Deutschland ist erdbeerensicher

Deutschland ist erdbeerensicher

Mitte Mai geht es Alba wieder an den Kragen. Hellrot leuchtend läutet sie den Beginn der Erdbeersaison ein. Alba ist jedoch nur der Vorläufer für Clery und Darselect. Die beiden großen, kegelförmigen Erdbeersorten werden von Mai bis Juli angebaut und zählen zu den Hauptanbausorten in Deutschland.

2010 wurden hierzulande laut der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) 244360 Tonnen Erdbeeren verbraucht. Das sind je Kopf 2,98 Kilogramm und 8 Gramm mehr als im Vorjahr. 2005 war mit knapp 240000 Tonnen ein vorläufiger Höhepunkt erreicht, nach einem Auf und Ab ist insgesamt ein Anstieg des Verbrauchs erkennbar.

Die Erdbeeren stammen jedoch zum großen Teil nicht aus Deutschland. Die Importmenge lag 2010 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 98000 Tonnen, damit ist die Importmenge zehnmal höher als die exportierte. Das wichtigste Lieferland für Erdbeeren ist Spanien. Hier werden im Jahr ungefähr 300000 Tonnen produziert, wovon rund 80000 nach Deutschland kommen. Zum Vergleich: In Deutschland werden 157000 Tonnen produziert. Das Angebot wird durch marokkanische und ägyptische Erdbeeren ergänzt. Importware ist billiger als die deutsche, deren Preis für ein Kilogramm bei etwas mehr als 3,50 Euro liegt. Im Vergleich zu 2005 ist das fast ein ganzer Euro mehr. Insgesamt ist ein Preisanstieg von etwa 10 bis 20 Cent jährlich zu beobachten.

Der deutscher Verbraucher bevorzugt heimische Sorten. "Importierte Erdbeeren werden aufgrund der langen Transportwege oft nicht voll ausgereift geerntet, damit sie die vom Handel verlangte Festigkeit haben. Einziger Nachteil: Das Aroma bleibt dabei sprichwörtlich auf der Strecke", erläutert Simon Schumacher, Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer. Die Importe gehen deshalb im langfristigen Trend zurück. Zu Beginn der Erdbeerzeit drängt aber die früher reife Ware aus dem Süden auf den Markt. Hier sehen sich deutsche Anbaubetriebe vor dem Problem, schon in der Frühsaison die Produktion zu erhöhen – aber ohne Qualitätseinbußen. Das Ergebnis sind neue Anbautechniken, zum Beispiel der Dammanbau. "Eine eigens dafür entwickelte Maschine errichtet etwa 50 Zentimeter hohe Dämme mit einer schmalen Rinne in der Mitte", erklärt Schumacher. "In diese Rinne wird dann ein Wachstumssubstrat mit schwarzer Folie eingelegt." Es besteht aus Mineralien, Torf, Kokosfasern, organischem und mineralischem Dünger. "Man kann also noch immer von einem natürlichen Anbau sprechen", meint Schumacher.

Durch die Damm- und Rinnenkultur werden die Erdbeeren früher reif, da der Damm schneller von der Sonne erwärmt wird als der flache Erdboden. "Da die Erdbeeren auf dem Damm erhöht angebaut werden, wird die Ernte erleichtert und somit günstiger. Außerdem verringert ein erhöhter Anbau die Gefahr, dass Keime und Krankheiten die Erdbeeren befallen", erklärt Schumacher die Vorteile.

Ein weiterer Trend ist der überdachte Anbau. Die Überspannung mit Fließ oder Lochfolien aus Polyethylen nennt sich Wandertunnelanbau und wird seit zwei Jahren in Deutschland praktiziert. Auch hier wird eine frühere Ernte ermöglicht. Von Ende Juni an beherrschen die importierten Erdbeeren wieder den Markt, da der Preisdruck zu dieser Zeit für deutsche Anbauunternehmen zu groß ist. "Der Wandertunnelanbau schützt die empfindlichen Erdbeeren vor Regen, Hagel und vor allem Wind. Daher wird diese Anbautechnik trotz des hohen Kostenaufwands bereits seit mehreren Jahren in Großbritannien verwendet", erklärt Robert Dahl, Geschäftsführer des Karls Erlebnis-Hof aus Rövershagen bei Rostock. "Der Wandertunnel kostet in der Anschaffung 50000 Euro je Hektar. Da so ein System einige Jahre hält, kommt man bei 8000 Euro Mehrkosten pro Jahr und Hektar heraus." Karls Erlebnis-Hof hat 200 festangestellte Mitarbeiter und baut auf einer Fläche von 200 Hektar 3000 Tonnen Erdbeeren im Jahr an, die von 1000 Saisonarbeitskräften geerntet werden. Der Wandertunnelanbau wird dort nur auf einem Hektar praktiziert: "Langfristig wollen wir 15 Prozent der Anbaufläche für den Wandertunnelanbau nutzen", erläutert Dahl die Planung. "Für fast alle Unternehmen in Deutschland ist diese Technik jedoch Neuland, und wir wollen uns nicht verspekulieren. Wir rechnen mit einer Ertragssteigerung von 15 Tonnen auf 17 Tonnen je Hektar."

Dahls Erdbeeren werden, wie bei allen anderen deutschen Anbaubetrieben, regional vermarktet. Bundesweit bekannt geworden ist der Betrieb durch seinen Erlebnishof: Mehr als eine Million Besucher jährlich werden gezählt. Dahl erklärt die Gründung des Erlebnishofes: "Wir wollen Landwirtschaft erlebbar machen, Familien sollen sehen, wo die Erdbeeren eigentlich herkommen und wie sie geerntet werden, bevor sie gegessen werden."

Insgesamt beträgt die Anbaufläche in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 13000 Hektar. Die größten Anbaugebiete sind in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, hier wird knapp die Hälfte der Anbaufläche gestellt, und "25 Prozent des Gesamtertrages werden im südlichen Raum Richtung Bodensee geerntet", erklärt Ferdinand Schuler, Geschäftsführer der Abteilung Erdbeeren des Unternehmens Thiermann Spargel aus Diepholz in Niedersachsen. Thiermann baut auf 70 Hektar im Jahr 1000 Tonnen Erdbeeren an, ohne dabei auf Techniken wie den Tunnelanbau zurückzugreifen. "Bei uns lohnt sich keine Verfrühung, wir sind in einer späten Ernteregion beheimatet, und ein frühes Einsteigen in den Markt wäre zu teuer", sagt Schuler. Er erklärt die Probleme, mit denen alle Erdbeeranbauer zu kämpfen haben: "Die Erntemenge variiert durch die unterschiedliche Sonnenbestrahlung und die Kälteperioden. Außerdem sind Erdbeeren nur bedingt ohne Qualitätsverlust lagerbar." Die zwischen morgens um fünf und mittags um eins geernteten Beeren sind am nächsten Morgen deshalb schon im Geschäft. "Auch hier könnten wir durch verschiedene Substrate die Haltbarkeit verlängern, aber wir wollen unsere Erdbeeren nicht drei Tage durch Europa fahren", sagt Schuler. Thiermanns Erdbeeren werden in ganz Norddeutschland vertrieben. "Der Konsument verlangt frische Erdbeeren für seinen Kuchen, hier nimmt er auch höhere Preise in Kauf", meint Schuler. Thiermann hat neben 50 festangestellten deutschen Arbeitskräften mehr als 800 Saisonarbeitskräfte aus Polen. "Wir sind zu einem Mindestlohn von 6,70 Euro gesetzlich verpflichtet, dazu zahlen wir Qualitäts - und Leistungszuschläge", erläutert Schuler. Trotz des Mindestlohns kommen die Erntehelfer Osteuropa: "Die deutsche Arbeitskraft ist nicht willig, von 5 Uhr morgens bis mittags um 13 Uhr in der Mittagshitze zu arbeiten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Deutschland ist erdbeerensicher
Autor
Florian Breker
Schule
Campe-Gymnasium , Holzminden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 5. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance