Gebrauchte Waren werden gebraucht

Der Schrank platzt aus allen Nähten. Für das neue Outfit ist kein Bügel mehr frei. Das Bücherregal bricht fast zusammen. Von Oma gab es schon wieder ein neues Kaffeeservice. Wohin damit?

In jeder Stadt gibt es soziale Einrichtungen, die diese gebrauchten Gegenstände entgegennehmen, um sie an Bedürftige zu verteilen. Zum Beispiel die Oxfam Deutschland, eine unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation. Im internationalen Verbund kooperieren 14 nationale Oxfam-Organisationen mit mehr als 3000 lokalen Partnern in 99 Ländern. Das Ziel von Oxfam ist eine gerechte Welt ohne Armut, und das schon seit 1942. Gegründet wurde die Nicht-Regierungsorganisation, die sich durch Projekte und Kampagnen für Menschenrechte einsetzt, in England, um das Leid der Zivilbevölkerung im von den Deutschen besetzten Griechenland zu mildern. Gegen den Willen der britischen Regierung schickte die Organisation auch Hilfsgüter ins Nachkriegsdeutschland.

In England gibt es inzwischen mehr als 700 Secondhand-Shops von Oxfam. Oxfam Deutschland als Verein und die gewerbliche Oxfam Deutschland Shops GmbH wurden 1995 gegründet. Vorangegangen war der erste Oxfam Shop in Bonn, in dem gebrauchte Gegenstände für den guten Zweck verkauft wurden. Die Oxfam GmbH mit Hauptsitz in Berlin beschäftigt drei hauptamtliche Shop-Referenten in Frankfurt und vier in Berlin. Sie sind für die einzelnen Shops zuständig und treffen sich regelmäßig mit den ehrenamtlichen Shop-Leitern. Außerdem gibt es zwei Regionalleiter und die Geschäftsführerin Christel Kaestner. Der Verein finanziert sich zu 26 Prozent aus Spenden, zu 32 Prozent aus Zuwendungen für Projekte und Kampagnen und zu 40 Prozent aus den Erträgen der Oxfam GmbH. Im Jahr 2009 erwirtschafteten die Oxfam Shops in Deutschland einen Netto-Umsatz von 7,3 Millionen Euro. In inzwischen 36 Shops in Deutschland (2009 waren es 29 Shops) nehmen mehr als 2000 ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich nach Einarbeitung mindestens fünf Stunden in der Woche engagieren, Sachspenden entgegen und verkaufen diese nach der Preisrecherche. Durch die ehrenamtliche Arbeit und die Spenden schaffen es die Oxfam Shops in Deutschland, einen Gewinn zu erwirtschaften. Er wird für Nothilfe- und Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt zur Verfügung gestellt. 2009 waren das 1,8 Millionen Euro, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2010 wurden 2 Millionen Euro angestrebt, die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Die Einnahmen der einzelnen Shops werden im Jahresbericht nicht aufgeführt, da der Konkurrenzgedanke nicht gefördert werden soll.

Dass es sich um Secondhand-Shops handelt, fällt erst beim zweiten Blick auf. Vor allem die anspruchsvolle und aufwendige Einrichtung der Shops lässt zunächst vermuten, es handele sich um ein ganz normales Geschäft, "das vom Ansatz her auch von bezahlten Mitarbeitern geführt werden könnte", sagt Christa Speelmann, Shop-Leiterin des Oxfam Shops in Göttingen. "Als Mitarbeiter wird man von den Kunden oft gefragt, ob die angebotene Ware Secondhand sei", erzählt Hannah Nommensen, ebenfalls Shop-Leiterin in Göttingen. Die Kunden sind oft überrascht, aber erfreut über das spezielle, teils nostalgische Angebot, das von Kleidung und Schmuck über Bücher bis zu Geschirr reicht.

Die Shop-Referentin und hauptamtliche Mitarbeiterin Martina Formella erzählt: "Wir bieten unserer Kundschaft Waren zu fairen, nicht überhöhten Preisen an. Dadurch beweisen wir Fachkompetenz und zeigen unseren Spendern einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Spenden." Die Ware, die nicht sofort verkauft wird, wird später noch einmal angeboten. Was dann immer noch zu den Ladenhütern gehört, wird an regionale soziale Einrichtungen gespendet.

"Der Preis der Waren hängt von Zustand und Aktualität ab. Als Grundlage für die Preisfindung gelten die von Oxfam erarbeiteten Preislisten", erklärt Formella. So kann man in den Oxfam Shops zum Bespiel einen Roman aus dem Jahr 2008, der in der Buchhandlung 9,95 Euro kostet, für 4 Euro ergattern. Oder ein Markensakko, das neu nicht unter 200 Euro zu haben wäre, lässt sich zum Schnäppchenpreis von 25 Euro finden. "Der Preis für seltene oder schwer zu bewertende Gegenstände wird von den ehrenamtlichen Mitarbeitern über verschiedene Informationsquellen wie Internet oder Fachbücher recherchiert. Auch werden alle neuen ehrenamtlichen Mitarbeiter zu Beginn ihrer Tätigkeit geschult. Im Zuge der Schulung wird auch die Preisfindung trainiert", sagt Formella.

Bis zu 25 Spenden werden in Göttingen täglich angenommen, meist Damenbekleidung. Die verkauft sich auch am besten, finden die beiden Shop-Leiterinnen. "Männerbekleidung bekommen wir nicht ganz so oft", sagt Nommensen, "das liegt vielleicht daran, dass Männer ihren Kleiderschrank nicht so oft ausmisten wie wir Frauen". Die höchsten Einnahmen werden durch Schmuck erzielt. "Unsere Kundschaft lässt sich nicht so einfach beschreiben. Oxfam Shops ziehen eine große Stammkundschaft an; viele kommen täglich zum Stöbern in den Shop", sagt Formella.

Grundsätzlich gibt Oxfam nicht viel Geld für Werbung aus. Wenn ein Shop neu eröffnet wurde, ist jedoch ein bisschen mehr Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Danach funktioniert die Mundpropaganda ganz gut, da die Oxfam Shops in Deutschland bekannt sind. Hendrik Thiele zum Beispiel hat durch seine Mutter, die Kundin in Lübeck ist, von den Oxfam Shops gehört. "Wenn man nicht so viel Geld hat, kann man hier gute Sachen für vernünftige Preise bekommen", erzählt er und packt seinen gerade erworbenen Wintermantel ein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gebrauchte Waren werden gebraucht
Autor
Charlotte Baeumer
Schule
Felix-Klein-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 17. März 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance