Die Wolllust im Saum halten

Häkeln und Stricken

Dass Omas nur zum Hüten der Kinder taugen, ist ein Vorurteil. Sie haben Talente, die bares Geld wert sein können. Zum Beispiel Häkeln und Stricken.

Früher musste man die kratzigen selbstgemachten Strumpfhosen und Socken der strickenden und häkelnden Verwandtschaft anziehen, weil man nichts anderes zur Verfügung hatte. Heutzutage dagegen sind altbekannte Handarbeiten im Trend, sie haben längst das angestaubte Image von früher verloren. Der Kunde von heute wünscht sich oft ein individuelles Einzelstück, das er nach seinen eigenen Vorstellungen mitkreieren will.

Auch der 26 Jahre alte Student der Betriebswirtschaft Moritz Bender hatte ganz eigene Vorstellungen, wie seine Kopfbedeckung beim Skifahren aussehen sollte. „Der Bommel auf der Mütze muss auf jeden Fall pink sein, und die Mütze muss sich vom restlichen Outfit abheben“, erklärt der Student. Nachdem Bender dann in seiner Heimat im Saarland und am Studienort rund um Innsbruck in allen Läden vergeblich nach einer solchen Mütze gesucht hatte, sprang seine Mutter Margot ein und häkelte ihm die gewünschte Mütze.

Aber nicht nur Moritz Bender gefiel seine Kopfbedeckung richtig gut, Mitstudenten und Passanten auf der Straße fragten ihn, woher er die Mütze mit der auffallenden Farbkombination habe. Dies war die Geburtstunde der „Pink Bommel“ im Jahr 2008. Seither steigt der Umsatz mit den selbstgemachten Mützen und sonstigen Accessoires stetig.

Pink Bommel ist ein reines Familienunternehmen, bei dem der Chef selbst mithäkelt. Die wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in seinem kleinen Unternehmen sind seine Mutter, seine Freundin und die Omas, die fleißig häkeln. Da die Nachfrage nach den selbstgefertigten Mützen so groß ist, werden jedem häkelnden Familienmitglied Aufgaben zugeteilt. So fertigt Mutter Margot normalerweise das Grundmodell, und die Omas nähen in der Regel das weiche elastische Innenfleece ein. „Manchmal häkele ich auch selbst mit. Ich habe das Häkeln nach der Firmengründung gelernt“, erklärt Moritz Bender, „Allerdings habe ich am Anfang größere Probleme gehabt und habe ab und zu doch die eine oder andere Masche vergessen.“

Die Mützen werden in den Farben und Materialien gehäkelt, die den Kunden am besten gefallen. „Die Mütze kann selbstverständlich auch mit einer Aufschrift oder sogar mit Zeichnungen versehen werden“, führt Bender aus. Einer der Kunden war die Skischule Innsbruck. Auf den Pisten sah man die Skilehrer sofort, und vor allem die Kinder im Skikurs erkannten sie aufgrund der pinkfarbenen Bommel schnell.

Aber nicht nur im österreichischen Winter stellt man Anfragen. Es gibt auch eine Sommerkollektion. Im Sommer werden handgemachte Stirnbänder, Krawatten, Armlinge und Schirmmützen gewünscht. Wie bei den Wintermützen wird hier auch die komplette Farb- und Materialkombination aus Mikrofaser, Baumwolle oder Wolle angeboten.

Nach Aussage Benders wird man nicht reich von seiner Geschäftsidee, allerdings könne sein Familienunternehmen gut davon leben. Bisher wurden mehr als 1000 Handarbeitswaren verkauft. Eine handgefertigte Mütze kostet im Verkauf bis zu 55 Euro, abhängig von Materialien und Ausführungswünschen. Stirnbänder der Sommerkollektion sind bereits ab 30 Euro zu erwerben.

„In meiner Studentenbude stapeln sich schon die Mützen, und zu Hause bei den Eltern lagert mein Vater auch die handgemachten Waren“, erklärt Moritz Bender. Wichtig für seine Geschäftsidee ist, dass die Omas Spaß dabei haben. Seine Mitarbeiter werden nicht bar bezahlt, sondern zu Ausflügen oder zum Essen eingeladen. „Das einzige Problem ist das hohe Durchschnittsalter unserer Mitarbeiter“, sagt Bender.

Auch der schwäbische Unternehmer Manfred Schmidt aus Stuttgart kennt die Sorge, dass seine Mitarbeiter schon betagt sind. Schmidt ist Inhaber des Unternehmens „Oma Schmidt’s Masche“ und vertreibt über einen Shop im Internet und in einem Ladengeschäft in Stuttgart als Einzelkaufmann Selbstgehäkeltes, das von Rentnern hergestellt wird. Die Geschäftsidee geht auf seine 78 Jahre alte Großmutter Theresia zurück. Sie häkelt schon seit 70 Jahren und hat somit viel Erfahrung. Nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes intensivierte sie ihre Häkelarbeiten. Sie fertigte Wollbeutel für Taschentücher, Topflappen und Hütchen für Klopapier an und überhäufte ihren Enkel Manfred mit ihren Häkelkünsten. Der fand diese Produkte so ausgefallen, dass er sie ein wenig aufpeppte und dann versuchte, sie über das Internet zu vermarkten. Das führte im Jahr 2006 schnell zum Erfolg. Zur Sicherheit arbeitete der Enkel Manfred noch zwei Jahre in seinem Beruf als Architekt, bevor er sich ganz seiner Einzelfirma widmete.

Die Nachfrage nach den teilweise kuriosen Teilen, die die Omas nach eigenem Muster fertigen, wird immer größer. Der Umsatz liegt zwar noch nicht im sechsstelligen Bereich, allerdings ist die Zukunftsprognose auch für das nächste Jahr positiv. „Die Idee und die Umsetzung haben sich etabliert, und ich bestreite seit Mitte 2008 hauptberuflich meinen Lebensunterhalt damit. Die Omas verdienen sich etwas zu ihrer Rente dazu und freuen sich sehr über eine Aufgabe.“

Es gibt insgesamt 50 Omas bei Oma Schmidt’s Masche. Hat Schmidt eine neue Häkelaufgabe für seine Omas, schickt er eine Nachricht herum und fragt, wer gerne häkeln möchte. Das Geld, das die Omas mit ihren Häkelarbeiten verdienen, sprechen sie immer wieder neu mit Schmidt ab. Manfred Schmidts Masche hat auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt. „Ich will, dass auch die Senioren in unserer Gesellschaft noch integriert sind und, wenn sie wollen, eine Beschäftigungsmöglichkeit haben“, erklärt er. „Es macht großen Spaß, mit den Omas und Opas zu arbeiten, denn sie gehören noch lange nicht zum alten Eisen.“

Viele Senioren möchten nicht nur ihren Ruhestand genießen, sie wollen noch am aktiven Arbeitsleben teilhaben. Auch den Laden in der Stuttgarter Innenstadt leitet eine ältere Dame. Oma Gerda Held aus Stuttgart hilft bei Bedarf im Laden aus und erklärt: „Selbstverständlich ist es schön, dass ich mir meine Rente durch die Beschäftigung etwas aufbessern kann. Mir ist aber besonders wichtig, dass ich noch etwas Sinnvolles zu tun habe und nicht nur alleine in meiner Wohnung herumsitze.“ Oma bei Manfred Schmidt wird man nicht nur so, sondern man muss tatsächlich mindestens ein Enkelkind in seiner Familie haben. Dies gilt auch für die Opas. „Im Zuge der Gleichberechtigung dürfen selbstverständlich jetzt auch Opas bei uns arbeiten, allerdings sind sie noch deutlich in der Unterzahl“, erklärt Schmidt.

Bemerkenswert sind auch die ausgefallenen Designs der Seniorinnen. Im Stuttgarter Ladengeschäft und über das Internet kann man Handytaschen, Laptopschutzhüllen, Klopapierhüte und Anhänger mit Frosch- oder Elchköpfen erstehen. Und den Stuttgarter Fernsehturm im Häkeldesign für 39,50 Euro. Oder etwas nach eigenen Wünschen.

Die aktiven Großmütter aus Stuttgart leisten zugleich politischen Widerstand mit der Häkelnadel. So bietet Manfred Schmidt „widerstandsfähige Topflappen mit eingehäkeltem K21-Motiv“ für 29,50 Euro das Paar an. Die Mehrheit der Stuttgarter Omas häkelt gegen den geplanten Durchgangsbahnhof in Stuttgart, da sie an den Protestmärschen nicht mehr aktiv teilnehmen können. Oma Theresia sagt: „Die Sachen bei uns haben nicht nur einen Preis, sondern sie haben auch einen Wert.“

Im Ladengeschäft von Manfred Schmidt kaufte sich Gertrud Berger aus Leonberg ein Topflappenpaar mit dem eingehäkelten Logo des VfB Stuttgart. „Ich finde, die Topflappen sind nicht billig, aber sie sind ihren Preis wert, wenn man bedenkt, dass sie doppelseitig gehäkelt sind und diese Handarbeit wohl viel Zeit in Anspruch genommen hat.“ Berger findet die Geschäftsidee mit den Senioren klasse und will sie durch ihren Kauf unterstützen. „Ich bin bereit, für ein wirklich gutes und ausgefallenes Produkt mehr zu bezahlen als für ein Produkt von der Stange“, sagt Berger.

Wer dem Häkeln und Stricken nicht alleine zu Hause nachgehen will und vielleicht gar nicht weiß, wie die Handarbeiten herzustellen sind, der kann einen Kurs bei einer der Omas belegen. „Wir haben zwar auch Strickkurse, aber auf den Häkelkursen liegt der Fokus“, erklärt Schmidt. Eine Kursstunde zu 90 Minuten kostet 25 Euro. Die Häkelstunden sind auch im Dreierpack für 67,50 oder Sechserpack für 125 Euro buchbar. In einen Kurs kommen höchstens drei Leute, damit intensiv gelernt werden kann. Am Ende winkt ein Häkeldiplom. Die Kurse sind gefragt, vor allem bei Frauen zwischen 17 und 65 Jahren. Bisher wurde erst ein Mann gesichtet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Wolllust im Saum halten
Autor
Ann Sophie Fischer
Schule
Johannes-Kepler-Gymnasium , Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance