Wo das Stammkapital von selbst wächst

Wo das Stammkapital von selbst wächst

Manche Bäume wachsen nur langsam in den Himmel. "Vor ein paar Jahren konnten wir noch sagen, unsere Bäume, die wir verschicken, haben die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs miterlebt", sagt Bernhard Schmidt, einer der drei Geschäftsführer des Unternehmens Bruns-Pflanzen-Export GmbH & Co. KG. Doch noch immer sind die Bäume beeindruckend, die im Ammerland auf den Lastwagen verladen werden. Das Unternehmen ist eines der wenigen in der Republik, das nicht nur junge Bäume, sondern viele Jahre alte Exemplare europaweit auf die Reise schickt. Sie können bis zu 14 Meter hoch sein und einen Kronendurchmesser von 8 Metern haben.

Das Unternehmen gehört zugleich zu den führenden Baumschulen Europas. Der Hauptsitz ist in Bad Zwischenahn. Bereits 1876 als kleine Handelsgärtnerei gegründet, wird es nun in der vierten Generation als Familienunternehmen geführt. Auf einer Anbaufläche von 800 Hektar werden mehr als 4000 Pflanzensorten angebaut. Eine durchschnittliche deutsche Baumschule hat laut Helmuth Schwarz, Geschäftsführer des Bundes deutscher Baumschulen, eine Fläche von knapp unter 7 Hektar. Das ständige Artikelsortiment beinhaltet 120000 Pflanzen.

Das Sortiment wird zwei verschiedenen Bereichen zugeordnet, Pflanzen für das Gartencenter und für den Galabau (Garten- und Landschaftsbau). Es wird nur an Fachmärkte und Fachbetriebe geliefert. Im Gartencenter, das ein Fünftel des Umsatzes ausmacht, wird die Pflanze standardisiert mit Topf und Etikett angeboten. Zu den Kunden gehören Fachmärkte, kleinere Baumschulen mit Verkauf an Privatpersonen, Handelsketten und Gartenbaumärkte. Galabau beliefert Garten- und Landschaftsbaubetriebe in der Regel mit Wurzelballen oder im Container. Es sind Solitärgehölze sowie Sträucher, Bodendecker, Rosenstauden und Blumenzwiebeln. Unter vielen Großprojekten wurden der Euro Disney Park in Paris, der alte Flughafen und die neue Messe in München und der Platz der Republik in Berlin beliefert. Der Rote Platz in Moskau bekam fünf Meter hohe Kastanien. Auch Privatpersonen gehören zu den Auftraggebern, etwa der frühere Tennis-Star Michael Stich und der Augenoptiker Günther Fielmann.

"Die Baumschulbranche setzt in Deutschland insgesamt 1,2 Milliarden Euro um", sagt Schwarz. An der Summe habe sich nicht viel geändert, es habe aber leichte Verschiebungen zu Gunsten des Exportumsatzes gegeben. Der Jahresumsatz von Bruns wird auf etwa 50 Millionen Euro geschätzt, was vom Unternehmen zumindest nicht dementiert wird. Etwa 10 Prozent davon entfallen auf die älteren Bäume, wozu Exemplare mit 25 Jahren und mehr zählen. Schmidt berichtet, dass das Unternehmen eine permanent positive Entwicklung hinter sich habe, noch nicht einmal die jüngste Wirtschaftskrise habe dem Unternehmen Schwierigkeiten bereitet.

Früher haben kleine immergrüne Pflanzen den Umsatz ausgemacht, heutzutage sind es eher große, meist Laubgehölze. In der Regel werden diese im Herbst und im Frühjahr mit Wurzelballen verschickt, da sie sich in dieser Zeit in der Vegetationsruhe befinden. Die Bäume müssen während des Wachstums in der Baumschule alle drei bis vier Jahre umgepflanzt werden. Somit werden die äußeren Wurzeln immer wieder gekürzt, und es kommt zur Bildung von vielen kleinen Wurzeln nahe am Stamm. Der Baum wird mit Hilfe eines Ballenstechers aus der Erde gestochen. Durch die regelmäßige Verschulung (Umpflanzung) der Bäume wird ein dichtes Wurzelwerk erreicht, sodass sich im Ballen nur noch die Menge eines Eimers Erde befindet. Diese Ballengröße entspricht etwa dem zweifachen Stammumfang am Fuß. Würde man den Baum wie in der Natur wachsen lassen, wären seine Wurzelausläufer etwa gleich groß wie die Krone. Dann wäre der Baum nicht mehr transport- und verpflanzungsfähig. Die Krone, die einen Durchmesser bis zu acht Meter haben kann, wird für den Versand zusammengeschnürt.

Zur Fixierung des Wurzelballens hat Bruns zusammen mit dem Unternehmen Arboa aus Stuttgart ein patentiertes System entwickelt, das den Baum ohne äußerlich sichtbare Hilfsmittel gerade und fest im Boden verankert, eine Pfahlwurzel aus Eisen. Der eine Teil wird in den Wurzelballen, der andere in das Pflanzloch eingebracht, dazwischen befindet sich eine horizontale Stoppscheibe. Die Kipp- und Drehbewegung des Baumes wird so blockiert. Das System fungiert als künstliche Wurzel und löst sich von selbst auf.

Schon seit mehr als einem Jahrhundert liegen Formgehölze besonders im Trend. "Voraussichtlich wird dieser auch weiterhin bestehen, da in der Gartenarchitektur immer wieder die besonderen Formen eingesetzt werden", meint Schmidt. Dazu zählen Kugel, Kegel und Pyramide aus Buxus, Taxus und anderen immergrünen Pflanzenarten in der Größe bis acht Metern sowie Bonsaiformen. Mit der Produktion von großen Bäumen möchte man für die Zukunft vorsorgen, denn große Bäume brauchen Zeit zum Wachsen, auch wenn dies nicht immer die aktuelle Marktlage widerspiegelt. "Glücklicherweise sind die Trends nicht so schnelllebig wie bei der Kleidermode", meint Schwarz. Die derzeit besonders gefragten Bäume haben Stammumfänge von etwa 30 Zentimetern, Tendenz steigend. Die Masse machen jedoch Bäume mit 20 Zentimetern aus, die normale Größe für Baumpflanzungen. Hier ist der Wettbewerb stark, es gibt einige hundert Konkurrenten. Ein solcher Baum kostet gepflanzt etwa 500 Euro.

Durch eine flexible Arbeitszeitregelung ist es dem Unternehmen möglich, 300 Mitarbeiter rund um das Jahr zu beschäftigen und mit wenigen Aushilfskräften während des Saisonbetriebes auszukommen. Derzeit werden 20 junge Menschen zum Gärtner ausgebildet. In Bezug auf den zu erwartenden Fachkräftemangel sagt Schmidt, "dass wir uns bei der kleiner werdenden Lehrlingszahl bemühen müssen, ausreichend Nachwuchs für die Baumschulbranche zu bekommen". Bruns vertreibt einen Sortimentkatalog mit rund tausend Seiten, der in Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch erschienen ist. Er wird von Lehrlingen des Garten- und Landschaftsbaus, Studenten und Fachleuten als Handbuch verwendet.

Im Herbst und im Frühjahr verlassen täglich bis zu 40 Lastwagen das Logistikzentrum, im Sommer sind es deutlich weniger. Bestellt ein Kunde seine Ware, ist sie in der Regel zwei Tage später bei ihm. Bruns hat schon bis nach Tadschikistan und China geliefert, dann dauert die Fahrt bis zu drei Wochen. Wenn es sich um einen besonders großen Baum handelt, sind längere Vorbereitungszeiten notwendig. Der Großteil wird aber innerhalb Deutschlands verschickt. "Besonders viele Pflanzen werden nach Osteuropa und in die skandinavischen Länder exportiert", sagt Jens Hartwig, der Leiter des Logistikzentrums. Dies überrascht, da es in diesen Ländern viel Wald gibt. "Die Länder betreiben traditionell wenig Baumschulwirtschaft, und durch die tiefen Temperaturen und langen Winter gibt es nur kurze Vegetationsperioden, die zu einem geringen Zuwachs führen", erklärt Schmidt.

Mancher Kunde ist offensichtlich bereit, für einen Baum deutlich mehr als 10000 Euro zu zahlen, ohne Transportkosten. Schon innerhalb Deutschlands kann ein Transport 1000 Euro kosten, Schwertransporte mit Polizeibegleitung sind deutlich teurer. Der älteste ausgelieferte Baum war 80 Jahre alt, der größte, eine Kastanie, hatte einen Stammumfang von etwa 1,40 Metern. Auf die Frage, warum Menschen solche Bäume kaufen, meint Schmidt: "Eigentlich verkaufen wir Zeit. Zeit, die Leute nicht haben, den Baum wachsen zu lassen.".

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo das Stammkapital von selbst wächst
Autor
Franziska Müller-Trefzer
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 17. März 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance