Von einem, der Bücher gut riechen kann

Von einem, der Bücher gut riechen kann

Gerhard Steidl könnte wie ein Millionär leben, wenn er sich nur auf das Verlegen von Günter Grass’ „Blechtrommel“ und „The Americans“ von Robert Frank konzentrieren würde. Stattdessen investiert er den Gewinn in Projekte, die ihn selbst interessieren und bei denen er noch etwas lernen kann. „Ich tue es in erster Linie für den Künstler und mich“, sagt der Drucker und Verleger.

Der Umsatz des Steidl Verlags liegt im Jahr bei etwa 12 Millionen Euro. Ein Zehntel davon wird mit Belletristik gemacht, 40 Prozent mit Fotobänden, und die andere Hälfte kommt mit Werbung wie jene für Chanel und Auftragsdrucken zusammen. Jedes Steidl-Buch ist bis hin zum Druck in Göttingen in der Düsteren Straße 4 entstanden. Dort treffen sich mittags die Mitarbeiter zum gemeinsamen Essen, zubereitet vom hauseigenen Koch. Die Küche und der Koch sind eine Investition Steidls, nachdem Günter Grass 1999 den Nobelpreis verliehen bekommen hatte, die Auflage seiner Bücher in die Höhe schnellte und der Umsatz des Buchverlags um mehr als 50 Prozent stieg. Nun ist man gespannt, wie gut sich das neueste Buch von Grass – „Grimms Wörter“ – verkauft. Der Gewinn wird wohl auch wieder in andere kleine Projekte investiert werden.

Der Steidl Verlag agiert weltweit. Die Bücher aus dem Literaturbereich werden hauptsächlich in Deutschland verkauft. Die Fotobücher hingegen werden nur zum kleinen Teil im Inland vertrieben und überwiegend in Europa und vor allem in den Vereinigten Staaten verkauft. Problematisch wurde der große Auslandsanteil des Vertriebs in der Finanzkrise. Es kam zu vielen Remittenden. „Der Umsatz ging um etwa 10 Prozent zurück“, sagt der kaufmännische Leiter Jörg Hartmann. Zum Weihnachtsfest 2009 hatte sich das Geschäft aber wieder erholt, und die Umsätze stiegen. 80 Prozent der Bücher des Steidl Verlags liegen preislich zwischen 50 und 100 Euro. „Ich versuche, die Bücher nicht zu teuer zu machen“, erklärt Steidl. Die auflagenstarken Bücher kommen aus der Belletristik. Um die Druckerei nicht zu überlasten, hatte Steidl die Belletristikproduktion zeitweise ausgelagert. Er musste jedoch feststellen, dass die großen Druckereien seinen Ansprüchen nicht genügen. Er führt dies vor allem darauf zurück, dass es dort nicht um die Qualität des Drucks, sondern einzig um den Gewinn der Aktionäre gehe. Mit solchen Buchfabriken zu arbeiten sei unappetitlich: Die von ihm beauftragten Druckereien wechselten mehrmals den Eigentümer, es handelte sich um eine Massenproduktion, bei der die Buchfabrik die Bücher ausspuckte oder – wie Steidl es empfand – auskotzte. Deshalb druckt er seit zwei Jahren sämtliche Bücher wieder in der Düsteren Straße.

In einer beschränkten Auflage von nur 300 Exemplaren ist das neuste Buch des amerikanischen Künstlers Ed Ruscha mit dem Titel „On the road“ das teuerste. 20 Mal reiste Steidl für dieses Buch nach Amerika. Die 230 auf dem Markt tatsächlich erhältlichen Exemplare kosten mittlerweile etwa 10000 Euro je Stück, Tendenz steigend. Je weniger Bücher noch auf dem Markt erhältlich sind, umso mehr steigen sie im Wert. Dies hat sich wohl auch der Dieb gedacht, der am 8. November 2010 in Paris während der Vernissage der Ausstellung „Steidl. Quand la photo devient livre. De Robert Frank à Karl Lagerfeld“ ein von Steidl verlegtes Exemplar der französischen Ausgabe von „The Americans“ gestohlen hat. Diese französische Ausgabe muss Steidl nämlich so lange unter Verschluss halten, bis der ursprüngliche Verleger der französischen Ausgabe, Robert Delpire, verstorben ist. So will es ein Vertrag, den der heute 86 Jahre alte Robert Frank vor vielen Jahren mit dem ebenso betagten Verleger abgeschlossen hatte. Keiner der beiden kann die Vertragspapiere finden, doch Steidl glaubt dem französischen Verleger und will die Freundschaft der beiden alten Herren nicht belasten. „Im Übrigen wünsche ich ihm ein langes Leben“, versichert Gerhard Steidl.

Steidls Bücher sind keine Industrieprodukte, sondern Kunstwerke. Jedes Buch bekommt ein individuelles Format, das dem Inhalt angepasst wird. Steidl sucht für jedes Buch gemeinsam mit dem Künstler das passende Papier und Design aus. Mit Hilfe seiner 45 Mitarbeiter versucht er mit dem Künstler ein Buch zu schaffen, das alle Sinne anspricht. Vor allem der Geruch eines Buches sei wichtig. „Der wunderbare Geruch gehört eben auch zu dem Erlebnis beim Betrachten eines Buches“, betont der Göttinger Verleger. Die heutige Industrie wolle gar nicht, dass Bücher gut riechen, erklärte er im Interview mit Ulrich Wickert. Damit die fertig gedruckten Seiten so schnell wie möglich abtransportiert werden können, wird heutzutage ein Dispensionslack aufgebracht, der in zehn Minuten trocken ist. Dieses Verfahren zerstört den typischen Geruch. Die Farben, die Steidl benutzt, sind aus regenerativen Rohstoffen, die teilweise 24 oder sogar 48 Stunden Trockenzeit brauchen. Vielen Druckern ist dies zu uneffektiv. Aber dafür kann Steidl sagen: „Ich habe kürzlich festgestellt, dass meine Bücher auch noch nach 20 Jahren gut riechen.“

Die besondere und individuelle Arbeit zwischen dem Verlag und dem jeweiligen Künstler bewirkt, dass berühmte Personen wie Günter Grass, Karl Lagerfeld oder Keanu Reeves sich zu einer Zusammenarbeit mit ihm entscheiden. Die Künstler kommen in die Düstere Straße 4, sollen bei jedem einzelnen Produktionsschritt ihres Buches dabei sein und natürlich auch aktiv mitwirken.

In einem Jahr werden 20 bis 25 Titel aus dem Literaturbereich produziert und etwa 230 Titel aus dem Fotobuchbereich; dafür werden 2000 Tonnen Papier bewegt. Der Steidl Verlag besitzt das größte Fotobuchprogramm der Welt. Diese Leidenschaft Steidls für die Fotografie kommt wohl daher, dass er als junger Mann selbst Fotograf werden wollte, bis er aber schließlich meinte, dass seine Fotos nicht so gut seien. Er fotografierte unter anderem Plakate für das Junge Theater Göttingen. Dabei stellte er fest, dass ein Schwarzweißfoto von ihm von der damals beauftragten Druckerei nur in Grautönen wiedergegeben werden konnte. Damit wollte er sich nicht zufriedengeben. Er nervte die Mitarbeiter der Druckerei mit eigenen Druckvorschlägen, was das Ergebnis in seinen Augen zwar verbesserte, aber nicht optimierte. So entschied er sich, selbst zu drucken. Zunächst druckte er Plakate und Multiples, unter anderem von Klaus Staeck und Joseph Beuys. Das erste Buch, das im Steidl Verlag erschien, war 1972 der Titel: „Befragung zur documenta“. Anfang der achtziger Jahre erschienen dann die ersten Fotobücher.

Steidl sagt von sich, er habe keine Konkurrenz. Wenn er ein gutes Buch sieht, ärgert er sich nicht, dass ihm jemand einen Auftrag weggeschnappt hat. „Ich habe selbst genug Aufträge“, erklärt er. Der Verlag ist bis 2013/2014 ausgebucht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von einem, der Bücher gut riechen kann
Autor
Leonie Duell
Schule
Felix-Klein-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance