Cosplayer plaudern aus dem Nähkästchen

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Kostümspiele aus Japan sind bei jungen Leuten gefragt. Für die phantasievollen Verkleidungen greifen sie tief in die Tasche - oder zu Nadel und Zwirn.

Für viele Jugendliche ist das aus Japan stammende "Cosplay" kein Fremdwort mehr. Die Abkürzung des Englischen costume play bezeichnet einen Verkleidungstrend, der mit dem Manga- und Anime-Boom auch nach Deutschland gekommen ist. Für die Heilerin Yuna aus Final Fantasy zum Beispiel benötigt man einen Kimono, eine Perücke, passende Schuhe und ihren Stab. Cosplay ist besonders bei jungen Leuten im Alter von 16 bis 25 Jahren verbreitet; dabei gibt es wesentlich mehr weibliche als männliche Cosplayer. Die Letztgenannten machen nur etwa 20 Prozent aus. Beim Cosplay kann man die Kostüme grob in zwei Kategorien teilen. "Zum einen die Klassiker, wozu ich Serien wie Sailor Moon, Neon Genesis Evangelion oder die Final-Fantasy-Reihe zählen würde. Zum anderen die Trendserien, also Aktuelles, das zeitweise einen regelrechten Cosplay-Boom auslöst. Dazu gehören Naruto und Kingdom Hearts", meint die 23 Jahre alte Germanistikstudentin Kerstin Heyne, die seit 2006 begeisterte Cosplayerin ist und ihre Kostüme selbst näht.

Die Verkleidungen sollen natürlich auch präsentiert werden. Hierbei spielen Veranstaltungen eine große Rolle. "Für die Cosplayer-Szene relevant sind hauptsächlich die AnimagiC in Bonn und die Connichi in Kassel. Beide Conventions zählen jährlich um die 15 000 Besucher", berichtet Heyne. Die Tickets zur AnimagiC kosten für drei Tage 50 Euro, für die Connichi sind es 35 Euro. Von den Eintrittsgeldern werden unter anderem japanische Gäste wie Manga-Autoren oder Bands eingeladen. Auch Merchandise-Artikel werden auf den Veranstaltungen angeboten: Plüschtiere, DVD, CD, Bücher und Verkleidungsaccessoires zu unterschiedlichen Serien. Aus der Sicht Heynes sind diese meist überteuert. "Ich war vor einem Jahr für drei Wochen in Japan. Dort gibt es 100-Yen-Shops, in denen ich Fächer zu 100 Yen (90 Cent) das Stück gekauft habe. Auf der letzten AnimagiC gab es exakt die gleichen Fächer für 8 Euro das Stück. Ich persönlich kaufe deshalb nur selten etwas auf diesen Veranstaltungen. Aber viele andere machen dort nahezu Großeinkäufe." Das Wichtigste auf den Conventions sind aber die Kostüme der Cosplayer, die versuchen, ihren ausgewählten Charakter durch ein recht genaues Kostüm möglichst gut darzustellen, und dann für Fotos Modell stehen. Die Kostüme sind entweder selbst genäht oder gekauft. "Das kommt ganz auf die eigene Einstellung an. Auf Conventions oder bei Fotoshootings finde ich es in Ordnung, ein gekauftes Kostüm zu tragen, solange man es eben nicht als sein eigenes Werk ausgibt. Genug Leuten fehlt das Talent zum Nähen, oder sie besitzen keine Nähmaschine. Nur auf Cosplay-Wettbewerben ist ein gekauftes Kostüm definitiv inakzeptabel", meint Heyne.

 Vergleichbar ist das japanische Cosplay mit dem Larp (Live Action Role Playing), bei dem es um die Darstellung von Charakteren aus dem Mittelalter geht. In Japan ist Cosplay Kult. Während es dort eigene Läden gibt, die sich auf Cosplay spezialisiert haben, ist es in Deutschland schwer, an ein Kostüm zu kommen, das den eigenen Vorstellungen gerecht wird. Viele sind oft nur aus dem Ausland erhältlich oder müssen bei Schneidereien in Auftrag gegeben werden. Bei den Kostümen spielen meist die Details eine große Rolle. Hans-Christian Blech, Chefredakteur von cosplay.de, einem Internetportal, auf dem sich die Spieler austauschen, schätzt die Zahl der Cosplayer allein in Deutschland auf rund 10 000. "Richtig aktive Cosplayer gibt es nur etwa 2000 bis 3000 in Deutschland, aber es werden ständig mehr", sagt Blech.

Aufgrund der steigenden Nachfrage wächst die Zahl der Unternehmen, die Kostüme im Internet anbieten. So findet man auf cosplay-design.net eine große Auswahl an Kostümen, deren Preise im Durchschnitt bei knapp 100 Euro liegen. Bei 399cosplayshop.com kosten die Kostüme zwischen 70 und 170 Euro. Jährlich werden dem Unternehmen zufolge etwa 50 Kostüme nach Deutschland verkauft, und die Nachfrage aus Deutschland steigt. Cosplaymagic.eu bietet ebenfalls fertige Kostüme im Internet an, zu Preisen zwischen 100 und 200 Euro. Bei der kostuemschmie.de in Stuttgart können Kostüme sogar in Auftrag gegeben werden. Deren Preis ist dann abhängig von der Qualität der Stoffe und der Detailgenauigkeit. "Ab 500 Euro sind nach oben hin keine Grenzen gesetzt", sagt Geschäftsinhaberin Tanja Müller. Doch die Wirtschaftskrise hinterlässt auch hier ihre Spuren. "Das Problem ist nicht, dass der Trend zurückgeht, sondern dass die Leute ihr Geld lieber anderweitig investieren", meint Müller. Zwar gehen die Jugendlichen weiterhin ihrem Hobby eifrig nach, doch werden mittlerweile immer mehr Kostüme selbst genäht. Unter den Cosplayern in Deutschland fertigen schätzungsweise 70 bis 80 Prozent ihre Kostüme selbst an. Dafür zahlt man dann für Stoffe, Garn und Bänder, je nach Qualität, zwischen 20 und 50 Euro. Für die Schuhe, die noch abgeändert werden müssen, etwa 20 bis 50 Euro. Hinzu kommen zum Beispiel die Augenfarbe (Kontaktlinsen: 20 Euro), Make-up (10 Euro), Perücke (20 bis 30 Euro) und die Details (Schmucksteine, Lacke, Stofffarben, Moosgummi und Ähnliches für 10 bis 30 Euro). Insgesamt kostet ein mittelmäßiges Kostüm im günstigsten Fall zwischen 70 und 100 Euro.

Natürlich ergibt das Material allein kein fertiges Kostüm. Für dessen Anfertigung wird viel Zeit, Kreativität und Geduld benötigt. Denn die wenigsten Charaktere tragen Kleidung, die sich mit normaler vergleichen lässt. Und so kann es sein, dass man sich eine Lösung für freischwebende Flügel einfallen lassen muss. "Ich habe fünf bis sechs Basisschnitte, also sehr einfache Schnittmuster, zum Beispiel für eine Bluse, einen Blazer, zwei Korsagen und zwei Röcke, die ich je nach Kostüm leicht abändere. Allerdings gibt es nur für einige Kostümteile fertige Schnitte, der Großteil muss ohne Muster genäht werden", erläutert Heyne. Oftmals wird auch beim Material noch improvisiert, so dass zum Beispiel Kabel, Gardinenringe oder Deko-Elemente zweckentfremdet werden. Über die Tricks und Kniffe bei den einzelnen Kostümen tauscht man sich mit anderen Cosplayern aus. Billig ist dieses Hobby jedenfalls nicht. "Die Con-Tickets, die Nächte in Jugendherbergen, die Anfahrt: Für ein ganzes Wochenende auf einer bekannten Convention kommen mindestens 150 Euro auf einen zu", sagt Heyne. Und durchschnittlich besucht jeder Cosplayer im Jahr vier bis fünf Conventions, wofür er, wenn möglich, jeden Tag ein anderes Kostüm haben sollte. Jährlich kommen laut Heyne mindestens fünf Kostüme zusammen, oftmals mehr. "Wenn man die Kosten für Kostüme und Veranstaltungen addiert, könnte ich von einem Jahr Cosplay problemlos zwei bis drei Wochen in Urlaub fliegen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Cosplayer plaudern aus dem Nähkästchen
Autor
Barbara Stauffer, Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 10.06.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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