Sich selbst über den Haufen fahren

Deutschland, das Land der Regeln und Vorschriften. Für außergewöhnliche Dinge ist hier kaum Platz. Gibt es in solchen Gefilden überhaupt Abenteuer?

Oliver Bothe bietet knapp hundert extravagante Ausflüge durch eine Landschaft, die sich sehen lassen kann. Das Angebot umfasst Sightseeing- und Tagestouren sowie diverse weitere Events. "Die erste Tour in diesem Jahr fand schon am 15. Januar statt. Ab März kommen dann mehr Buchungsanfragen", freut sich der Chef. Eine kleine Tour beginnt bei zwei bis drei Stunden Fahrzeit und kann auf bis zu acht Stunden ausgeweitet werden. Diese Tagesfahrt ist im gestellten Geländewagen ab 390 Euro, im eigenen Geländewagen ab 110 Euro möglich. Im Preis inbegriffen sind eine ausführliche Einweisung, ein Off-Road-Basistraining, die Begleitung und Betreuung durch einen erfahrenen Instrukteur sowie ein rustikales Picknick. Jeder Geländewagen ist mit einem Funkgerät ausgestattet, mittels dessen die Gäste Hintergrundinformationen zur Umgebung und zu großen Sehenswürdigkeiten im Tagebau erhalten.

Mit seinen Abenteuerangeboten möchte Bothe primär Kunden ohne eigenen Geländewagen ansprechen, die jedoch gern etwas Außergewöhnliches erleben wollen. Seit mittlerweile zehn Jahren bietet das Unternehmen Bothe Off-Road-Touren Abenteuerausflüge durch die ehemalige Tagebaulandschaft der Niederlausitz. In einem Gebiet aus steilen Abhängen, Sandschluchten und tiefen Furchen darf jeder selbst sein Können und seine Off-Road- Tauglichkeit testen. So sollen außerdem Selbstvertrauen und Geschicklichkeit gefördert werden.

Die Idee, etwas Neues zu machen, wurde Oliver Bothe zusammen mit der Faszination fürs Autofahren jenseits der Straße in die Wiege gelegt. Sein Vater war leidenschaftlicher Geländewagenfahrer und Bastler. "Wir haben unseren P3 (ein Armee-Kübel) 1986 von einem Schausteller aus Meißen erworben. Da gab es einen kleinen Markt unter der Hand, und das war natürlich das Ereignis schlechthin. Wer hatte schon einen Geländewagen?", erzählt Bothe. Als gebürtiger Lausitzer wuchs er mit den Tagebauen auf und erlebte diese von der Braunkohleförderung bis zur Sanierung. "Das Fahren im Gelände war ein Freiheitsgefühl, was man ja in der DDR überhaupt nicht ausleben konnte", sagt Bothe. Mit der Wende wurden allerdings viele Tagebaue aufgegeben. Das war die Geburtsstunde der heutigen Lausitzer Off-Road-Strecken. Bothe organisierte – zunächst noch in Kooperation mit der LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH) – erste Touristentouren und Safaris durch die Tagebaugebiete. Mit der Zeit wurden neben der regionalen Presse auch Radio- und Fernsehsender auf den Unternehmer aufmerksam, sodass sich Bothe in der sich neu entwickelnden Branche schnell etablieren konnte. 2001 gründete er sein eigenes Unternehmen. Der Firmensitz befindet sich noch heute im Autohaus seines Vaters in Brieske (Niederlausitz). Angefangen hat das Projekt mit lediglich zwei Testsafaris und 30 Kunden. Heute kann er einen Jahresumsatz von 220000 Euro verbuchen. Auch wenn der Anteil der Unternehmen, die Touren buchen, auf Grund der Wirtschaftskrise 2010 leicht gesunken ist, wird dies durch das Privatkundengeschäft ausgeglichen. Bis heute ist die Besucherzahl auf 2500 im Jahr gewachsen. Der überwiegende Teil kommt nach wie vor aus Berlin, Brandenburg und Sachsen. Der Anteil weiblicher Off-Roader von momentan noch 10 Prozent steigt. Auch wenn das Durchschnittsalter bei 40 Jahren liegt, reicht die Spanne vom Fahranfänger bis zum Rentner. Vom Baggerfahrer über den Handwerker bis zum Manager ist alles vertreten.

Bothe fährt bei den Sightseeing-Touren bewusst langsam, um die bizarre Landschaft angemessen wirken zu lassen. Auf diese Art gewährt er seinen Gästen einen ganz neuen Blick auf die jetzige Schönheit "vergangener Drecklöcher". Auch wenn bei dieser Safari nicht mit Löwen zu rechnen ist, können sich die Besucher durchaus auf eine Begegnung mit einheimischen Hirschen oder Wölfen gefasst machen. "Die Touren sind von meiner Seite aus zu 100 Prozent sicher. Wir haben es jedoch alles schon gehabt, dass Fahrzeuge umgekippt oder festgefroren sind. Bisher ist glücklicherweise noch nie jemand zu Schaden gekommen." Wer seinen in der Regel 2,5 Tonnen schweren Allradler liebt und heil einen Hang mit 45 Grad Neigung hinunterkommen möchte, braucht viel Geduld und starke Nerven. Denn erst mit Allradantrieb und Untersetzung macht eine Fahrt durch den Tagebau so richtig Spaß. Da Neuwagen Bothes Anspruch an Robustheit meist nicht genügen, nutzt sein Unternehmen vorrangig ältere Fahrzeuge mit großem Spritverbrauch und hohen Steuern. Bei den Geländewagen reicht das Repertoire vom Isuzu Trooper über den Toyota Land Cruiser bis hin zum exotischen Santana PS 10.

Die Touren führen durch eine Landschaft, die sich noch in der Rekultivierungsphase befindet. Reiner Vogt, Referent der LMBV, sagt: "Die Zusammenarbeit zwischen Herrn Bothe und der LMBV wird als positiv gewertet. So kommen aus seinem Team aus den Fahrten heraus auch Hinweise – Meldungen zum Brandschutz, zu Ereignissen und Vorkommnissen auf LMBV-Flächen wie unberechtigte Müllablagerungen, unberechtigtes Baden in Tagebaurestseen und anderes." Des Weiteren wird das Projekt von Seiten der LMBV als wichtige Ergänzung der PR-Arbeit angesehen. Die Gebühren, die Bothe für die Nutzung der Flächen zahlen muss, sind nicht allzu hoch. Noch heute ist die LMBV Eigentümer eines Großteils der ehemaligen Tagebauflächen. Die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Niederlausitz, Kathrin Winkler, zeigt sich ebenfalls erfreut über die Geschäftsidee Bothes: Mit seinem Angebot setze er bewusst am Alleinstellungsmerkmal der Niederlausitz an – dem Landschaftswandel im Zusammenhang mit der neu entstehenden Lausitzer Seenlandschaft.

Oliver Bothe setzt auf das Gesamtpaket: "Ich fahre nicht nur Off-Road. Stumpfsinnig, dumm – einfach nur, um zu fahren. Ich fahre diese Strecke, damit ich etwas sehe und auch etwas dazulerne, das ich vorher nicht wusste. Wer beschäftigt sich schon wirklich mit dem trockenen Thema Tagebau, Flutung oder Sanierung?" Dabei sieht er sich als Führer, der den Besuchern die rekultivierte Landschaft mit Flora und Fauna näherbringt. Besonders bei seinen Sightseeing-Touren legt Bothe Wert auf die Besonderheiten der Umgebung. Da die Fahrten ausschließlich in Tagebau-Sanierungsgebieten stattfinden, kommt es zu keiner Naturzerstörung. Nichtsdestotrotz steht der Naturschutzbund dem Projekt kritisch gegenüber, da sich auch auf den ehemaligen Tagebauflächen mittlerweile wieder Pflanzen und Tiere angesiedelt haben. Der ansteigende Grundwasserspiegel sowie oberirdische Wasserspeisungen führen zur Flutung dieser Flächen, die im Wesentlichen bis 2015 abgeschlossen sein soll. Nach dem Verschwinden ehemaliger Tagebauflächen möchte Bothe Touren durch den aktiven Tagebau anbieten. Für dieses Projekt hoffe er auf eine gute Zusammenarbeit mit Vattenfall, dem Besitzer der heutigen Kohlefördergebiete. Auf einer genutzten Fläche von 4000 Hektar sind Naturbeobachtungen, aber auch umfassende Geländeerkundungen möglich. "Wir bewegen uns hier in einer nicht fertigen Landschaft, die teilweise wirklich toll ist. In gewisser Form hat sie auch Tradition. Leider verschwindet diese jetzt wieder ein bisschen, weil viele Menschen einen anderen Blick auf die Tagebaue haben", gibt Bothe zu bedenken, denn die meisten Lausitzer haben den Tagebau als Naturzerstörung und Umweltverschmutzung erlebt. Viele Touristen zieht es jedoch aus Neugier oder Abenteuerlust in die ehemalige Tagebaulandschaft. So auch Ralf Hüttmann aus Kiel: "Mir war klar, dass die Autos viele Steigungen und Neigungen meistern können, aber was den Autos dort abverlangt wurde, übertraf meine kühnsten Erwartungen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sich selbst über den Haufen fahren
Autor
Madeleine Brühl
Schule
Friedrich-Engels-Gymnasium , Senftenberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 17. März 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance