Den Euro absägen

Gerda Johanna Werner war das Modell für die Baumpflanzerin auf der Rückseite der deutschen 50-Pfennig-Münze. Im Jahr 1999 überreichte ihr die Stadt Darmstadt ein ungewöhnliches Bildnis ihrer selbst. Auf einer Veranstaltung zu Ehren ihres Mannes, des 1949 verstorbenen Bildhauers Richard Martin Werner, der das 50-Pfennig-Motiv entworfen hatte, schenkte man Gerda Werner ein ausgesägtes, vergoldetes und zur Anstecknadel verarbeitetes 50-Pfennig-Stück. Angefertigt hatte dies der Essener Münzensäger Karsten Schienagel.
Seit 1992 macht der gelernte Masseur aus Münzen Schmuck. War es anfangs nur eine Freizeitbeschäftigung, um Freunde und Bekannte zu beschenken, so bezeichnet sich Schienagel seit 1995 als „professionellen Münzsäger“ und betreibt seitdem sein eigenes kleines Unternehmen im Essener Stadtteil Frohnhausen. „Seitdem mache ich beruflich nichts anderes mehr und lebe davon“, sagt Schienagel. In seinem Betrieb sägt er die Motive von Münzen aus aller Welt in Handarbeit aus und verarbeitet sie zu Schmuck. Dieser reicht von Kettenanhängern und Anstecknadeln bis hin zu Ohrringen und Krawattenklammern. Zwar ist die Bearbeitung von Geld ein sensibler Bereich, doch gibt es in Deutschland kein Gesetz, das dem Münzsäger verböte, aus Münzen Schmuck herzustellen.
Es gibt einfache Kopf-Motive, bei denen es 45 Minuten dauert, sie auszusägen, es gibt aber auch Motive, die 30 Stunden beanspruchen. Das Sägen einer Zwei-Euro-Münze dauere zum Beispiel auf der Adler-Seite etwa zwei Stunden, auf der anderen Seite jedoch vier bis fünf Stunden. „Je nachdem, wie filigran das Motiv ist, dauert es entsprechend länger.“ Grundsätzlich eignen sich fast alle Münzen zum Aussägen. „Es gibt da aber eine aus Brasilien, die sehr schwer auszusägen ist, weil das Metall immer zerspringt“. Die Werkzeuge werden immer moderner und präziser. Heute haben Sägen eine Genauigkeit von 0,2 Millimetern. Die Kundschaft ist bunt gemischt. Es gebe sowohl junge Kunden unter 20 Jahren, die einfach das Motiv schön finden oder die Arbeit schätzen, als auch ältere Menschen, die sich an die deutsche Mark von früher erinnern und dazu eine schöne Assoziation haben. Im Jahr verkauft Schienagel rund 500 Münzen. Die meisten Verkäufe tätigt er auf Messen und Märkten mit bis zu 50000 Besuchern. Hier erzielt Schienagel rund drei Viertel seines Gesamtumsatzes. Die dort verkauften Münzen hat er schon vorher ausgesägt und verarbeitet. Sie werden meist von der Laufkundschaft erworben. Der restliche Umsatz ergibt sich aus individuellen Aufträgen. Die mit Abstand am meisten verkaufte Münze ist das 50-Pfennig Stück mit etwa 30 Prozent, es hat den höchsten Wiedererkennungswert, „wenn ich potentiellen Kunden das ausgesägte Stück zeige, wissen alle, was meine Arbeit ist“. Seit der Einführung des Euro stieg die Nachfrage nach D-Mark-Münzen, aber auch der Euro selbst interessiert die Kunden sehr. Die Preisspanne reicht von 18 bis 430 Euro, das 50-Pfennig-Stück kostet 35 Euro.
Schienagel hat einen Materialvorrat von mehreren tausend Münzen und mehr als tausend Motive aus gut 180 verschiedenen Ländern von Ägypten bis Zypern. Die Münzen stammen von Reisen und von Münzhändlern. „Auch Ebay ist ein guter Markt für Spezielles, aber die meisten Kilos bekomme ich durch Münzreste wie Urlaubsgeld oder abgelaufenes Geld von Freunden, Bekannten und auch von Leuten, die ich vom Markt kenne“, sagt Schienagel. Kunden können ihm auch ihre eigenen Münzen zusenden und sie zu Schmuck verarbeiten lassen. Ein Ehepaar hat sogar bei der Hochzeit statt der Eheringe ausgesägte Münzen ausgetauscht. Und ein argentinischer Pferdezüchter beauftragte Schienagel, aus einer Metallplatte ein Brandzeichen herzustellen. „Er wollte zwar keine Münze, aber er hat erkannt, dass ich Metall gut aussägen kann.“
Laut Schienagel gibt es rund ein Dutzend professionelle Münzsäger in Deutschland, die diese Tätigkeit hauptberuflich ausüben und sich selbständig gemacht haben. Diese sieht Schienagel nicht als Konkurrenz. Denn einige seiner Kunden haben Schmuckmünzen erstmals bei anderen Münzsägern gesehen und dann bei ihm eingekauft, und umgekehrt sei es genauso. „Wir schaufeln uns die Kunden quasi gegenseitig zu.“ Angesichts der Eurokrise weiß Schienagel, wie viel er dem Euro zu verdanken hat, und hofft auf die Rettung seines angeschlagenen Arbeitgebers.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Euro absägen
Autor
Hedayat Hemat
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance