tiebel
Schule
Käthe-Kollwitz-Schule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 3. März 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance