Der fesselnde Freiheitsgedanke

Der fesselnde Freiheitsgedanke

Lindsay Lohan, Paris Hilton, Michelle Rodriguez, Roman Polanski und Julian Assange. Alle haben etwas gemeinsam. Und jetzt auch Dominique Strauss-Kahn. In Deutschland ist die elektronische Fußfessel noch ungebräuchlich, in Amerika schon gang und gäbe. Bekannt nur als Überwachungsgerät für einen verurteilten Menschen, kann sie durchaus zu mehr nützlich sein.

Einen Einfall hatte Yves Krüger, als er Anfang Januar 2010 die KEA-Krueger Electronic Automation gründete. Sein Berliner Unternehmen bietet unter anderem die elektronischen Fußfesseln als Spaß- Objekt an. Im vergangenen Jahr konnte er etwa 50 Stück zu einem Preis von rund 187 Euro verkaufen. „Meistens bestellen die Leute die Fußfesseln aus reiner Neugier“, meint Krüger. „In der Jugendszene Berlins entwickelt es sich sogar zu einem Trend, mit einer Fußfessel auf die Straße zu gehen. Unter manchen Jugendlichen scheint es angesagt zu sein, vorzugeben, dass man gerade aus dem Gefängnis kommt“. Die Fußfesseln funktionieren über das Global Positioning System (GPS) wie ein Navigationsgerät. „In naher Zukunft wollen wir jedoch daran arbeiten, dass die Fessel Alarm schlägt, wenn sie abgemacht wird.“

Für die gleiche Technik gibt es eine Reihe von Anwendungen. Die Martin Elektrotechnik GmbH in Bad Brückenau hat eine Marktlücke gefunden. Sie stellt seit zehn Jahren „Schutzengel-Systeme“ für Altenheime, Kindergärten, Klinken und Behindertenzentren her. Die „Fußfessel“ ist in diesem Fall meist eine Armbanduhr oder ein Schlüsselanhänger. Wenn ein Patient die Orientierung nach einem Spaziergang verloren hat, können die Pfleger durch die Signale leicht herausfinden, wo er sich befindet. 12 Mitarbeiter beschäftigt Dieter Martin. Mit einem Umsatz von rund 1,3 Millionen Euro ist er nach eigenen Angaben in dieser Branche Marktführer. Das liegt vor allem daran, dass sich das Unternehmen auf den Schutz von dementen Personen spezialisiert hat. „Wir haben uns sehr lange mit dem Nischenmarkt beschäftigt und uns ausreichend mit den Bedürfnissen der Patienten auseinandergesetzt“, erklärt die Mitgeschäftsführerin Annette Martin. Um die 400 Einrichtungen wurden von Martin Elektrotechnik ausgestattet. „Wir wollen unseren Abnehmern so viel Freiheit wie möglich und so viel Schutz wie nötig bieten“, sagt der Geschäftsführer. „Die Preise hängen stark von den Wünschen des Kunden ab.“ Wichtig dabei sei, wie viele Bewohner das Altenheim hat, ob gewünscht ist, dass der Name in der Kontrollzentrale mit angezeigt wird, oder wie weit der Radius sein soll, in der man die Person „überwachen“ kann. „Der preisliche Rahmen für ein Transponder-System sprengt jedoch selten die 80000-Euro-Marke“. Neun von zehn Abnehmern tragen die Transpondertechnik (RFID) als Armbanduhr. Ein einzelnes Gerät kostet um 220 Euro. Die Technik kann mit GPS kombiniert werden. „In Zukunft werden wir sicher auch mehr an Privatpersonen verkaufen“, meint Martin. Liegen heute die Zahlen der Demenzkranken in Deutschland bei 1,2 Millionen Menschen, schätzen Experten, dass es 2030 bis zu 2,5 Millionen sein können.

Echte Fußfesseln verwendet die Total Walther GmbH aus Köln. Das Traditionsunternehmen gibt es schon seit mehr als 130 Jahren. 2010 stellte es die Technik und Dienstleistung für das Projekt zum Einsatz der elektronischen Fußfessel in Baden-Württemberg bereit, die vom israelischen Unternehmen Elmo-Tech hergestellt werden. „Hierbei handelt es sich um ein GPS-überwachtes System, das sowohl für den elektronisch überwachten Hausarrest genutzt werden kann als auch für eine kontinuierliche Online-Überwachung“, erklärt Walther-Marketingleiter Jens von Ebbe. „Erst wenn das Pilotprojekt im September erfolgreich abgeschlossen sein wird und der Einsatz der elektronischen Fußfessel auch abschließend gesetzlich erlaubt und geregelt ist, können wir Erlöse in diesem Bereich einschätzen.“Dies hänge auch davon ab, ob der Einsatz der Fußfessel bundesweit oder nur in einzelnen Bundesländern erfolgen wird.

Abnehmer der klassischen Fußfessel ist ausschließlich die Justiz. Sechs Probanden waren zum Projektstart dabei. Sie alle erproben ein 170 Gramm leichtes Gerät. Insgesamt 75 Teilnehmer sollen noch ausgestattet werden. Für das Land Baden-Württemberg würde sich die Fußfessel lohnen. Ein Tag im Gefängnis kostet 87 Euro. Ein Tag mit der Fußfessel kostet im Modellversuch rund 27 Euro. „Wenn wir später in den Normalbetrieb übergehen, wird es noch einmal kostengünstiger, weil wir dann die Fixkosten auf eine größere Zahl von Personen umlegen können“, verbreitet der bisherige Justizminister Ulrich Goll in einer Pressemitteilung. Insgesamt wird der Modellversuch das Land rund 150000 Euro kosten. 50000 sind allein für die technischen Dienstleistungen eingeplant. „Die Anfangsphase im November und Dezember verlief durchweg positiv. Wir hatten keinerlei wesentliche Fehlfunktionen oder anderes“, erklärt der Pressesprecher des Landesjustizministeriums, Nils Meppen. „Auch die Rückmeldungen von den Trägern waren alle gut und haben uns gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Nach Auskunft des Justizministeriums gibt es 25 Teilnehmer. Nun hofft man, dass nach dem Regierungswechsel alles beim Alten bleibt und man bis zum 1. September planmäßig weitermachen kann. Erst dann kann das Max-Plack-Institut in Freiburg das gesamte Projekt wissenschaftlich auswerten.

Falls das Projekt Baden-Württemberg gut verläuft, könnte sich ein Markt für elektronische Fußfesseln entwickeln. Vielleicht werden also auch bald in Deutschland Berühmtheiten wie Jörg Kachelmann eine Fußfessel tragen – wenn auch nicht, um auf der Straße damit anzugeben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der fesselnde Freiheitsgedanke
Autor
Julia Söhne
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 26. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance