Wie man kulturelle Unterschiede pflegt

Große Chancen hat dem Unternehmen noch nicht einmal ihr Ehemann gegeben. Doch Nare Yesilyurt-Karakurt war von ihrer Geschäftsidee überzeugt, wusste, dass sie eine Marktlücke entdeckt hatte. So leitet sie heute den ersten kulturspezifischen Pflegedienst in Berlin, berät mehr als 1000 Menschen und pflegt 400 Patienten, etwa 70 Prozent davon aus dem Ausland, die ganz spezielle Bedürfnisse bei der Pflege haben. Der Bedarf steigt rasant, die angeworbenen Gastarbeiter werden nun entgegen aller Erwartungen hier in Deutschland und nicht in ihrer Heimat alt.

Yesilyurt-Karakurt kam im Rahmen eines Familiennachzugs als Dreijährige von Anatolien nach Westberlin. Sie schaffte es von der Hauptschule bis zur Universität, lernte neben ihrer Muttersprache Kurdisch auch, Deutsch und Türkisch fließend zu sprechen. Die Idee zur Gründung eines kulturspezifischen Pflegedienstes kam ihr während ihrer Examensarbeit zur Diplom-Pädagogin. Im Rahmen ihrer Recherche begegnete sie zahlreichen Familien mit Migrationshintergrund, was ihr die mangelnde Betreuung der älteren Generation vor Augen führte. Zwei Jahre später, 1999, wurde ihr Unternehmen Deta-Med in Berlin-Neukölln zugelassen. Trotz Eigenkapitals häufte sich ein Schuldenberg von rund 180000 DM an, einen Großteil der Kredite erhielt sie von ihrer Familie. Laut Gesetz musste sie für die Zulassung ihres Pflegedienstes acht examinierte Krankenschwestern mit je 160 Stunden im Monat einstellen. "Mir fehlte jegliche praktische Erfahrung, ich hatte nur mein Konzept im Kopf und wusste nicht, wie ich mich um Patienten kümmern sollte", sagt Yesilyurt-Karakurt rückblickend. Die Schulden stiegen, Einnahmen blieben aus, ihre Ehe zerbrach. Noch ein knappes halbes Jahr dauerte es, bis sie erste Patienten hatte. Vier Jahre später wurde die erste Zweigstelle eröffnet. Heute gibt es in Berlin sieben Filialen, in denen 230 Arbeitnehmer beschäftigt sind, davon rund 60 Prozent aus dem Ausland, vorwiegend aus der Türkei, aber auch aus Griechenland, Polen und anderen Staaten. Sie sind mehrsprachig und bikulturell. Alle Mitarbeiter nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil, um die Pflegebedürfnisse der Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen. Wegen der mangelnden Deutschkenntnisse der Pflegebedürftigen ist das Erlernen ihrer Muttersprachen wichtig. Mehr als die Hälfte der Angestellten sind wie Yesilyurt- Karakurt selbst alleinerziehende Mütter. Mit flexiblen Arbeitszeiten und einer übertariflichen Bezahlung ermöglicht sie es ihnen, gleichzeitig "Kochtopf- und Laptop-Frau zu sein", wie sie es nennt. Die jüngste Mitarbeiterin ist 29 Jahre alt. "Das zeigt doch einen deutlichen Mangel an Pflegekräften", stellt die 42 Jahre alte Unternehmensgründerin besorgt fest. Ihr Unternehmen ist Ausbildungsstätte für derzeit 43 Pflegehelfer. Die Azubis erhalten ein Gehalt zwischen 1300 und 1600 Euro.

"Kulturspezifische Pflege ist individuelle Pflege jedes einzelnen Menschen. Der Mensch muss als Ganzes gesehen werden", erläutert die Unternehmerin ihre Leitidee. Besonders zeitaufwendig sei die Pflege vieler Muslime, denen der Koran strenge Vorschriften zur Körperhygiene mache. So müsse die Körperpflege unter fließendem Wasser stattfinden, eine Waschschüssel empfänden sie als unrein. Auch die Intimrasur gehöre zur Körperpflege, da es eine Überlieferung gebe, wonach die Körperbehaarung im Intimbereich nicht länger sein darf als ein Gerstenkorn. Nach dem Tod werden die von den Patienten gewünschten Zeremonien, wie die mehrmalige Waschung des Leichnams und die schnelle Bestattung des Körpers, vorgenommen. "Die machen alles", resümiert Refia Bektas. 1969 kam sie als Gastarbeiterin nach Deutschland, heute ist sie in Pflegestufe 2 eingeteilt. Auf die Hilfe von Deta-Med ist sie seit sechs Jahren sowohl beim Einkaufen und Kochen als auch bei der Körperpflege angewiesen. "Das sind meine Landsleute, die mich pflegen, wir sprechen dieselbe Sprache. Mit Deutschen verstehe ich mich nie hundertprozentig", begründet sie ihre Wahl. Auch schätzt sie den respektvollen Umgang mit ihr bei der Körperpflege.

Dass dafür zusätzliche Zeit aufgewendet werden muss, wird von den Kostenträgern nicht berücksichtigt. Sind für eine kleine Körperpflege 20 Minuten vorgesehen, Deta-Med braucht aber 30 Minuten, so ist das ihr Risiko. Denn die Vergütung ist von den Pflegeversicherungen festgelegt. Für die Pflegestufe 1, die 90 Minuten Pflege am Tag vorsieht, werden maximal 440 Euro monatlich an den Pflegedienst ausgezahlt. Für die Pflegestufe 3 mit mindestens 5 Stunden Pflege und Versorgung werden 1510 Euro gezahlt. Da Yesilyurt-Karakurts Patienten oft nicht das nötige Geld haben, muss Hilfe vom Sozialamt beantragt werden. Einem Umsatz von rund 5 Millionen Euro im Jahr 2010 stehen Personalkosten von 4,7 Millionen gegenüber. Nach einer Kundenbefragung durch einen externen Sozialarbeiter sind mindestens acht von zehn Patienten mit den kulturspezifischen Merkmalen und deren Einhaltung durch den Pflegedienst zufrieden. Auch die AOK weiß um den steigenden Bedarf an pflegebedürftigen Einwanderern. Eine besondere Förderung der kulturspezifischen Pflegedienste sieht sie aber nicht vor. Wie allen anderen Pflegediensten mit gültigem Versorgungsvertrag bietet ihnen die AOK eine Teilnahme am Pflegedienstnavigator an. "Dieser liefert Adressen, Kontaktdaten und Preise", erläutert Brigitte Schmiedeke von der Abteilung für Pflege-Verträge dieses Angebot.

Eine Abwanderung zur Konkurrenz fürchtet die Unternehmerin nicht, denn sie sieht in keinem der wenigen Pflegedienste, die ein vergleichbares Angebot haben, einen ernstzunehmenden Wettbewerber. "Vielmehr nehmen diese Deta-Med als Vorbild", sagt sie. Dies bestreitet allerdings Mustafa akar, der Geschäftsführer des interkulturellen Pflegedienstes Can-Vital. "Wir orientieren uns an niemandem, haben unser eigenes Leitbild." Durch das geringe Angebot an kulturspezifischen Pflegediensten in Berlin und Deutschland glaubt auch er, eine Marktlücke in einem Bereich entdeckt zu haben, in dem er kaum Konkurrenz fürchten muss.

Obwohl Yesilyurt-Karakurt heute schon Patienten abweisen muss, möchte sie in Zukunft nicht mehr expandieren. Aber Ausbildungsstätte möchte sie bleiben, denn "die Pflegebranche ist eine Branche, die Zukunft hat". Doch möchte sie sich in Zukunft mehr ihrer Forschungsarbeit an der Universität über die kulturelle Bedeutung von Krankheiten zuwenden. Da ihr dadurch die Zeit für das Leiten eines Unternehmens fehlt, wurde ihr Unternehmen im Januar in eine GmbH umgewandelt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man kulturelle Unterschiede pflegt
Autor
Nadine Preuß
Schule
Droste-Hülshoff-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 7. April 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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