Auch in besseren Kreisen hat mancher die Nase voll

In besseren Kreisen

Was, er schnäuzt sich nicht durch die Finger? Er muss ein Aristokrat sein. Hängt ihn auf!“ Der französische Revolutionär in „Dantons Tod“ von Georg Büchner hat es sich einfach gemacht. Heute fällt das Stofftaschentuch ebenfalls auf, wenn es benutzt wird – aber aus anderen Gründen.

In der modernen Wegwerfgesellschaft hat es seinen Platz fast endgültig verloren, und nur wenige Unternehmen beschäftigen sich noch mit der Herstellung von Stofftaschentüchern. Im Januar 1929 wurde die Erfolgsgeschichte der traditionsreichen Stoffvierecke beerdigt und das in Glycerin getränkte Papier, das neuere und modernere Taschentuch, kam auf dem Markt. Der Firmenname „Tempo“, den neuen Zeitgeist mit nur zwei Silben beschreibend, entwickelte sich zum Synonym für den Begriff Taschentuch.

In der sich auflösenden Stofftaschentuch-Branche bewegt sich die 1947 in Aunkirchen gegründete Stuco Taschentücher Stuchlik GmbH. Das ehemals kleine Familienunternehmen ist zum Marktführer in Europa avanciert und durchläuft bereits die dritte Generation, derzeit geführt vom Enkel des Gründers Franz Stuchlik. 1947 mit vier Fachkräften angefangen, beschäftigt Stuco derzeit 32 Mitarbeiter in Deutschland. Hierzulande liegt der Marktanteil bei 30 Prozent, und auf europäischer Ebene ist der schwindende Markt zu 15 Prozent erobert worden. „2010 haben wir rund 10 Millionen Stofftaschentücher abgesetzt, und vor allem im deutschsprachigen Raum ist die Nachfrage hoch“, erläutert Ralph Stuchlik. Seit den siebziger Jahren wird nicht mehr in Deutschland hergestellt, da die daraus resultierende Preisgestaltung zu einem vollständigen Verschwinden der Stofftaschentücher geführt hätte. „Es ist unmöglich für uns, in Deutschland zu produzieren, da wir uns so des letzten Funkens Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Papiertaschentüchern berauben würden“, erklärt der Geschäftsführer. Nur durch die Produktionsverlagerung ins kostengünstigere China sei es dem Unternehmen möglich, angemessene Preise zu verlangen, die von den Verbrauchern auch gezahlt werden wollten. Dennoch stelle der Preis nach wie vor eine Barriere für den Erfolg des Produktes dar und liegt aktuell zwischen 20 Cent und 5 Euro je Stück, abhängig von Qualität und Größe. Stuco besitzt in Schanghai eine eigene Fabrik mit 100 Produktionsmitarbeitern und gibt an, dort qualitativ hochwertige und umweltfreundliche Produkte herzustellen, was durch die Zertifizierung mit Öko-Tex Standard 100 belegt wird. „Wir erhalten im Abstand von zwei Wochen jeweils einen Container, der mit 500000 bis 600000 Stofftaschentüchern beladen ist“, sagt Stuchlik. Von den 32 Beschäftigten in Deutschland sind 24 für eine abschließende Qualitätskontrolle und die Abpackung zuständig.

Diese Stückzahl wird jedoch nicht ausschließlich direkt vertrieben, denn Teile der Ladung werden auch an andere Unternehmen verkauft und dort weiterverarbeitet. Zu diesen Geschäftspartnern gehört zum Beispiel Cordula Stanke, die über ihre Internetseite www.stofftaschentuch.de nach individuellen Kundenwünschen bestickte Werke verkauft. Sie kauft bei Stuco das Grundgerüst und verziert und personalisiert dieses anschließend. Allerdings befürchtet sie, dass keine Wiedererstarkung des Stofftaschentuchs eintreten werde, da sich das Tempo zu sehr in den Alltag integriert habe und das unkomplizierte Wegwerfen nach einmaliger Benutzung bevorzugt werde. Das Stofftaschentuch werde nicht mehr als Gebrauchsgegenstand betrachtet, und Anlass der Bestellung sei bei den meisten Kunden ein besonderes Ereignis wie Hochzeit oder Taufe.

Ralph Stuchlik dagegen sieht im zunehmenden Umweltbewusstsein eine Chance für den desertierten Stofftaschentuchmarkt, da so seiner Meinung nach an unnötigem Abfall gespart und auf die Plastikverpackung verzichtet werde. Dennoch sei der Marktanteil gegenüber den Papiertaschentüchern mittlerweile auf unter 1 Prozent gefallen. „Obwohl unser Gesamtabsatz weiterhin leicht nachlässt, erzielen wir durch einen wachsenden Anteil am Stofftaschentuchmarkt und einer am Kunden orientierten Anpassung des Sortiments einen stetig wachsenden Umsatz.“ Der Nettoumsatz konnte unter seiner Leitung in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt werden und lag 2010 bei 5 Millionen Euro, 2008 waren es noch 4 Millionen.

Einigkeit besteht bei den beteiligten Akteuren, dass Stofftaschentücher im Alltag des Normalverbrauchers keine Rolle mehr spielen, für besondere Anlässe die verstaubte Symbolik aber häufig in neuem Glanz erstrahlt. Dabei ist aber nicht ausschließlich mit Aufträgen anlässlich Hochzeit, Taufe oder Geburtstag zu rechnen, auch im Fußballgeschäft finden die Stoffvierecke immer wieder Verwendung, wenn beispielsweise einer aus einem Wettbewerb ausscheidenden Mannschaft zum Abschied gewunken wird. 2010 wurde Karl Teichmann, ein weiterer Geschäftspartner von Stuco völlig unerwartet damit beauftragt, innerhalb von einer Woche 30000 Stofftaschentücher für den 1. FC Kaiserslautern zu bedrucken, dessen Fans so den Wiederaufstieg feierten und sich eindrucksvoll von der 2. Liga verabschieden wollten. Ganz hat das Stofftaschentuch seine Bedeutung also nicht verloren.

Durch Präsenz auf Messen wie der Heimtextil in Frankfurt versucht Stuco Begeisterung für den Artikel zu streuen und ihn am Leben zu halten, doch die Hersteller werden sich die Frage stellen müssen, ob die Gesellschaft nicht schon zu viel Tempo aufgenommen und das einstige Statussymbol gänzlich verabschiedet hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auch in besseren Kreisen hat mancher die Nase voll
Autor
Tom Hoppe
Schule
Goethe-Gymnasium , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 26. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance