Plötzlich hatte man eine Leiche im Keller

Plötzlich hatte man eine Leiche im Keller

Wenn Menschen eines unnatürlichen Todes sterben, ist die Reinigung des Ortes, an dem sie aufgefunden werden, oft nicht einfach. In Deutschland gibt es einige Unternehmen, die sich auf die Aufbereitung der Tatorte spezialisiert haben. Sie kommen aus der Gebäudereinigungs- oder der Desinfektionsbranche.

 

Ein kleiner Scherz zwischendurch klingt für Außenstehende makaber. „Er ist aber die beste Möglichkeit, den nötigen Abstand zu wahren“, meint Bert Frauenstein, Geschäftsführer der NVN Nürnberger & Frauenstein GbR. „Denn der Anblick von Blut oder anderen Körperflüssigkeiten ist nicht so belastend wie der Einblick in die letzten Minuten eines Menschen, den man vor Ort bekommt.“

Aus einem eher zufälligen Anlass heraus wurde im Jahr 2006 das Dienstleistungsangebot der NVN Nürnberger & Frauenstein GbR, die seit Beginn des Jahrhunderts in der Haushalts-, Gewerbe- und Industrieauflösung tätig ist, um den Bereich Tatortreinigung erweitert. Bei einer kompletten Wohnungsrenovierung fand man eine bisher unentdeckte Leiche, die die Mitarbeiter des Unternehmens vor Probleme stellte. Da die Leiche schon einige Zeit am Fundort lag, galt es nun, den penetranten Verwesungsgeruch und Ungeziefer zu entfernen.

Dieses Ereignis gab der Geschäftsführung den Anlass, ernsthaft über die Erweiterung des Leistungsspektrums um Tatortreinigung nachzudenken. Inzwischen sind die Reinigung von Leichenfundorten nach Suizid, Verbrechen, hochinfektiösen Krankheiten und Unglücksfällen sowie Desinfektionsmaßnahmen, Schädlingsbekämpfung, Entwesung, Geruchsneutralisation und Spezialreinigung ein fester Bestandteil des Dienstleistungsangebots der NVN. Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, wurde ein hoher fünfstelliger Betrag in moderne Reinigungsmaschinen wie Ozongeneratoren und Kaltvernebler investiert, und die Mitarbeiter wurden entsprechend qualifiziert. „Von unseren 13 Mitarbeitern sind sieben geprüfte Desinfektoren; zwei von ihnen sogar gemäß ISO EN 17024 zertifizierte Sachverständige im Desinfektionswesen, wodurch den Anforderungen nach Hygiene und Sterilität Rechnung getragen wird“, betont Frauenstein. Die Ausbildung erfolgt in einem dreiwöchigen Intensivkurs, der 112 Unterrichtsstunden zu 45 Minuten umfasst. Die für NVN arbeitenden zertifizierten Sachverständigen gehören deutschlandweit zu den ersten in dieser Branche, die ein solches Zertifikat erhielten.

In Deutschland ist Tatortreiniger keine geschützte Berufsbezeichnung. Die jeweiligen Unternehmen gehören, je nach dem weiteren Leistungsangebot, entweder zur Gebäudereinigungs- oder der Desinfektionsbranche. Wie viele Tatortreinigungsunternehmen es in Deutschland gibt, ist unbekannt. Laut Christine Sudhop, stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks, gibt es bundesweit rund 35000 Gebäudereinigungsbetriebe. Bis auf wenige Ausnahmen würden Tatortreinigungen in Deutschland von ganz normalen Gebäudereinigungsbetrieben durchgeführt, sagt sie. Guido Hahn, Referent für Betriebsberatung und Öffentlichkeitsarbeit der Gebäudereiniger-Innung Hessen, schätzt die Zahl spezialisierter Tatortreinigungsunternehmen in Deutschland auf etwa hundert.

NVN wird als Familienbetrieb geführt und hat seinen Sitz in Griesheim bei Darmstadt. Aufträge zur Tatortreinigung werden in einem Gebiet mit einem Radius von rund 350 Kilometern um den Firmensitz angenommen. Das Einzugsgebiet erstreckt sich bis nach Duisburg im Nordwesten Deutschlands, Stuttgart im Süden, Regensburg im Südosten und Halle im Osten. Die Auftraggeber sind überwiegend Privatpersonen, Wohnungseigentümer und die Polizei, aber auch Bestatter und Nachlassverwalter. Da NVN die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) beachtet, wird das Unternehmen auch von Behörden für die Tatortreinigung ausgewählt. Das RKI ist die zentrale Institution des Bundesgesundheitsministeriums für Überwachung und Prävention von Infektionskrankheiten.

15 bis 20 Prozent des gesamten Auftragsvolumens der NVN entfallen mittlerweile auf die Tatortreinigung in Verbindung mit Leichenfunden, wobei drei Viertel mit natürlichem Tod und ein Viertel mit Mord und Suizid einhergehen. Da für Bert Frauenstein und seine Mitarbeiter Diskretion an oberster Stelle steht, werden Referenzen nicht zu Werbezwecken verwendet. Außerdem tragen die Einsatzfahrzeuge keinen Firmenschriftzug. Stattdessen versucht man, durch das Hinterlegen der Firmeninformationen bei der Auskunft und im Internet auf sich aufmerksam zu machen. Zusätzlich stellt sich das Unternehmen direkt bei Nachlassverwaltern, Anwälten und dem Ordnungsamt vor. „Der Erstkontakt ist dabei oft entscheidend“, meint Frauenstein.

Eine Besichtigung des Tatorts inklusive An- und Abfahrt erfolge innerhalb von 24 Stunden nach Auftragseingang und sei, wie die Angebotserstellung, generell kostenfrei, sagt Frauenstein. Dauer und Kosten einer Tatortreinigung variieren aber. Sie hingen in erster Linie von der Größe des kontaminierten Raumes, den betroffenen Materialien und dem Ausmaß der Verschmutzung ab. Bei frisch begangenen Taten dauere eine Tatortreinigung im Durchschnitt ein bis drei Stunden, bei längerer Liegezeit mit Schädlingsbekämpfung und umfassender Wohnungssanierung könne sie auch über 24 Stunden hinausgehen. Meistens seien zwei Mitarbeiter im Einsatz. Die Kosten lägen im erstgenannten Fall bei 400 bis 700 Euro, im letztgenannten Fall bei 2000 bis 5000 Euro. Hauptfaktoren seien neben Personalkosten die Kosten für die eingesetzten Geräte sowie für die Ausrüstung der Desinfektoren, zum Beispiel Filtermasken, Einweganzüge, Hand- und Überschuhe.

Da Tatortreinigungen nicht planbar sind, sei es verständlich, dass das Unternehmen 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr zu erreichen ist. Folglich sei der Arbeitstag eines Desinfektors nicht durch einen regelmäßigen Ablauf gekennzeichnet, sondern erfordere ein hohes Maß an Flexibilität. „Hierbei kommt uns bei der Personaleinsatzplanung entgegen, dass die Mehrheit unserer Mitarbeiter zertifiziert ist“, merkt Frauenstein an.

Im Jahr 2010 hatte das Unternehmen etwa 120 Aufträge zur Tatortreinigung. 2009 waren es 96. „Eine Auftragssteigerung von etwa 20 Prozent konnten wir auch schon in den letzten Jahren beobachten“, sagt der Geschäftsführer. Gründe hierfür sieht Frauenstein erstens in den intensiven Werbemaßnahmen seines Unternehmens. Ungefähr 40 Prozent des Gewinns werden dafür jährlich ausgegeben. Zweitens würden aufgrund der gestiegenen hygienischen Anforderungen immer mehr Tatortreinigungen, die heute noch von Privatpersonen oder Hausmeistern vorgenommen werden, von zertifizierten Desinfektoren durchgeführt. Für das Jahr 2011 wird der Umsatz der NVN auf etwa 400000 bis 600000 Euro geschätzt.

Für die Zukunft hat Bert Frauenstein bereits neue Ideen. Zum einen möchte er ein Schulungsprogramm für angehende Tatortreiniger entwickeln, zum anderen sieht er in der Reinigung und Desinfektion von Brauchwasserleitungen ein potentielles Geschäftsfeld.

Informationen zum Beitrag

Titel
Plötzlich hatte man eine Leiche im Keller
Autor
Julia Halberstadt
Schule
Winfriedschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance