Wo Straftäter keinen Laufpass bekommen

Genau 24 Wecker schrillen durch die zweite Etage. Es ist morgens um 7, alle 24 Jungen treten an zum Frühsport. Auf sie wartet auch heute ein Programm, das ihnen keine Gelegenheit geben wird, in ihren früheren Alltag zurückzufallen. Den Staat kostet dies täglich mehr als 180 Euro – für einen Jugendlichen. Hinzu kommen Taschen- und Heimfahrtsgeld. Jeder von ihnen hat eine dicke Polizeiakte nach Groß Schacksdorf mitgebracht. Sie heißen Ronny, Kevin oder Sebastian. Sie haben gestohlen, zerstört oder sogar zugestochen. Auf sie warten in Deutschland höchstens noch geschlossene Einrichtungen.

Groß Schacksdorf ist einmalig in der Bundesrepublik. Weglaufen ist hier zwecklos. Das ehemalige NVA-Objekt liegt mitten in Brandenburgs Wäldern. Die Umgebinde Erziehungsgesellschaft mbH hat einen neuen Markt erschlossen. Immer mehr Jugendämter wissen nicht, wohin mit den kriminellen Jugendlichen, und bezahlen gern für ein "Rundum-sorglos-Paket" in Groß Schacksdorf im Spree-Neiße-Kreis.

Die kleinen Zimmer sind spartanisch eingerichtet; Bett, Stuhl, Tisch und ein robuster Schrank. Die Kleidung ist einheitlich und einfach. Das Essen bereiten sich die Jugendlichen selbst zu. Das Geld fließt zu 80 Prozent in den Lohn der Fachkräfte – Lehrmeister, Sozialpädagogen und Gesangslehrer. Die restlichen 20 Prozent gehen für Betriebs- und Sachkosten drauf. Sich für verlorene Kinder in Schulden stürzen? Geschäftsführer Frank-Michael Marteaux ist das Risiko eingegangen. Er gründete zusammen mit seiner Schwester 2007 die Erziehungsgesellschaft. Die Verbindlichkeiten belaufen sich noch auf 600000 Euro. In dem ehemaligen Militärflugplatz der DDR-Luftstreitkräfte fand Marteaux einen idealen Ort: abgelegen auf einem riesigen Areal; die Infrastruktur war noch intakt, die Häuser mit ihren Werkstätten eigneten sich hervorragend fürs Wohnen, Lernen und Arbeiten. Nach und nach wurden die Gebäude auch von den Jugendlichen hergerichtet, denn sie erhalten eine Ausbildung zum Maler, Maurer, Koch oder Tischler. Marteaux stellte Meister dieser Gewerke ein. Einen staatlich anerkannten Erzieher mussten sie nachholen. 37 Menschen stehen in Groß Schacksdorf in Lohn und Brot.

Es hat sich für Marteaux wohl gelohnt. Die Zahlen von 2010 hat sein Steuerberater noch nicht parat. Im Jahr zuvor machte der Fünfzigjährige mit seinem Experiment anderthalb Millionen Euro Umsatz. Knapp 62000 Euro konnte er als Gewinn verbuchen.

An diesem Tag geht es für Bereichsleiterin Kathrin Heidrich nach Halle an der Saale. Das dortige Jugendamt will einen Jungen in Groß Schacksdorf unterbringen. Es wäre auch für ihn die letzte Station vor der Haft. Die studierte Sozialpädagogin weiß noch nicht, ob sie den Jugendlichen aufnehmen kann, denn ihre Einrichtung ist eigentlich vollständig belegt. Aber ein Junge wird in diesem Monat Groß Schacksdorf verlassen. "Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die eine Warteliste haben. Es laufen täglich Anrufe mit Anfragen bei uns ein." Auch wenn die Unterbringung im Vergleich zu normalen Kinderheimen (täglich zwischen 70 und 100 Euro) teurer ist, melden sich Jugendämter aus ganz Deutschland. Groß Schacksdorf scheint die letzte Rettung zu sein, wenn alle Heime die Hände heben. "Und dann profitieren wir von den unterschiedlichen landespolitischen Entscheidungen. Sachsen zum Beispiel bietet solche speziellen Einrichtungen nicht an, und dadurch bekommen wir viele Jugendliche von dort". Einrichtungen wie diese ohne Fenstergitter und Türschlösser sind bundesweit selten. Umgebinde favorisiert diskretere Methoden, wie Bewegungsmelder und weite Wälder, und bietet einen luxuriösen Betreuungsschlüssel an: Auf ein Heimkind kommen anderthalb Betreuer. Deren erste Erfahrungen mit den "kleinen Wölfen": je jünger die Heimkinder, desto erfolgreicher die pädagogische Arbeit. Ob aus den schweren Jungs wirklich anständige Männer werden, kann Marteaux noch nicht sagen. "Wir existieren erst seit drei Jahren, und deshalb können wir noch nicht statistisch beweisen, dass unser Konzept aufgeht." Es wäre sein Traum. "Es gibt keine Garantien, aber eine hohe Qualität bei der Anfertigung", lächelt er. Manchmal muss man einen Menschen auch als hochwertiges Produkt definieren.

Die Jugendlichen haben bei ihrer unfreiwilligen Ankunft ihre Luxushandys oder Markenschuhe abzugeben. Alles lagert gut verschlossen in der Asservatenkammer. Wer sein Zimmer ausschmücken möchte, muss Chips durch besonders gute Führung sammeln. Einmal in der Woche können sie eingelöst werden, auch für Gummibärchen, Pflanzen, extra Telefonate. Wer Mist baut, bekommt Abzüge. Für den 13 Jahre alten Artem, einen russischstämmigen Dresdener Jungen mit großen, braunen Knopfaugen, dürfte das persönliche Punkte-Konto im zweistelligen Dispobereich liegen. So oft hat er schon versucht, auszubüchsen. Umgebinde gilt auch als sicherer Schutz vor dem Rückfall.

Hier lernen die jungen Männer, ein Hemd zu bügeln. Sie wissen, mit welchen Putzmitteln man die Toilette sauber macht und wie viel Salz in die Suppe gehört. Taschengeld wird nach den strengen Richtlinien des Heimat-Landkreises ausgehändigt. Wer morgens um 7 durch den Wald joggt und den Tag mit der obligatorischen Zeitungslektüre beendet, ist normalerweise zu müde, um abzuhauen, geschweige denn im 10 Kilometer entfernten Dorfkonsum zu stehlen.

Das Telefon von Kathrin Heidrich klingelt in dieser Nacht zum dritten Mal. Es geht wieder mal um David. Es sei ja nicht so, dass die Kerle es nicht probieren mit dem Abhauen, lächelt sie müde. "Wir sind immer noch eine offene Institution. Alle anderen Einrichtungen, die so funktionieren wie diese, sind geschlossene Häuser."

Im Gefängnis wird auch nicht gesungen. In Groß Schacksdorf rufen zwar die Wecker zuallererst zum Frühsport. Manchmal klingen aber ganz zarte Töne durch die Flure, wenn Ronny mit Gesangslehrerin Antje Vesper einen neuen Kuschelrock-Song ausprobiert. "Jedem das Maximum an Ausbildung zu ermöglichen anhand seiner Stärken", lautet das Credo des Geschäftsführers. Er will die verlorenen Kinder retten. Umgebinde soll bald vergrößert werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo Straftäter keinen Laufpass bekommen
Autor
Franz Blumenthal
Schule
Friedrich-Engels-Gymnasium , Senftenberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 5. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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