Etwas Borstiges zwischen die Zähne kriegen

Etwas Borstiges

Damit die Zähne nicht verschmutzen, muss man sie zweimal täglich putzen. Mit diesem Reim, den noch bis in die neunziger Jahre Grundschulkinder auswendig lernen mussten, versuchte man der mangelnden Zahnhygiene entgegenzuwirken. Heute weiß schon jedes Kind, dass gepflegte Zähne die Voraussetzung für ein schönes Lächeln sind. Und für eine erfolgreiche Kariesprophylaxe kann man nicht nur die herkömmliche Zahnbürste nutzen. Der Durchbruch der Zahnseide ist Julia Roberts in „Pretty Woman“ zu verdanken, die mit einem strahlenden Lächeln ihren Bekanntheitsgrad erhöhte. Ein in Deutschland noch wenig verbreitetes Produkt ist der Interdentalreiniger. Das ist eine speziell hergestellte Zahnbürste zum Reinigen von Zahnzwischenräumen, die die Zahnbürste nicht erreichen kann.

Das Erfolgsgeheimnis der Interbros GmbH, eines der weltweit führenden Produzenten im Bereich Mundhygiene und Zahnbürsten, der als Vorreiter für Interdentalreiniger aus Kunststoff gilt, ist einfach: „Schönau ist umgeben von Wäldern, da bricht die Dunkelheit schneller herein als anderswo. Die Menschen hier haben einfach früher angefangen, an neuen Ideen und Produkten herumzutüfteln“, erklärt der Geschäftsführer der Krallmann-Gruppe Michael Späth. Schon seit 1827 werden in Schönau Bürsten herstellt. Seither haben sich der Name des Unternehmens und die Produktionstechniken mehrfach verändert und weiterentwickelt.

Anfangs wurden nur Bürsten für den Haushaltsbedarf hergestellt, heute entwickelt man die neueste Technologie nicht nur für Zahnbürsten, sondern auch für Interdentalreiniger. Mit ihnen verfolgt man ein ähnliches Ziel wie mit der Nutzung von Zahnseide. Dass die Zahnseide den Interdentalreinigern hierzulande bislang noch den Rang abläuft, liegt wohl an ihrem größeren Bekanntheitsgrad. Knapp vier Meter verbraucht der Deutsche im Jahr.

Die Zahnseide habe den Nachteil, dass man eine gewisse Fingerfertigkeit brauche, erklärt die Zahnärztin Fiorella Scollo aus Riehen in der Schweiz. Die Dentalhygiene sei ein altes Thema, sogar die Steinzeitmenschen hätten schon Hilfsmittel zur Zahnreinigung gehabt. Sie benutzten dünne Weidenzweige, mit denen sie in den Zähnen herumstocherten. Die Weide enthalte den Grundstoff von Aspirin, habe also vermutlich auch schmerzstillende Wirkung. Die heutzutage verwendeten herkömmlichen Zahnhölzchen haben den Nachteil, dass sich Holzsplitter lösen und das Zahnfleisch verletzen können.

Hier greift nun der Interdentalreiniger ein: Das Besondere ist das Material, da die Reiniger von Interbros aus Kunststoff und nicht aus Metall hergestellt werden. Die Verletzungsgefahr ist damit gering. Der Kostenpunkt für 80 solcher Interdentalreiniger liegt bei ungefähr 3 Euro, während Zahnseide je nach Länge und Zusätzen, etwa Wachs, zwischen 1,30 Euro und ebenfalls 3 Euro kostet.

Die Universität Freiburg im Breisgau hat 2010 eine klinische Studie zum Vergleich von metallbasierten Bürsten und Kunststoffbürsten bei Interdentalreinigern durchgeführt. Ziel war es, auch unter medizinischen Gesichtspunkten, also der Wirksamkeit von Plaque-Entfernung und Verletzungsrisiken, einen Unterschied der Bürsten auszumachen. Das Ergebnis: Die Probanden waren mit den Kunststoffbürsten zufriedener, weil diese kein Metall beinhalten,und diese waren genauso wirksam gegen Plaque wie die Bürsten aus Metall.

Produziert wird für die unterschiedlichsten Abnehmer, von Aldi über Schlecker bis zu dm. Der Verkauf findet zur Hauptsache im Ausland statt: Nur 10 Prozent der Interdentalreiniger werden in Deutschland verkauft, der Rest im Ausland. Die Anzahl der produzierten Zahnbürsten liegt bei 80 Millionen im Jahr, der Umsatz des Unternehmens im vergangenen Jahr bei 25 Millionen Euro. Davon entfallen 9 Millionen auf die patentierten Interdentalreiniger. Im Frühjahr dieses Jahres hat dann allerdings nach Zeitungsberichten ein Großabnehmer gekündigt. Weil damit fast die Hälfte des Auftragsvolumens entfallen sind, muss das Unternehmen 102 von 220 Stellen abbauen.

Die zunehmende Beliebtheit von Interdentalreinigern im Ausland erklärt Späth so: „In Amerika und Japan steigt langsam ein Bewusstsein für Zahnhygiene, während in Deutschland dieses Bewusstsein noch nicht sehr ausgeprägt ist.“ Der Deutsche verbrauche im Jahr nur 1,4 Zahnbürsten, obwohl 12 angemessen wären. „Hier haben wir einen enormen Nachholbedarf. Wir müssen die Kunden auf dem Gebiet der Zahnhygiene noch viel stärker sensibilisieren.“ Damit sei es aber noch lange nicht getan: „Auch müssen wir stärker auf die Pflegeprodukte außerhalb von Zahnbürste und Zahnpasta hinweisen.“

Hannes Hauser, Prozess- und Projektmanager der Interbros, erklärt, wie der Erfolg des Unternehmens auch im Kleinen gesucht wird: „Wir reichen die Produktionsabfälle an unsere Partner weiter, die sich darum kümmern, dass aus dem Abfall neue Produkte, etwa in der Bauindustrie, hergestellt werden.“

Das Geschäft mit Hygieneartikeln ist normalerweise keinen großen Konjunkturschwankungen ausgesetzt, da der Markt für die Konsumgüter des täglichen Bedarfs stabil ist. Deswegen war bisher auch das Wachstum der Interbros eher gering, lag aber beständig bei 1,5 Prozent im Jahr. „Vor zehn Jahren gab es Zahnbürste und Zahnpasta, dann wurde das Mundwasser entdeckt, später die Zahnseide. Heute können wir sogar Zungenreiniger kaufen und auf ein breites Warenspektrum für Mundhygiene blicken. Diese Nischenmärkte entwickeln sich ständig weiter“, sagt der Geschäftsführer.

2008 übernahm die Krallmann Gruppe, die ihren Sitz in Hiddenhausen in Nordrhein-Westfalen hat, die Interbros. Als ein wichtiger Konkurrent tritt die schwedische TePe auch auf dem deutschen Markt in Erscheinung. Seit 1998 vertreibt sie ihre Produkte in Deutschland und bietet damit eine Alternative zu den Interdentalreiniger der Interbros. Bei TePe kosten acht Bürsten rund 5 Euro. Diese bestehen aus Draht und haben eine längere Verwendungszeit als die Kunststoffbürsten, die, ähnlich wie Zahnseide, nur einmal angewendet werden sollten.

Das Innovationspotential ist aber noch lange nicht ausgeschöpft. Eine weitere Entwicklungsmöglichkeit wird im „zusätzlichen Wohlbefinden für die Kunden“ gesehen. „Wir können uns durchaus vorstellen, die Dentalreiniger mit Geschmack zu versehen“, sagt Späth.

Informationen zum Beitrag

Titel
Etwas Borstiges zwischen die Zähne kriegen
Autor
Lea Marleen Bernhardt
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Grenzach-Wyhlen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 26. Mai 2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance