Die Geliebte im Sturm erobern

Ob Andrew, George oder Hugo, die bekanntesten Hurrikane oder Stürme haben alle einen Namen. Jeder einzelne von ihnen wurde vom amerikanischen Wetterdienst getauft. Doch wer denkt sich eigentlich die Namen für die kleineren Stürme oder Hoch- und Tiefdruckgebiete aus?

1954 regte die damalige Studentin der FU Berlin und spätere ZDF-Fernsehmeteorologin Karla Wege an, auch den Druckgebilden in Mitteleuropa Namen zu geben. Zur besseren Verfolgung der Wettersysteme in den Wetterkarten wurden in alphabetischer Reihenfolge Tiefdruckwirbel mit weiblichen und Hochdruckgebiete mit männlichen Vornamen belegt. Dazu gab es zehn Durchgänge durchs Alphabet (also 260 Namen für Hochs und 260 Namen für Tiefs), die nacheinander abgearbeitet wurden, bis man wieder mit der ersten Liste begann. Erst als die Orkantiefs Vivian und Wiebke 1990 über Deutschland tobten, wurden die Medien auf die Namensgebung aufmerksam. Die Diskussion über Gleichberechtigung führte 1998 dazu, dass ein jährlich wechselnder Turnus eingeführt wurde, mal den Hochs und mal den Tiefs weibliche Vornamen zu geben.

Im Jahr 2002 kam es an der Station der FU Berlin zu einer Verkürzung der Wetterbeobachtung von 24 auf 8 Stunden. Den Meteorologiestudenten gefiel das nicht. Also dachten sie sich die Aktion Wetterpate aus. Dahinter steckt die Idee, Namen an alle Hoch- und Tiefdruckgebiete in Mitteleuropa vergeben zu lassen und dafür Geld zu verlangen. Heute erzielt das Wetterpatenschaftsprojekt einen jährlichen Umsatz von 36000 Euro. Je nach Jahreszeit und Saisonstart (Ende September, Anfang Oktober) erhalten die Studenten unterschiedlich viele Anträge. So kam es dazu, dass im vergangenen Jahr während der Startsaison innerhalb von drei Tagen 120 Wetterpatenschaftsanträge angenommen wurden. Wir sind nicht auf Gewinn aus, alle Studenten, die an diesem Projekt beteiligt sind, erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung, sagt Julia Sieland, Meteorologiestudentin der FU Berlin, die sich ehrenamtlich für die Wetterpatenschaft engagiert. Insgesamt arbeiten 23 Studenten und 5 Meteorologen an dem Projekt Wetterpatenschaft. Die ausgebildeten Meteorologen sind für die Namensvergabe zuständig und eigentlich für die Berlinwetterkarte tätig. Die Studenten teilen sich die organisatorische Arbeit und die Wetterbeobachtung. Außerdem schreiben sie die Lebensgeschichte der jeweiligen Hoch- und Tiefdruckgebiete auf.

Bisher verzeichnete man 1000 Wetterpaten aus 13 europäischen Ländern sowie aus Japan und den Vereinigten Staaten. Konkurrenz gibt es eigentlich keine. Bis auf den norwegischen und den amerikanischen Wetterdienst vergeben keine anderen Länder Namen, wobei nur das Berliner Institut für Meteorologie die Möglichkeit bietet, alltägliche Hochs und Tiefs mit Namen zu versehen, unabhängig davon, ob sich dieses noch zu einem Sturm entwickelt oder nicht.

Die Namensvergabe verläuft so: Es gibt jährlich immer zwei bis drei Durchgänge durchs Alphabet, dessen Reihenfolge eingehalten wird, es gibt also eine Warteliste. Im Jahr 2012 tragen die Hochs übrigens männliche Vornamen. Des Weiteren kann man inzwischen auf Ebay freie Buchstaben ersteigern. Die Preise für eine Patenschaft sind kein Schnäppchen. Ein Tief kostet 199 Euro und ein Hoch 299 Euro, da es normalerweise länger am Leben bleibt. Jeder Wetterpate erhält eine individuelle Patenschaftsurkunde mit der zugehörigen Lebensgeschichte und eine Berliner Wetterkarte, auf der die jeweils getauften Hochs und Tiefs zu sehen sind. Bei den Namensvorschlägen muss es sich um standesamtlich anerkannte Vornamen handeln.

Solche Wetterpatenschaften werden gerne verschenkt. Julia Sieland spricht von einem besonderen Geschenk für einen besonderen Menschen. Der Kundenkreis ist bunt gefächert, er reicht von Schulkindern bis zu älteren Menschen. Es kann sogar vorkommen, dass die getauften Hochs und Tiefs im Fernsehen erwähnt werden, wenn sie dann ausschlaggebend für die jeweilige Wetterlage sind. Die Studenten wollen mit dieser Aktion lediglich ihre lange Klimabeobachtungsreihe weiterführen. Man könnte eventuell für Stürme und Orkane eine Zusatzpauschale verlangen. Aber leider sind wir keine Wirtschaftsstudenten, sondern nur Meteorologiestudenten. Und außerdem reicht das Geld momentan noch aus. Dennoch freuen wir uns natürlich über jede Spende, sagt Sieland.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Geliebte im Sturm erobern
Autor
Kevin Cui
Schule
Gymnasium Ohmoor , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance