Die Deutschen schicken den Kaktus in die Wüste

Kaktus

Im Dritten Reich mussten sie unter dem Ladentisch gehandelt werden, die DDR erreichten die Samen geschmuggelt in der Pralinenschachtel. Kakteen-Haage aus Erfurt ist die älteste Zucht Europas und liefert heute bis nach Abu Dhabi.

Die Ehre, Namensgeber für eine Pflanze zu sein, wird nicht jedem zuteil. Walther Haage, damals Inhaber des Familienbetriebs Kakteen-Haage in Erfurt und bekannter Sachbuchautor, ließ sich auch von der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg nicht davon abhalten, Expeditionen zur Vergrößerung seines Sortiments nach Amerika zu unternehmen. Nach ihm wurde der Kaktus Haageocereus benannt. Er ist damit vielleicht das bekannteste Mitglied der Gärtnerfamilie.

Damals hatte der Betrieb schon einiges hinter sich: Kakteen-Haage ist nicht nur die älteste Kakteenzucht Europas, sondern auch das älteste Versandgeschäft Deutschlands. Den Grundstein der Kakteenzucht hatte Walthers Urgroßvater Friedrich Adolph Haage gelegt, der das Gärtnern am Hof des Königs Friedrich August von Sachsen erlernte. Er rettete dort durch geschickte Pflege einen Kaktus, von dem er zum Dank einen Steckling mit nach Hause nehmen durfte. Erfolgsrezepte seiner Handels- und Samengärtnerei, die er 1822 gründete, waren seiner Zeit vorausgehende Ideen. Er war einer der Ersten, die Zeitungsanzeigen zu Werbezwecken verwandten, und Begründer des Versandhandels im Gartenbau.

In der jüngeren Geschichte hat der Betrieb einige Stürme überstanden. Als im Dritten Reich der Volksernährungsplan erschien und alle Gärtner zum Gemüseanbau verpflichtet wurden, spezialisierte sich Walther Haage darauf, Sojabohnen im Gewächshaus so heranzuzüchten, dass sie möglichst viel Eiweiß enthielten. Die Kakteen konnten nur unter den Tischen weitergehalten werden, weil sie als „nichtarisch“ angesehen wurden.

In der DDR waren Kakteen höchst beliebt, wohl weil die Bewohner nicht in die warmen Südländer reisen konnten. Kakteen-Haage wurde zur „Brigade Kakteenzucht des VEG (Volkseigenes Gut) Saatzucht, Zierpflanzen“. Wegen des Fachkräftemangels wurde die Leitung Walthers Sohn Hans-Friedrich übertragen. Er verfünffachte die Produktionsfläche durch den Bau von fünf jeweils 600 Quadratmeter großen Gewächshäusern. „Offiziell bekamen wir keinen Nachschub aus dem Westen. Meine Eltern sorgten viel für Saatgut aus eigener Quelle, von ihren Pflanzen. Außerdem hatten wir noch Geld von den verkauften Büchern, von dem wir uns neue Pflanzen kaufen konnten. Aber wir hielten auch Kontakt zu unseren Verwandten in Darmstadt. Sie schickten uns immer wieder Blechbüchsen. Unter der obersten Schicht Pralinen fanden wir dann Samen von neuen Pflanzen aus dem Westen“, erklärt Ulrich Haage, der derzeitige Chef, der die Gärtnerei 175 Jahre nach ihrer Gründung übernommen hat.

Kurz nach der Wende waren die alten Verbindungen zu westdeutschen Kakteenzüchtern und Botanikern wiederhergestellt. Besonders in Erinnerung hat Ulrich Haage eine Reise nach Österreich kurz nach der Wende, wo er mit Lieferanten aus Ungarn Kakteen gegen Bonsais eintauschen wollte. Weil aber seit 1972 eine Ausfuhrgenehmigung für unter Artenschutz stehende Kakteen notwendig ist, entwickelte sich diese Reise als „mittelschwere Katastrophe“. Da es keine einheitliche Grenze der EU gab, stellte es sich nämlich als ziemlich umständlich heraus, mit den Pflanzen nach Österreich zu gelangen, um die als „kakteennah“ geltenden extrakleinen Zierpflanzen abzuholen.

Der größte Teil der Umsätze von Kakteen-Haage stammt mittlerweile aus dem Versandhandel. Die meisten Produkte werden nach Chemnitz oder ins Ruhrgebiet verschickt. Es kommt aber auch zu Lieferungen in alle Welt. Vor kurzem gab es sogar einen Auftrag von einem Scheich aus Abu Dhabi, der sich ein paar Exemplare zur Zierde wünschte. Früher waren Kakteenkunden vorwiegend ältere, gerade in den Ruhestand gekommene Herren, die sie sich zum Hobby machten. Da zeigt sich mittlerweile ein deutlicher Wandel zu neuen Käuferschichten wie jungen Frauen und Pärchen.

Aber nicht nur die Lieferungen laufen weltweit ab. Den größten Teil der zur Sortimentserweiterung benötigten Samen bezieht Kakteen-Haage aus Deutschland. Doch es gibt auch Einkäufe aus Südafrika, Italien, Belgien, Polen, Russland, China und Amerika. Der Kundenkreis von Kakteen-Haage besteht zu 98 Prozent aus Privatkunden. Diese „kleinen Fachleute“ kennen sich meist intensiv mit Kakteen aus und kaufen sich immer wieder neue Arten. Das hat sich erst in den vergangenen zwanzig Jahren so entwickelt. Vor dem Mauerfall war der Kundenkreis in der DDR noch nicht so groß. Aber viele ehemalige Kunden, die jetzt mitbekommen, dass Kakteen-Haage weiter existiert, fragen ganz überrascht: „Sie verkaufen immer noch?“, berichtet Ulrich Haage.

Derzeit hat Kakteen-Haage rund zwei Millionen Kakteen zum Durchschnittspreis von 4,50 bis 5,50 Euro in Erfurt. Die kleinste verkaufte Kaktusart ist Blossfeldia liliputana. Sie wird noch nicht einmal einen Zentimeter groß. Die größte bisher verkaufte Pflanze war ein fast vier Meter hoher, mit dem Schiff eingefahrener Saguaro Kaktus, die Symbolpflanze Arizonas. Er war mit fast 30 000 DM auch das teuerste je von Kakteen-Haage verkaufte Exemplar. Der derzeit älteste Kaktus bei Kakteen-Haage ist unverkäuflich. Die mittlerweile auf mehr als 200 Jahre geschätzte Soehrensia ist durch einen zwischen 1921 und 1929 erschienenen Zeitungsartikel bekannt geworden, weil sie die erste ihrer Art war, die in Gefangenschaft blühte. Am unteren Ende der Preisskala gibt es freilich Kakteen schon für einen Euro.

Mit welchen Produkten man die höchste Gewinnspanne erzielt, müsse scharf kalkuliert werden, erklärt Ulrich Haage. „Bei einem teuren Einkauf einer fingernagelgroßen Pflanze, deren Preis wegen Seltenheit bei 60 Euro je Stück liegt, kann es gut vorkommen, dass man hinterher nur um die 75 bis 78 Euro dafür bekommt.“ Da auch ein paar der Pflanzen absterben könnten, komme es schnell zu Verlustgeschäften. Cristaten zum Beispiel sind teuer, sie werden nur selten gekauft. Diese Kakteen sind nicht ganz grün, sie haben auch weiße und gelbe Stellen.

Der Gesamtumsatz, der mit 14 Mitarbeitern erzielt wird, steigt kontinuierlich; er liegt jetzt bei ungefähr 750000 Euro im Jahr. Vor der Euro-Umstellung lag er noch bei 600000 DM. Der Gewinn schwankt zwischen 20000 und 30000 Euro.

Auch am Markt für Kakteen gibt es Modewellen. Zurzeit liegt der Schwerpunkt der Nachfrage auf Blattkakteen mit großen Blüten und winterharten Pflanzen. Zusätzlich gibt es noch eine kleine Strömung des Schamanismus für Heilpflanzen. Im vergangenen Jahr wurde das Geschäft ruhiger, meint Haage. Auf dem internationalen Markt sieht er dennoch großes Wachstumspotential, obwohl er diesen globalen Markt als nicht wirklich transparent einschätzt. „Der größte Unterschied in den letzten hundert Jahren sind die Interessen der Kunden. Früher hat man die Pflanzen beim Gärtner um die Ecke umtopfen lassen oder sich selbst darum gekümmert, versuchsweise irgendwelche Erdmischungen zusammenzustellen. Mittlerweile hat sich die Nachfrage nach Serviceleistungen aber soweit verändert, dass viele die den Bedürfnissen der Pflanzen angepassten Spezialmischungen von Erdkomponenten erwerben wollen“, erklärt er. Zusätzlich gibt es eigene Neuzüchtungen. Beispiele dafür sind der Blattkakteensekor und Echinopsis-Hybriden. Hybriden sind Neuzüchtungen, beispielsweise mit karierten Blüten.

Außerdem werden immer wieder besondere Aktionen veranstaltet, wie seit 15 Jahren ein Kakteenessen. Dabei handelt es sich um ein mehrgängiges Menü, bei dem in jedem Gang Kaktus verarbeitet wird. Meist stammen diese aus Mittel- bis Südamerika, wo Kakteen auch von Einheimischen verspeist werden.

Trotz seiner Begeisterung kann Haage auch Negatives an den Wüstenpflanzen finden. So sei aufgrund der Dornen das Einpacken besonders aufwendig.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Deutschen schicken den Kaktus in die Wüste
Autor
Laura Eckhard
Schule
Johannes-Kepler-Gymnasium , Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2011
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance