Auf Tuchfühlung mit dem Fernen Osten

Vor 16 Jahren waren Kimonos in Deutschland kaum verbreitet. Ab und zu hing einer im Teeladen, man sah sie auf Theaterbühnen oder las darüber", erzählt die ehemalige Kostümbildnerin Anette Maschmann. Sie machte sich die Situation zunutze und gründete ihr Unternehmen Yukata Kimono in Berlin, das ein breites Sortiment von alten japanischen Kimonos bis hin zu neuen Seidenkimonos, Baumwollyukata und Kinderkimonos führt. Mittlerweile sind Kimonos zwar auch in auf Japanartikel spezialisierten Läden und sogar in Versandhäusern erhältlich, doch die Zahl der Kimonodesigner und -schneider ist hierzulande weiterhin überschaubar, es gibt gerade einmal eine Handvoll.

Laut Gianni Sarto, einem der wenigen deutschen Kimonodesigner, "erlebt der Kimono eine kleine Renaissance. In Japan entdecken vor allem junge Frauen die vornehme Kleidung für sich. Sie tragen sie in der Freizeit oder sogar im Beruf. Der Kimono - zu Deutsch ,Das Ding zum Anziehen' - ist eines der wenigen Kleidungsstücke, das nur aus Rechtecken besteht. Von der Zahl sind es sieben, die geschickt aneinandergenäht werden, ohne dass sie auf menschliche Rundungen Rücksicht nehmen."

Simone Seeger studierte Kunstgeschichte und ist Kimonosammlerin von, wie sie sagt, "hauptsächlich alten Stücken, die europäische Einflüsse wie Jugendstil, Flowerpower-Popart und Konstruktivismus widerspiegeln". Sie besitzt etwa 50 Stück und meint, dass die "teils handbemalten Seidenstoffe eine einmalige künstlerische und handwerkliche Qualität haben". Die reduzierte Schnittform sei seit dem 16. Jahrhundert für Männer, Frauen und Kinder unverändert. "Der leinwandgleiche Schnitt ist eine Bildfläche, auf der sich Zeitgeist und Geschmack widerspiegeln." Seeger arbeitet mit mehreren Läden zusammen, die ihre Kimonos ausstellen. "Zudem veranstalte ich mit einer japanischen Kimonobinderin Modeschauen, etwa auf der Fashionweek Berlin und dem Japanfestival in Berlin sowie für Toyota."

Beeinflusst durch wechselnde Trends, fühlen sich unterschiedliche Altersgruppen vom Kimono angezogen. So zählt Maschmann "junge Leute, vorwiegend Cosplayanhänger und kleine Mädchen, die sich als Geisha verkleiden möchten, aber auch Seniorinnen, deren Alter über die 90 hinausreicht", zu ihren Kunden. "Die Kimonos werden auch von Männern gekauft." Ältere Männer kaufen gern Yukata, also die Haus- und Schlafkimonos aus Baumwolle. "Kimonos sind kein reines Frauenthema", bestätigt Sarto. "Etwa 65 Prozent meiner Kunden sind Männer." Seine Kimonos aus Baumwolle sind von 580 Euro an, die aus Seide ab 780 Euro erhältlich. "Jeder Kimono ist, basierend auf den Grundmodellen, individuell von mir entworfen und vom Meisterbetrieb hergestellt." Es sei wesentlich einfacher für den Kunden, all die Feinheiten mit ihm in Deutschland abzustimmen, als mit einem Designer in Japan. Zudem gehe es schneller. Und Sarto ergänzt: "Auch die Sprache ist bei einer Bestellung in Japan meist ein Hindernis. Hinzu kommt, dass Kimonos aus Japan für unsere europäischen Körpermaße weniger geeignet sind. Die Körperverhältnisse sind anders. Zuletzt spielt auch der Preis eine entscheidende Rolle. Kimonos in Japan sind für unser Verständnis sehr teuer." Das betrifft vor allem das Luxusviertel Ginza in Tokio. Das Traditionsunternehmen Isehan fertigt zum Beispiel Seidenkimonos an, die bis zu 17000 Euro kosten können.

Als die Schneiderin Elke Maâtoug im Jahr 2003 arbeitslos wurde, gründete sie die Ich-AG Farbe & Stil in Hamburg. Ihre Kimonos kann man zu verschiedenen Anlässen tragen. "Als Morgenmantel aus Viskose, als Hochzeitskimono aus Seide oder etwa als Reisebademantel aus Baumwolle", sagt Maâtoug. Der Preis liegt zwischen 130 und 390 Euro. Zurzeit vertreibt sie ihre Kimonos auf Kunst- und Wochenmärkten. In einem Jahr verkauft sie etwa zehn Stück.

Maschmann setzt bei der Auswahl der Stoffe vor allem auf Seide und Baumwolle. Je nach Alter und Zustand liegen die Preise ihrer japanischen Unikate zwischen 100 und 350 Euro, die Seidenkimonos kosten zwischen 180 und 250 Euro. Vergleichbar günstig sind ihre Baumwollyukata für etwa 80 Euro. "Kimonos passen allen: Jung und Alt, Mann und Frau, Klein und Groß, Dick und Dünn. Sie sind zeitlos und haben nichts mit Mode zu tun", sagt Maschmann. Ihre Kimonos zeichnen sich vor allem durch eine "Mischung aus Tradition und Moderne aus, die für den europäischen Geschmack übersetzt ist. Da für die meisten Europäer japanische Sportbekleidung zu kurz ist, erhält Maschmann oft Anfragen aus diesem Bereich. "Ich fertige häufig Kimonos und Unterkimonos für verschiedene Sportvereine an, die japanischen Schwertkampf oder Bogenschießen anbieten und deren Prüfungen zumeist in Japan stattfinden." Zudem kann man bei ihr auch Kleidung ausleihen. Dies wird vor allem für große Veranstaltungen, Film, Theater und Fototermine genutzt. Maschmanns Jahresumsatz liegt bei rund 50000 Euro.

Akiko Probst, Inhaberin des Japanladens Akiko in Hamburg, führt seit 2003 Kimonos in ihrem Sortiment, "weil es hier keine schönen Kimonos gibt, sondern meistens nur Billigware aus China oder Vietnam". Ihr Anliegen sei, "den Hamburgern Japan näherzubringen". Probst hat eine Auswahl von gebrauchten und zum Teil sehr alten Kimonos aus Kyoto im Sortiment. Sie kosten zwischen 120 und 320 Euro. Ihr Jahresumsatz liegt zwischen 40000 und 60000 Euro, der Anteil der Kimonos daran beläuft sich auf drei Prozent.

Das Unternehmen Princess of Asia Company Ltd. mit Sitz in Bangkok konzentriert sich auf den Online-Verkauf. Von Anfang an gehörten Kimonos zum festen Sortiment. Deren Preise liegen zwischen 17 und 60 Euro. Der monatliche Umsatz beläuft sich je nach Saison auf 50000 bis 100000 Euro. Geschäftsführer Stephan Kochler erklärt, dass die Kimonos vor allem "während der Faschingszeit die unumstrittenen Verkaufsschlager sind". Außerhalb der Faschingszeit machen die Kimonos etwa 20 bis 25 Prozent vom Umsatz aus. Sie kommen entweder direkt aus China oder von thailändischen Produzenten. "Dabei handelt es sich oft um Familienbetriebe, die sich auf die Herstellung von Kimonos spezialisiert haben. Das Material, das für die hier produzierten Kimonos verwendet wird, wird aus China eingeführt", sagt Kochler.

Der Fotograf und Mangazeichner Georg Matthes heiratete 1970 die japanische Kimonodesignerin Kazue Matthes und zog 1972 nach Japan. Er besitzt "sieben Yukata in Japan und drei in Deutschland. Meine Frau besitzt um die 20 Kimonos, die sie allesamt selbst designt hat." Er spricht von einem "besonderen Gefühl", einen japanischen Kimono zu tragen; das Anziehen erweist sich jedoch als schwierig. Als Qualitätsmerkmal wertvoller Kimonos benennt Matthes das Design der Stoffe. Seine Frau trug bei der Hochzeit einen Kimono, den man nur an diesem besonderen Tag trägt. Und Matthes ergänzt: "In Japan tragen Frauen Kimonos zu allen Gelegenheiten, etwa auf Hochzeitsfeiern von Freunden, Jubiläen und zur Volljährigkeit. Am Neujahrstag kann man die meisten Kimonos auf den Straßen bewundern. Zudem gibt es noch das Shichi-go-san-Fest, an dem die Kinder, die 5 oder 7 Jahre alt geworden sind, ihren ersten offiziellen Kimono bekommen und darin feiern."

An sich ist "der japanische Kimono mit all seinen Unterkimonos, Bändern, Obi und so weiter alles andere als bequem", erklärt Maschmann. "Der Faktor Erotik spielt mitunter eine Rolle. Erotik hat in diesem Fall jedoch nichts mit unserer Vorstellung von Erotik gemein. Das ist ganz anders. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Frotteebademantel oder gar einer Jogginghose ist der Kimono ein optischer Gewinn."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Tuchfühlung mit dem Fernen Osten
Autor
Lisa Horrer, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 10.06.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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