Der Auftrieb ist völlig aus der Luft gegriffen

Im Industriegebiet am nördlichen Rand von Hildesheim gibt es einen kleinen Flugplatz, den Privatpiloten unter dem Kürzel EDVM kennen. Wohl nicht ohne Grund liegen die blau-weißen Hallen der Autogyro GmbH an einer Straße, die dem berühmten deutschen Flugzeugkonstrukteur Dornier gewidmet ist. Tag für Tag verlässt ein neuer Tragschrauber die Hallen, über die 1100 Meter lange Asphaltpiste des Flugplatzes fliegen sie ihren Einsätzen in aller Welt entgegen.

Das Prinzip des Tragschraubers (Gyroplane oder auch Gyrokopter) basiert auf dem physikalischen Effekt der Autorotation. Das ungewöhnliche Fluggerät erhält durch einen Propeller am Heck Vortrieb, durch den Fahrtwind wird der Hauptrotor angetrieben, was den Auftrieb erzeugt. Dieses Prinzip machte sich schon 1923 der Spanier Juan de la Cierva zunutze. Die Weiterentwicklung der Technik geriet allerdings durch den Zweiten Weltkrieg ins Stocken - Militärs erachteten den Hubschrauber als bessere Investition.

Auch der Firmengründer von Autogyro, Otmar Birkner, war keineswegs von vornherein an einer Serienproduktion von Tragschraubern interessiert. Vielmehr startete er 1993 damit, sogenannte Trikes zu produzieren. Diese sind jedoch aufgrund ihres Fallschirms von der Thermik und dem Wetter abhängig, weshalb sie in Deutschland nur an etwa 30 Tagen im Jahr starten können. Als 2003 der erste Tragschrauber in Deutschland zugelassen wurde, erkannte Birkner jedoch sofort das Potential dieses Fluggeräts und startete die Produktion am Flugplatz Hildesheim mit zwei weiteren Mitarbeitern. 2004 konnten die ersten fünf Exemplare ausgeliefert werden, im folgenden Jahr steigerte man die Stückzahl auf 20. Heute hat man vier Hallen errichtet, in denen die Produktion, Wartung und Verwaltung auf 6000 Quadratmetern mit knapp 100 Mitarbeitern stattfindet. "Die neueste Halle wurde in nur 16 Wochen errichtet", erzählt Judith Reichardt, Assistentin in Vertrieb und Marketing. "Im letzten Jahr haben wir Infrastruktur und Personal nahezu verdoppelt, mittlerweile verlassen sechs Exemplare je Woche das Gelände, wir können jährlich 300 Gyros an unsere Kunden liefern."

Das Grundgerüst besteht aus poliertem Edelstahl. Rotorkopfhalterung und viele Kleinteile sind aus Aluminium, um Gewicht zu sparen. Propeller, das Seitenleitwerk und die Zelle des Piloten sind aus mit Kohlefasern verstärktem Kunststoff. "Teile wie die Radaufhängung können Belastungen von bis zu fünf Tonnen standhalten, gleichzeitig ist CFK extrem leicht, was bei Ultraleichtfliegern, wo jedes Gramm zählt, existentiell ist", sagt Reichardt. Autogyro stellt 95 Prozent der 4800 Teile eines Gyroplanes in Handarbeit her. "Die angemessene Qualität und Lieferpünktlichkeit kann nur bei uns optimal gewährleistet werden", erklärt Reichardt die Firmenphilosophie. "Lediglich einige Teile wie den Motor und die Fluginstrumente kaufen wir zu." Der Motor der Hildesheimer Ultraleichtflieger stammt von BRP-Powertrain, einem Tochterunternehmen der kanadischen Bombardier. Die sogenannten Rotax-Motoren werden mit Superbenzin oder Gas angetrieben und stehen dem Kunden in zwei Varianten mit 100 oder 115 PS zur Wahl. Der Verbrauch wird mit 15 bis 18 Litern auf 100 Kilometer Flugstrecke angegeben.

Autogyro produziert seine Ultraleichtluftfahrtzeuge nur auf Bestellung. "Das ist für solch ein individualisierbares Produkt die richtige Wahl", sagt Reichardt. So können dem Kunden viele Wünsche erfüllt werden: Das Cockpit kann je nach Einsatzort konfiguriert werden, Zusatztanks für längere Flüge sind kein Problem, auch Innenraumheizung, Beleuchtung und Sonnendach nicht. Die Farbe ist ebenfalls frei wählbar: "Eine junge Pilotin wollte einen Tragschrauber in Pink. Den bekam sie ebenso, wie ein deutscher Juwelier, der sein Gyroplane mit Blattgold und Swarovski-Steinen bekleben ließ", erzählt Reichardt.

Autogyro bietet derzeit zwei Modelle an: Den offenen MTO Sport und den Calidus, der mit einer geschlossenen Pilotenkanzel ausgestattet ist. Beide bieten zwei Personen Platz. Gefragter ist derzeit der Calidus, der zwei Drittel der Bestellungen ausmacht. Neben der Frischluftzufuhr unterscheiden sich beide Varianten hauptsächlich preislich; für einen Calidus muss der Kunde etwa 10000 Euro mehr zahlen. Die Preise beginnen bei 50000 Euro. Nach der Bestellung müssen Kunden etwa vier Monate warten, bis ihr Gyroplane fertiggestellt ist, die reine Bauzeit beträgt allerdings nur vier Wochen. Neben dem Herstellungszeitraum und der Wartezeit sind Funktionsprüfung und Kontrollen zeitraubend. Nach den firmeninternen Abnahmen nehmen auch externe Prüfer die Fluggeräte in Augenschein.

Ist alles in Ordnung, wird auf einem Abnahmeflug noch einmal alles im Praxistest geprüft, bevor der Flieger entweder im Container oder mit Überführungsflug an seinen Bestimmungsort gelangt. "Hauptabnehmer sind Großbritannien, Frankreich und Schweden im europäischen Raum, Südafrika, Australien und Russland sind wichtige Kunden weltweit", erzählt Guido Platzer, der als Prokurist im internationalen Vertrieb arbeitet. "Unsere Exportquote liegt bei etwa drei Vierteln, etwa 80 Prozent der Käufer sind Privatkunden." Eingesetzt werden Tragschrauber in vielen Bereichen: an der australischen Küste zum Schutz vor Haiangriffen, an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, zur Kontrolle von Hochleitungstrassen und Pipelines sowie für die Überwachung am internationalen Flughafen von Bagdad. Selbst die deutsche Polizei prüfte in einem zweijährigen Test, ob Tragschrauber für Observierungen eingesetzt werden können. Für den Passagiertransport scheiden sie allerdings aus. "Ultraleichtflugzeuge dürfen nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden, da sie als Luftsportgeräte gelten", sagt Platzer.

Der Hersteller betont die Vorteile: Durch die Autorotation sind Abstürze wegen Überziehens praktisch unmöglich, auch bei starkem Wind liegt ein Gyroplane sicher in der Luft, denn die Kabine und der Rotor bieten nur wenig Angriffsfläche. "Ein Unfall aufgrund eines technischen Defekts ist mir nicht bekannt", erklärt Platzer. Durch die sogenannten Estol-Eigenschaften (Extreme Short Take-Offs and Landings) sind Start und Landung auf wenig Platz möglich. Ein Start gelingt auf 10 bis 70 Metern, die Landung erfolgt punktgenau aus extremem Langsamflug. "Wir können damit einen Bierdeckel treffen", erzählt Platzer. Andererseits sind Tragschrauber recht schnell, der Reiseflug erfolgt mit 170 Stundenkilometern bei einer Reichweite von etwa fünf Stunden, die Gipfelhöhe ist mit 3500 Metern angegeben. "Eine Flugstunde des Polizeihelikopters aus Hannover kostet den Steuerzahler 3000 Euro. Nahezu 90 Prozent seiner Aufgaben könnten wir für 10 Prozent dieser Kosten übernehmen, Privatpersonen müssen für eine Flugstunde etwa 100 Euro rechnen", erklärt der Prokurist. Ein senkrechter Start und eine senkrechte Landung sind freilich nicht möglich, ebenso wie der Schwebeflug. Durch die in Deutschland festgelegte Startgewichtsbegrenzung von 450 Kilogramm wird ein Transport von mehr als zwei Personen oder großen Lasten auch künftig nicht möglich sein.

Für die Fluglizenz sind 60 Theoriestunden und 30 Flugstunden notwendig. Das kostet etwa 5000 bis 7000 Euro. Das Fluggefühl ist eine Mischung aus Flugzeug und Helikopter; mit einem Steuerknüppel wird das Gerät um die Quer- und Längsachse bewegt, mit Pedalen kontrolliert man das Seitenruder. Gut 500 Piloten dürfen in Deutschland schon im Gyroplane abheben, die Zahl steigt. Als Weltmarktführer liefert Autogyro voraussichtlich Mitte April das eintausendste Exemplar aus, für Konkurrenz sorgen einzig die italienische Magni Gyro und ELA Aviación aus Spanien. Diese stellten jedoch insgesamt weniger als ein Drittel der Jahresproduktion der Hildesheimer her.

Im vergangenen Jahr konnte ein Umsatz von 11,5 Millionen Euro verbucht werden, nach 6,2 Millionen im Jahr 2009. "Wir sind profitabel", sagt Platzer. 2011 wolle man den Umsatz auf mehr als 15 Millionen Euro steigern. "Wir wollen aber nicht abheben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Auftrieb ist völlig aus der Luft gegriffen
Autor
Felix und Florian Möcke
Schule
Campe-Gymnasium , Holzminden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 7. April 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance