Vor Schützen schützen

Bei seinen Besuchen in Afghanistan legt der Bundesverteidigungsminister großen Wert auf seine Sicherheit. Deshalb trägt er eine Kugelschutzweste der Mehler Vario System GmbH aus Fulda. Das Unternehmen produziert seit drei Jahrzehnten ballistische Schutzprodukte für Polizei und Militär. Neben Schutzwesten zählen taktische Schilde oder Ganzkörperschutzanzüge für Spezialeinsatzkommandos zur Produktpalette.

Das Grundprodukt für eine Schutzweste heißt Aramid. Es wird von Faserherstellern wie Teijin und DuPont produziert und auf großen Rollen geliefert. Von diesem Material werden dann mehrere Schichten aufeinandergelegt und daraus die einzelnen ballistischen Schutzpakete gefertigt, die später der Weste ihre beschusshemmende Wirkung verleihen. Zusätzlich zu diesen weichballistischen Schutzpaketen können hartballistische Platten gegen großkalibrige Waffen hinzugefügt werden. Die Westen lassen sich in vier Schutzklassen einteilen. Dabei richtet sich die Anforderung nicht nur an die Schutzwirkung vor Kugeln, sondern auch vor Messern. Stichschutz benötigt zusätzliche Elemente.

"Wir belieferten in den letzten Jahren über 40 Länder mit unseren individuellen Personenschutzlösungen und sehen uns als Marktführer in Europa", sagt Vertriebsleiter Thomas Kühnlein. Dabei liege der Marktanteil in Deutschland bei mehr als 80 Prozent. Das Unternehmen hat einen ballistischen Prüfstand für das Aramidgewebe. Laut Kühnlein gibt es "keinen Mitbewerber auf demselben Level". Die Hauptkonkurrenz bestehe aus Anbietern, die in Billiglohnländern produzieren und keine eigene Entwicklungsabteilung besitzen, sondern auf von den Aramidlieferanten vorgegebene Aufbauten der ballistischen Schutzpakete zurückgreifen.

Die Schutzpakete von Mehler werden direkt am Fuldaer Firmensitz gefertigt. Hier wird auch die Kugelschutzweste aus ihren Einzelteilen zusammengenäht. Textilien, die keine beschusshemmende Wirkung besitzen, werden zur Kosteneinsparung jedoch von einem serbischen Tochterunternehmen hergestellt. "Es sind weitere Investitionen in den Standort Fulda geplant", erklärt Kühnlein.

Am Ende des Produktionsvorgangs steht meist die klassische Kugelschutzweste. "Eine solche Weste liegt offiziell bei einem Preis von 500 bis 800 Euro. Natürlich bieten wir bei großen Ausschreibungen einen geringeren Endpreis an", sagt Kühnlein. Das Unternehmen stellt auch Sonderanfertigungen her. So gibt es Schutzwesten für Polizeihunde. "Wir können im Jahr bis zu 100000 Westen absetzen und einen Umsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich verbuchen", rechnet der Vertriebsleiter vor.

Früher haben Kugelschutzwesten, die nach Einheitsmaßen gefertigt wurden, nicht jedem Kunden optimal gepasst – und so bei den Einsätzen behindert. Das wird in einem Bericht der Deutschen Polizeigewerkschaft aus dem Jahr 2000 deutlich. In diesem wird festgestellt, dass der Tragekomfort der Westen gefördert werden müsse. Durch eine im Jahr 2002 eingeführte Personalisierung der Schutzwesten, nach der diese auf die Träger zugeschnitten sein sollen, konnte Mehler ein Umsatzwachstum von mehr als 300 Prozent verbuchen.

Zum Kundenkreis gehört nicht nur die deutsche Polizei. Mehler produziert für Militär- und Polizeikunden weltweit. "Wir stellen unsere Produkte zur Hälfte für die Polizei und zur anderen Hälfte für das Militär her", sagt Kühnlein. Mehler beliefere schon seit den neunziger Jahren die Bundeswehr, die Zahl der Aufträge von Militärs sei aber in den vergangenen Jahren gestiegen.

Generell kann man ein großes Wachstum der gesamten Branche feststellen. So stiegen die Fachbesucherzahlen der General Police Equipment Exhibition & Conference, einer Messe für Sicherheitstechnik in Leipzig, in den Jahren 2000 bis 2010 von 2950 auf 6250. Dies ist nicht zuletzt mit der wachsenden Nachfrage nach Sicherheitstechnik aufgrund von Kriegen und terroristischen Anschlägen zu begründen. Das Unternehmen sieht sich freilich nicht als Krisenprofiteur, sondern möchte dazu beitragen, den Berufsalltag von Polizisten und Soldaten etwas sicherer zu gestalten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vor Schützen schützen
Autor
Alexander Mehler
Schule
Winfriedschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 5. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance