Jeder Bude wohnt ein Zauber inne

Es ist sieben Uhr morgens, wenn Pavel Dudek seinen 40 Quadratmeter großen McKiosk in der Bonner Altstadt aufschließt und seinen Arbeitstag beginnt, der erst um zwei Uhr nachts enden wird. Der 29 Jahre alte Pole führt den kleinen Laden seit etwa zwei Jahren als selbständiger Unternehmer. Die Miete ist mit 500 Euro mäßig, dafür musste er fast 20000 Euro in die Komplettsanierung stecken. Zusätzlich zur üblichen Kiosk-Produktpalette bietet McKiosk Milch, Käse und Wurst sowie Spezialitäten an, die Dudek direkt aus Polen bezieht. „Warka-Bier gibt's in meinem Kiosk, oder man fährt dafür nach Warschau“, kommentiert Dudek sein Alleinstellungsmerkmal in Bonn. Seine Kunden seien überwiegend Deutsche, nur geschätzte 5 Prozent kommen aus Polen. Den größten Umsatzanteil stellen die Tabakwaren mit etwa 19000 Euro monatlich. Der Ertrag ist bescheiden: Von jeder Zigarettenpackung bleiben Dudek nur etwa 25 Cent. „Mit Zigaretten hole ich die Kunden in den Laden, der Ertrag kommt aus den Getränken“, sagt Dudek. Jeden Monat setzt er ungefähr 1500 Liter Bier ab. Bei einem Verkaufspreis von 1,40 bis 1,50 Euro je halben Liter ergibt sich ein Umsatz von 4300 Euro und ein Rohertrag von knapp 3000 Euro. Dazu kommen andere Alkoholika im Wert von gut 1000 Euro. Süßwaren werden mit einem Aufschlag von mehr als 100 Prozent verkauft. Bei einem Umsatz von 1000 Euro tragen sie etwa 600 Euro zum Ergebnis bei. Weitere Umsatzträger sind Presseartikel (400 Euro), Lebensmittel (300 Euro) und Saisonartikel wie Grillkohle (100 Euro). Die Kunden schätzen vor allem die Nähe. „Zum nächsten Supermarkt wären es fast zehn Minuten, und dann immer die Schlange an der Kasse. Da zahle ich lieber ein paar Cent mehr für mein Bier“, sagt Stammkunde Stefan Otterbach.

Laut Einzelhandelsverband (HDE) gibt es in Deutschland etwa 48000 Kioske mit einem Gesamtjahresumsatz von 8,5 Milliarden Euro, die Zahl sinkt. Als Kiosk bezeichnet der HDE sämtliche kleinflächigen Einzelhandelsbetriebe mit einem engen Sortiment des kurzfristigen Bedarfs. Dazu gehören auch die Trinkhallen.

Dass die Supermärkte ihre Öffnungszeiten ausdehnen, lässt Dudek unbeeindruckt. Wichtiger sind ihm geöffnete Kneipen in der Nachbarschaft. Denn viele Kunden kommen nach dem Bierchen noch in den Kiosk, um sich einen Absacker für zu Hause zu holen. Der beste Platz, um einen Kiosk zu eröffnen, sei dort, wo viele Menschen zusammenkommen: in der Innenstadt oder in der Nähe eines Bahnhofs. Insgesamt verzeichnet Dudek einen durchschnittlichen Monatsumsatz von 27000 Euro. Der Rohertrag liegt bei etwa 5500 Euro. Hiervon sind Miete, Strom, Versicherungen und Grundsteuern abzuziehen, 2200 erhalten die fünf Aushilfen, deren Stundenlohn bei 5 Euro liegt. Unterm Strich bleibt dem Kioskbesitzer ein monatlicher Reingewinn von 2600 Euro für 288 Stunden Arbeit. Auf lange Sicht ist ihm das zu wenig. Deshalb studiert Dudek nebenher Betriebswirtschaftslehre.

Informationen zum Beitrag

Titel
Jeder Bude wohnt ein Zauber inne
Autor
Simon Reininger, Clara-Schumann-Gymnasium, Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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