Wie man Kuh und Milch laufen lässt

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Es ist Samstagmorgen, sieben Uhr. Während Anton Weber aus dem schwäbischen Waldstetten die Daten des Kontrollsystems am Computer abliest, laufen seine Kühe im Stall herum, fressen, schlafen oder lassen sich melken. Eben hat sich Kuh 173 am System angemeldet. Geduldig steht sie im Stand und wartet, bis der Laser die Position des Euters errechnet und der Roboterarm angelegt wird: Das Melken kann beginnen. Hinter der VW-Bus-großen Box wartet bereits ungeduldig eine weitere Kuh, dass sich das Eingangstor öffnet. „Durch den Melkroboter wird das Leben mit der Milchkuh erträglich gemacht“, sagt Weber.

Von Anfang an hatte man beim holländischen Familienunternehmen Lely in Maassluis die Vision, eine Alternative für das arbeitsintensive Melken zu finden. „Da hat man sich rangesetzt und versucht, einen Roboter zu konstruieren“, erklärt Jochen Döhring, Prokurist bei Lely. Der ehemalige Vertriebsleiter der deutschen Niederlassung von Lely ist dort heute als Marketingmanager tätig. 1992, nach rund vier Jahren Entwicklungsarbeit, kam der erste Lely-Melkroboter mit dem Namen „Astronaut“ auf den Markt. „Wir haben eine neue Milchstraße entdeckt, und um dahin zu kommen, braucht man schon einen tüchtigen Astronauten“, scherzt Döhring. Das 1948 gegründete Unternehmen war bisher als Landmaschinenhersteller bekannt. Mittlerweile konzentriert es sich ausschließlich auf die Milcherzeuger. „Vom Weidegras zum Milchglas“, beschreibt Döhring die Produktpalette. Nicht nur das Melken ist mechanisiert, sondern auch alle Schritte vorher: der Grasschnitt, das Füttern, das Reinigen der Ställe. Dafür gibt es einen Fütterungs- und einen Entmistungsroboter.

Mit gut 1200 Mitarbeitern erwirtschaftet Lely einen Jahresumsatz von 390 Millionen Euro. Davon entfällt knapp die Hälfte auf die Innenwirtschaft mit Schwerpunkt Melktechnik. Die Produkte vertreibt Lely in mehr als 60 Länder. Zwischen 6 und 8 Prozent vom Umsatz steckt man in Forschung und Entwicklung.

Lely ist mit Abstand Weltmarktführer im Bereich Melkrobotertechnik. In Deutschland liegt der Marktanteil bei 60 Prozent. „Die Nummer zwei auf dem Weltmarkt ist im Melktechnikbereich DeLaval, ein skandinavisches Unternehmen. Wir und DeLaval haben zusammen in Deutschland etwa 85 bis 90 Prozent Marktanteil“, sagt Döhring. „Im Neuverkauf sind bereits 40 Prozent aller Melksysteme, die heute verkauft werden, Melkroboter, in Dänemark und Finnland sogar über 80 Prozent.“ Auch Miriam Kalff, Solution Manager der Sales Company DeLaval Central Europe, rechnet fest mit stark steigenden Verkaufszahlen für die kommenden Jahre aufgrund der Stabilisierung der Milchpreise. Laut Wolfgang Bachert vom Landesverband Baden-Württemberg für Leistungsprüfungen in der Tierzucht entscheidet die Kuh in rund 1700 deutschen Betrieben von insgesamt 90000 mittlerweile selbst, wann sie gemolken werden will.

„Der Melkroboter ist nicht so, wie man sich ihn vielleicht aus dem Comic vorstellt: ein kleiner Roboter, der im Stall hin und her läuft wie der Bauer, sich eine Kuh greift und die dann melkt“, sagt Döhring. „Ein Melkroboter ist eine feste Station, die von den Kühen freiwillig besucht wird.“ Da das Gemolkenwerden für die Kuh allein keine ausreichende Motivation ist, den Roboter mehrmals täglich aufzusuchen, bekommt sie dort Kraftfutter als Lockmittel. „Und Kühe sind von Natur aus neugierig. Sie lernen auch voneinander. Dies regt ebenfalls zum Roboterbesuch an.“ Der Melkroboter identifiziert die Kuh anhand eines Chips, den sie am Halsband trägt, und entscheidet, ob die Kuh ein Melkanrecht hat. „Das ist wie eine Art Personalausweis“, erklärt Döhring. Hat die Kuh ein Melkanrecht, schließt sich die Box, und die aktuelle Position des Tieres wird durch Sensoren im Wiegeboden ermittelt. Ein Melkarm fährt unter die Kuh. Dieser kontrolliert den kompletten Melkvorgang. Das Euter wird mit Bürsten gereinigt. Durch diesen Reiz wird das Hormon Oxytocin freigesetzt. Die Eutermuskulatur entspannt sich, worauf die Milch zu fließen beginnt. Anschließend wird über einen Laser die Position der Zitzen genau vermessen, und alle Melkbecher, die im Arm integriert sind, werden nacheinander wie von Geisterhand angesetzt.

„Das Melken wird auf Viertelbasis durchgeführt. Das bedeutet: Unser Roboter melkt nicht nach einer sturen Reihenfolge, sondern er setzt dort an, wo die längste Melkdauer zu erwarten ist. Das weiß die Maschine von den vorherigen Melkungen.“ Jede Kuh wird also individuell behandelt. Lely nennt dies „maßgeschneidertes Melken“. Sobald ein Viertel fertig ist, wird der Melkbecher wieder abgenommen. Dadurch vermeidet man das Blindmelken jeder einzelnen Zitze und verkürzt die Zeit, während deren die Kuh an der Maschine hängt. Das Vorgemelk sortiert der Roboter automatisch aus. Dabei handelt es sich um Milch, die eventuell im Euter in kleinen Hohlräumen zusammengelaufen ist und eine hohe Keimzahl aufweist. Nach dem Melken werden die Zitzen desinfiziert und mit Hautpflegemittel besprüht. Die Hauptmilch fließt mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 2,3 Litern in der Minute über einen Sensorblock. Dieser misst individuell für jedes Euterviertel Farbe, elektrische Leitfähigkeit, Temperatur, Melkzeit, Menge und vieles mehr. „Ein Melkroboter ist in der Lage, über feine Sensorik bereits früh Informationen zu geben, lange bevor man Veränderungen sieht. Dadurch kann der Landwirt den Ausbruch einer Erkrankung in vielen Fällen im Keim ersticken. Das bringt ihm natürlich enorme wirtschaftliche Vorteile“, ist Döhring überzeugt. Dem stimmt Weber zu. Durch den Melkroboter könne man die Milchqualität wesentlich besser kontrollieren als mit herkömmlichen Melksystemen.

Eine Melkung dauert im Schnitt 6 bis 8 Minuten und liefert 8 bis 12 Liter Milch. „Kühe, die kurz vor dem Trockenstehen sind und deshalb eine geringe Tagesleistung haben, werden in der Regel nur zweimal gemolken. Tiere, die an der Spitze der Laktation stehen, also eine Tagesleistung von 40 bis 50 oder noch mehr Kilogramm Milch erreichen, besuchen viermal, gegebenenfalls auch fünfmal am Tag den Roboter“, erklärt Döhring. Die meisten Lely-Kunden melken zwischen 550000 und 700000 Kilogramm mit einem Roboter im Jahr. Spitzenbetriebe schaffen sogar mehr als 800000 Kilogramm. Die durchschnittliche Milchleistung einer Kuh beträgt etwa 8000 Kilogramm.

Seit Anton Weber einen Melkroboter hat, gibt jede Kuh etwa 500 Liter mehr Milch. Der Roboter ist für ihn nicht mehr wegzudenken. „Man ist viel flexibler, hat mehr Zeit und weniger Arbeit“, betont er. Ein Nachteil sei, dass man jeden Tag säumige Kühe nachtreiben müsse. Dabei handle es sich oft um Tiere mit geringerer Milchleistung und geringerem Anspruch an Kraftfutter oder um kranke oder nicht lernfähige Tiere.

Beim Kauf eines Melkroboters muss man zwar tief in die Tasche greifen – 120000 Euro kostet die Maschine netto, zudem sind jährliche Wartungs- und Reparaturkosten anzusetzen, die Döhring auf 3000 bis 4500 Euro je Maschine beziffert. Allerdings spart Weber eine volle Arbeitskraft ein. Dass man auch mit anderen Melktechniken glücklich werden kann, davon ist Ralf Over, Agrarökonom an der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume in Schwäbisch Gmünd, überzeugt: „Der Melkroboter erleichtert zwar die Arbeit, allerdings muss man Management und Kontrolle intensiver betreiben.“ Ein Melkroboter eigne sich ausschließlich für Familienbetriebe. Großen Betrieben mit 200 und mehr Kühen empfiehlt er eher ein Melkkarussell oder Gruppenmelkstände. Döhring vertritt eine andere Philosophie: „Der Melkroboter eignet sich auch für Großbetriebe. In Ostdeutschland haben wir Landwirte mit 10 Robotern im Stall, in Kanada haben wir sogar einen Betrieb mit 18 Melkrobotern. Es mag Ausnahmen geben, in Saudi-Arabien beispielsweise gibt es einen Betrieb mit 30000 Kühen. Das wäre mit Melkrobotern sicherlich relativ zeitaufwendig, aber für Betriebe bis 1500 oder sogar 3000 Kühe spricht überhaupt nichts gegen einen Roboter.“

Döhring ergänzt: „Es hat lange gedauert, bis der Roboter im Markt akzeptiert wurde. 1992 verkauften wir den ersten Roboter. In den folgenden fünf Jahren verkauften wir hundert Melkroboter. Bis zum Jahr 2000 waren es bereits 1000 Roboter, und im vergangenen Jahr waren bereits 9000 Melkroboter unserer Firma auf dem Markt.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Kuh und Milch laufen lässt
Autor
Julia Schweizer, Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 24.06.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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