Viele trauen dem Rossbraten nicht

Viele trauen dem Rossbraten nicht

Pferde sind kulinarisch mal mehr, mal weniger beliebt. Um 2000, in Zeiten der BSE-Angst und der Aufdeckung anderer Lebensmittelskandale wie Hormonfütterung, boomte das Geschäft. Viele Pferdemetzgereien konnten dank der hohen Nachfrage die Zahl ihrer Schlachttiere und ihrer Kunden sowie ihren Gewinn vervierfachen. Auch in der Nachkriegszeit war das "Arme- Leute-Essen" beliebt, wurde jedoch durch die Billigproduktion von Fleisch verdrängt. "In den sechziger Jahren sah es für Pferdemetzger dann ganz mau aus", erinnert sich Heidemarie Beerwart, Besitzerin der Pferdemetzgerei Beerwart in Waiblingen bei Stuttgart, deren Betrieb schon seit den vierziger Jahren im Geschäft ist. Mittlerweile hat sich die Nachfrage nach Pferdefleisch wieder normalisiert. Um die Jahrtausendwende konnten Beerwart und ihre Kollegen ihre zahlreichen Kunden nicht mit ausreichend Pferdefleisch versorgen.

Zwischen 15 und 20 Tiere wurden damals wöchentlich geschlachtet und verarbeitet, heute sind es nur noch um die 5. Trotz des "Umdenkens der Leute in den achtziger und neunziger Jahren", mit dem sich Beerwart den damaligen Nachfragezuwachs erklärt, bleibt die Abneigung vieler Deutschen erhalten, ihre geliebten Hobbytiere in Form von Rheinischem Sauerbraten, Salami oder Steak zu verspeisen. Denn im Gegensatz zum Ausland, wo Pferde mancherorts für den Teller gezüchtet werden, kommen für die Pferdemetzgereien in Deutschland nur Tiere aus privatem Besitz in Frage, die meistens im Turniersport tätig waren und die schon in jungen Jahren an chronischen Rücken- und Gelenkproblemen leiden.

Den Tieren, die sowieso eingeschläfert werden würden, wird ein schneller Tod beschert, und die Besitzer, die diesen nicht auch noch lange Transportwege antun wollen, können bis zur letzten Minute dabeibleiben. Dafür wurde die Metzgerei Beerwart von der Deutschen Vereinigung zum Schutz des Pferdes (DVSB) mit dem "Blauen Pferd" ausgezeichnet. "Wir haben einen Test durchgeführt, der bewiesen hat, dass die Tiere vor dem Tod nicht unter Stress stehen, es wird ihnen so angenehm wie möglich gemacht", begründet die Gründerin der Vereinigung Gabriele-Serena Siegmann-Ruland die Entscheidung. "Einige andere Tierschutzorganisationen haben nach der Auszeichnung getobt, aber auch das trägt zum Tierschutz bei."

Unter anderem in Frankreich, Italien, Russland, Ungarn, Österreich und Island gibt es Pferdezucht, um die hohe Nachfrage nach Pferdefleisch decken zu können. Die deutschen Pferdemetzgereien werben damit, es gebe bei ihnen keine Produkte aus Massentierhaltung, die Tiere würden nicht mit Hormonen gefüttert und das Fleisch sei ein regionales Produkt. "Wenn man es in die Pfanne haut, dann bleibt das Steak noch Steak und schrumpelt nicht zusammen", scherzt Rainer Wallberg, Kunde von Beerwart. Jedoch nur 10 Prozent der aus Deutschland stammenden Schlachtpferde werden in die nächstgelegene Metzgerei gebracht, die anderen werden ins Ausland transportiert. Auf Grund strenger gesetzlicher Richtlinien, die nur wenige Betriebe erfüllen können, verzeichnete der ehemalige Verband für Deutsche Pferdemetzger bis vor kurzem nur noch 60 Betriebe in ganz Deutschland. Dieser wurde nach nur einem Existenzjahr von dem ehemaligen Vorsitzenden Jens Beerwart aufgelöst, da viele deutsche Pferdemetzger nicht in den Verband eintreten wollten. Zum Vergleich: Frankreich hat laut DVSB etwa 3000 Pferdemetzgereien. In Baden-Württemberg ist die Pferdemetzgerei Beerwart die einzig verbliebene mit eigener Schlachtung, einige mehr sind in Norddeutschland und Bayern zu finden. Trotzdem ist die Nachfrage nach Pferdefleisch stabil: Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2010 rund 10000 geschlachtete Pferde erfasst. Damit werden jährlich 2500 Tonnen Pferdefleisch verkauft, mehr als vor der BSE-Krise. Ernährungsbewusste Kunden setzen auf das kalorienarme und magere Pferdefleisch, das zudem mehr Eiweiß und weniger Cholesterin als andere Fleischsorten wie Rind und Schwein enthält. "Es ist gesund und stellt eine Abwechslung auf dem Speiseplan dar", begründet Melanie Wallberg ihre Kaufentscheidung für Pferdefleisch.

Auch für ihre Haustiere wollen die Kunden nur das Beste. Die älteren Pferde dienen deshalb als gesunde Kost für die Lieblinge der Menschen, so ist das Fleisch beispielsweise ideal für hautallergische Hunde. Die Haut der Pferde wird in Gerbereien zu Handtaschen, Geldbeuteln und Gürteln verwertet. Fell, Knochen, Knorpel und andere ungenießbare Körperteile ausgenommen, verbleibt ein essbarer Anteil von 40 Prozent. Ein 500 Kilogramm schweres Pferd, das sein ehemaliger Besitzer einst als Fohlen für 1000 bis 1200 Euro erworben hat und das sich beim Metzger für 300 bis 400 Euro wieder von ihm trennt, gibt also zwischen 200 und 300 Kilogramm essbares Fleisch. Derzeit liegt der Kilopreis bei durchschnittlich 4,50 Euro, damit kommt die Gesamtbranche im Jahr auf etwa 11 Millionen Euro Umsatz. Der Kundenkreis reicht von Jung bis Alt, männlich, weiblich, deutsch, ausländisch. Höchstens vom eigenen Schuldgefühl, das in so manchem Pferdenarr aufkeimt, wenn er daran denkt, seinen treuen Begleiter in den Ofen zu schieben, wird der Appetit gezügelt. "Ich esse ja auch keine Hunde", argumentiert Miriam Schmidt, Pferdeliebhaberin. Trotzdem blickt Beerwart zuversichtlich in die Zukunft. "Wenn noch mehr Skandale aufgedeckt werden, steigt die Nachfrage sicherlich weiter an", prophezeit sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Viele trauen dem Rossbraten nicht
Autor
Anna Fresz
Schule
Johannes-Kepler-Gymnasium , Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 7. April 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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