Wie man Keime im Keim erstickt

Eine kostengünstige, umweltfreundliche und dabei auch energiesparende Möglichkeit zur Herstellung von Desinfektionsmittel hat die Water Clean GmbH aus Kirkel im Saarland entwickelt. "Bereits 1980 wurde die Technik der Diaphragmalyse bei der russischen Raumfahrt für den Betrieb der Raumstation Mir eingesetzt", erklärt der Geschäftsführer der Water Clean, Jörg Heil. "Da die langlebigen Elektrolysezellen nur mangelhaft hielten und die Produktionskosten ziemlich hoch waren, wurde das Prinzip über Jahre nicht weiter verfolgt. Wir haben es in Zusammenarbeit mit Universitäten und verschiedenen namhaften Instituten wieder aufgenommen, weiterentwickelt, verbessert und marktfähig gemacht."

Bisher ist das am häufigsten eingesetzte Desinfektionsmittel Chlor. Dieses Mittel ist zwar hochwirksam, jedoch birgt der Einsatz auch einige Gefahren. Andere Wirkstoffbasen sind Alkohol, organische und anorganische Säuren, Aldehyde und Laugen. Mit den von Water Clean hergestellten Anlagen ist es nun möglich, ein effizientes Desinfektionsmittel vor Ort und nach Bedarf zu produzieren und einzusetzen. "Man benötigt außer der von uns weiterentwickelten Diaphragmalysezelle nur noch Wasser und Salz. Das Besondere daran ist die Trennung der Anoden- und Kathodenkammer durch ein Diaphragma." Durch einen komplexen elektrochemischen Prozess entstünden an der Anode hochoxidative Lösungen, die die Elektrolysezelle mit einer Spannung von rund 1,2 Volt verlassen. Diese sei für die Menschen unbedenklich, jedoch überlebten Viren, Pilze, Keime, Bakterien und selbst Legionellen sie nicht, erläutert Heil. Zertifiziert worden ist das Verfahren vom Verbund für angewandte Hygiene (VAH) und der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM). Water Clean hat somit das erste Desinfektionsmittel auf Salzwasserbasis entwickelt, das eine solche Zertifizierung erhalten hat.

2007 gründete Heil, der Elektrotechnik und Biomedizin studierte, die Water Clean. In den ersten Jahren widmete er seine ganze Zeit der Forschung der Diaphragmalysezelle, um diese weiterzuentwickeln. Es entstanden nur Kosten. Angefangen hat er mit zwei Angestellten. Inzwischen beschäftigt Water Clean 50 Mitarbeiter. Die Produktion konnte von 11 Anlagen (2008) über 31 Anlagen (2009) auf 59 Anlagen im Jahr 2010 gesteigert werden. Der Umsatz wuchs von 130000 Euro im Jahr 2008 auf 420000 Euro im Jahr 2009. Im vergangenen Jahr konnte ein Umsatz von 1,2 Millionen Euro erreicht werden. Der Plan für 2011 sieht eine Verdoppelung in Produktion und Umsatz vor. "Zusammen mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH machen wir 2011 drei Projekte in Südafrika, Namibia und Uganda", sagt Heil. Der Preis einer Anlage liegt je nach Ausführung und Größe zwischen 7000 und 35000 Euro.

Aus der Anlage werden zwei Lösungen mit unterschiedlichem Restsalzgehalt gewonnen. Die erste mit dem Markennamen Poto Top dient zur Oberflächendesinfektion und zur Entfernung von Biofilmen. Sie wird unter anderem in Krankenhäusern, Arztpraxen, bei der Herstellung von Getränken wie Bier und Softdrinks, bei Lebensmitteln, bei der Tierhaltung und im Gartenbau eingesetzt. Die zweite (Poto Clean) dient zur Trinkwasserdesinfektion. Sie wird außerdem für Abwasser, Brunnen, in Hotels, Kliniken, Kühlräumen, Wasserspeichern und Wassertanks verwendet. Poto Clean wird in einer modifizierten Version auch zur Bekämpfung von Pestiziden und Hormonen verwendet. "Beide Produkte sind gleichermaßen gefragt", erläutert Heil, "jedoch ist es erstaunlich, von wie vielen verschiedenen Branchen meine Kunden kommen. Meine Produkte werden sogar auch in der Farb- und Keramikindustrie oder bei Schiffen angewendet." Durch den rasanten Anstieg der durch Legionellen verseuchten Wassersysteme wird auch der Einsatz dieser Anlagen im Privathaushalt in Zukunft immer wahrscheinlicher. Nach Angaben des Herstellers liegt der einzige Nachteil darin, dass der Salzvorrat regelmäßig aufgefüllt werden muss.

Eine Anlage reinigt sich alle acht Stunden für zwei Stunden selbst, sie kann also zwanzig Stunden am Tag produzieren. Hierbei können rund 1000 Liter hergestellt werden. Die Herstellungskosten für Poto Top liegen bei rund einem Cent je Liter. Für Poto Clean fallen je Kubikmeter Wasserverbrauch im Kaltwasser 1 bis 2 Cent und im Warmwasser 3 bis 4 Cent an.

Neben Kunden in Deutschland hat Water Clean auch Kunden in Belgien, Norwegen, der Türkei, Spanien, Schweden und sogar in Thailand. Einer seiner Kunden ist Hans-Christian Müller, Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes – Kreisverband Homburg/Saar. Er betreibt seit August 2009 eine Anlage zur Herstellung von Poto Top. "Ich bin mit der Anlage mehr als zufrieden. Die Desinfektionsmittel rekombinieren nach einiger Zeit wieder zu Wasser und Salz, wobei keine Nebenwirkungen oder schädliche Rückstände hinterlassen werden", sagt Müller. "Wir produzieren im Jahr rund 10800 Liter Poto Top für die Desinfektion im Rettungsdienst und Krankentransport. Die Anschaffung dieser Anlage hat sich für uns in jeder Hinsicht gelohnt. Früher haben wir viel Zeit für das Anmischen der Desinfektionslösungen benötigt. Heute brauchen wir keine Mischung mehr, haben keine Lagerungskosten und auch der Zeitaufwand für die Bestellungen entfällt."

Jörg Heil sieht die Weiterentwicklung seines Unternehmens aufgrund der guten Auftragslage positiv. "Für die Zukunft wünsche ich mir im Vertrieb sowohl national als auch international noch mehr partnerschaftliche Unterstützung", sagt er. Erste Investoren sind bereits an Bord. Die KfW und die Saarländische Wagnisfinanzierungsgesellschaft sind mit zwanzig Prozent eingestiegen. "Das Geld benötigen wir, um das Marketing und den Vertrieb auch international weiter aufzubauen. Was nutzt einem eine sensationelle Technik, wenn sie keiner kennt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Keime im Keim erstickt
Autor
Stefanie Frank
Schule
St. Bernhard Gymnasium , Willich-Schiefbahn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 3. März 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance