Wie sich Kinder Kaugummis andrehen

Ungefähr 500 000 Kaugummiautomaten gibt es in Deutschland, erklärt Thomas Witt, Geschäftsführer des Bundesverbands der Warenautomatenaufsteller (BWA). Die meist roten Apparate mit dem lockenden Inhalt kamen in der Nachkriegszeit mit den Kaugummis hierher. Damals erlebte die Branche „goldene Zeiten“, meint Automatenaufsteller Heiko Schütz aus Unnau. Doch inzwischen ist es schwieriger geworden, einen hohen Umsatz zu erzielen. „Das Geheimnis liegt in der Zahl“, sagt Witt. Thomas Krist, der Erste Vorsitzende des Verbands Automaten Fachaufsteller (VAFA), erläutert, dass ein Aufsteller mindestens 2500 Kaugummiautomaten benötigt, um von ihnen leben zu können. „Es gibt immer weniger Aufsteller, die jeweils umso mehr Automaten besitzen“, ergänzt Witt. Waren es seiner Ansicht nach vor 30 Jahren noch schätzungsweise 10 000 Aufsteller, so haben im Laufe der Jahre „die Großen die Kleinen aufgekauft“, sodass noch etwa 2000 Betriebe übriggeblieben sind, von denen ein großer Teil nur als Nebenbetrieb arbeitet.
Der mit einem Kaugummiautomaten erzielte Umsatz hängt vom Standort, vom Einzugsgebiet und natürlich vom Inhalt ab. „Früher sind die Kinder zum Automaten gekommen, heute müssen die Automaten zu den Kindern kommen“, sagt Krist. Deshalb findet man sie oft in der Nähe von Schulen, Bushaltestellen und auf Schulwegen. Nils Miksch, Geschäftsführer der Kinderplanet GmbH aus Buseck bei Gießen, einem der eigenen Angaben zufolge größten Vermieter, Aufsteller und Großhändler von Kinderunterhaltungsgeräten in Deutschland, bezeichnet den Umgang mit dem Kaugummiautomaten als „das erste eigene Geschäft“, das Kinder abschließen.
Alexandra Gambel, Inhaberin eines Automaten-Vertriebs aus Adelsdorf in Mittelfranken, vertreibt Kaugummiautomaten. Außenapparate kosten zwischen 67,50 und 84,90 Euro, der Preis der Gehäuse dafür beginnt bei 100 Euro. Gambel verkauft jährlich zwischen 300 und 400 Automaten. Viele Privatleute zählen zu ihren Kunden, aber auch in der Gastronomie sind die Geräte gefragt. Gambel bezieht ihre Automaten teils aus China und teils von Großhändlern wie Thomas Krist, der einen Automatenwarenvertrieb in Lorch betreibt. Seine Kunden seien zu 95 Prozent Automatenaufsteller. Ein Warenautomat besteht aus vielen Plastikteilen, die in Krists Unternehmen gespritzt und zusammengebaut werden. Jedoch kauft der gewerbliche Aufsteller laut Krist vor allem gebrauchte Geräte. Jährlich verkauft Krist zwischen 300 und 3000 Stück, die Zahl schwanke von Jahr zu Jahr stark. Befüllt werden die Automaten hauptsächlich mit Kaugummis aus China oder Kanada, die etwa zwei Jahre haltbar sind. Die Aufsteller hängen die Automaten an Hauswänden oder Zäunen auf. Dazu benötigt man das Einverständnis der Eigentümer, die eine Provision bekommen. Nach Angaben von Schütz liegt diese, je nach Standort, bei 10 bis 20 Prozent des erreichten Umsatzes. „Gelegentlich werden auch Jahrespauschalen gezahlt.“ Alle drei bis fünf Monate werden die Automaten neu befüllt und ausgetauscht, „stark frequentierte Standorte besuchen wir noch öfter“, sagt Schütz. In der Werkstatt werden die ausgetauschten Automaten für die nächste Tour hergerichtet.
Natürlich kommt es auch vor, dass Kaugummiautomaten beschädigt werden: „Da haften wir selbst, kaputter weg, neuer hin“, sagt Gerhard Jahn, Automatenaufsteller aus Kammeltal. Seit 26 Jahren ist Jahn in dieser Branche tätig und stellt seine mittlerweile mehrere tausend Kaugummiautomaten in Süddeutschland auf. Jährlich erzielt er einen Umsatz von mehr als 100 000 Euro, sein Gewinn beträgt 20 Prozent vom Umsatz. Heiko Schütz, der sich selbst „Kaugummimann“ nennt, ist seit 2007 in der Branche tätig. Er hat seinen alten Beruf in einem Groß- und Einzelhandel für Raumausstattung an den Nagel gehängt, um etwas Neues auszuprobieren. Den durchschnittlichen Umsatz einer seiner zwischen 1500 und 2500 Automaten schätzt er auf 48 Euro je Schacht und Jahr. Ein Problem sei der stark schwankende Umsatz. Weil sich die demographische Struktur rund um die Automaten verändert, müssen sich die Aufsteller mit ihrer Standortwahl anpassen.
Nils Miksch verkauft auch selbstgebaute Kaugummiautomaten. Allerdings sind dies nur 50 Stück im Jahr, die, je nach Bauart, zwischen 50 und 600 Euro kosten. Kinderplanet erzielt einen Jahresumsatz von 1,2 Millionen Euro, davon werden 2 bis 3 Prozent als Gewinn verzeichnet. Miksch sieht den Kaugummiautomaten durch die wachsende Warenvielfalt und die daraus resultierende zunehmende Spezialisierung bedroht.
Die Euro-Umstellung im Jahr 2001 führte laut Thomas Witt zu einer Reduzierung der Zahl der Kaugummiautomaten. Viele Aufsteller scheiterten an der Umrüstung. Die Umstellung der in den Automaten enthaltenen Münzprüfanlagen kostete 20 Euro je Automat. Witt schätzt, dass es vor der Währungsumstellung 100000 bis 200000 Automaten mehr gegeben habe. „Die stark rückläufige Kinderzahl macht unserer Branche schwer zu schaffen“, sagt Krist. Es werde für die Aufsteller immer schwieriger, neue Standorte mit hohen Frequenzen zu finden. Denn der Kaugummiautomat habe das Image „da ist nichts Gutes drin“. Hinzu komme der Verdrängungswettbewerb unter den Aufstellern. Die Branche ist geprägt durch die Konkurrenz um die neuesten Trends und die erfolgreichsten Standorte.
Für die Zukunft der Außenautomaten sieht Nils Miksch schwarz. Die Branche habe in den vergangenen Jahren sinkende Umsätze verzeichnet. Erschwerend kommen steigende Hygienevorschriften hinzu, an die sich die Aufsteller als lebensmittelverarbeitende Betriebe halten müssen. Die Kaugummiautomaten sind laut Miksch ein ziemlicher Grenzbereich. Im Jahr 2008 wurde eine neue EU-Verordnung eingeführt, die die Automatenaufsteller zur Kennzeichnung verpflichtet. Von außen müsse das Mindesthaltbarkeitsdatum des Inhalts, dessen Inhaltsstoffe und der Produktweg sichtbar gemacht werden.
„Wir schauen optimistisch in die Zukunft“, sagt dagegen der Automatenaufsteller Schütz. Und der VAFA sucht nach neuen Trends für Aufsteller. Krist spricht vom „Nischen-Entdecken“, um weiterhin Umsatz zu machen. Kaugummis auf „knalligere, auffälligere Weise“ zu verkaufen, sollte laut Thomas Witt das Bestreben der Aufsteller sein. Durch seine praktische Bauweise sei der Kaugummiautomat seit mehr als 40 Jahren unverändert geblieben. „So lange es Menschen gibt, die sich die Mühe machen, die Automaten zu befüllen und zu pflegen, wird es auch noch Kaugummiautomaten geben.“ Entscheidend für die Zukunft der Branche sind aber letztlich die Kinder. Werden sie auch in Zukunft ihr Taschengeld in den Kaugummiautomaten werfen und mit strahlenden Augen darauf warten, dass eine süße, bunte Kugel aus dem Schacht fällt?
 

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Titel
Wie sich Kinder Kaugummis andrehen
Autor
Sabrina Ludwig
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance